Kultur : Bruno Preisendörfer über Altpapier, Schönschreiber und schwarze Nächte

Der Attrappenkrieg im Kosovo mit seinen "Kollateralschäden" und wie dergleichen Worte fürs Totgeschossenwerden aus Versehen sonst noch heißen, ist zu Ende. Und natürlich war er für die Nato ein Erfolg, ob das mit dem Dutzend getroffener serbischer Panzer nun stimmt oder nicht. Er war auch ein Erfolg ganz unabhängig davon, ob das Ziel erreicht wurde, die Vertreibungen und Zerstörungen zu verhindern; beides ist ja nicht gelungen. Übrigens bin ich überzeugt, daß keiner in den Planungsbüros der Behörde (und "die Nato" ist eine Behörde mit allen üblichen Karriere-Intrigen) das jemals ernsthaft angenommen hat. Es ist jedenfalls fragwürdig, in zehn Wochen eine humanitäre Lösung heranzuinterventionieren, die man zehn Jahre politisch von sich fortgeschoben hat. Das ist für die Machtstatur der Institution Nato auch minder wichtig. Der Erfolgskern der Intervention besteht für die Nato darin, erstens eine nach Auflösung des "Warschauer Paktes" entstandene Legitimationslücke geschlossen und zweitens militärisch-handwerkliche Aktionsfähigkeit im Ernstfall unter Beweis gestellt zu haben.

Über die neue Rolle der Nato und die alten Konflikte in der Balkanregion wird am Wochenende auf einer internationalen KosovoKonferenz im Haus der Kulturen der Welt diskutiert. Am Sonnabend haben Schriftsteller (darunter Herta Müller, Bora Cosi¿c, Marlene Streeruwitz), am zweiten politischen Publizisten (Timothy Garton Ash, André Glucksmann u.v.a.) das Wort. Der Ordnungsablauf ist, wie soll man es auch anders machen, durch eine Reihe von Podiumsdiskussionen gesichert: Zum Beispiel über "Kultur und Vielfalt - die Macht der Freiheit" (Sonnabend 16 - 19 Uhr), ein typisches Schriftstellerthema. Oder "Zur Legitimität der Nato-Intervention" (Sonntag 17.30 - 19.00 Uhr); da dürfte besonders interessant sein, was Nenad Canak aus Novi Sad und Baton Haxhiù aus Pristina uns (und einander) zu sagen haben. Wie ja überhaupt das Verdienst dieser Konferenz darin besteht, die "Schwangere Auster" zum Resonanzraum für öffentliche Stimmen aus den Ländern des Krieges zu machen.

Mit hübsch erfundenen Bürgerkriegchen in einem "apokalyptischen" Berlin hat Tim Staffel in seinem Roman "Terrordrom" Furore gemacht. Heute abend, Literaturforum, 20 Uhr, liest Staffel vor. Man kann ihn auch nachlesen: regelmäßig im neuen, ach so aufgedrehten "Leben"-Teil der "Zeit", der ganz eloquent sterbenslangweilig ist. Wenigstens hat man die beiden bunten Bögen wunderbar schnell "durch" und kann sie heiteren Herzens ungelesen auf den Altpapierstapel segeln lassen.

Am Sonnabend geht in der Literaturwerkstatt die 8. Sommernacht der Lyrik über die Bühne. Ich darf das mal mit Peter Waterhouse sagen, der anwesend sein wird: "Ich bereitete mich auf die Nacht vor. Die Bereitung auf die Nacht geschah in der Stille. Die Nacht kam um acht Uhr." Aber Vorsicht, die Sommernacht fängt erst um neun Uhr an. "Ich kannte die Nacht nicht. Die Nacht war hell. Die Nacht war weiß. Die Nacht war rot. Die Nacht war schwarz." Schluß mit der kleinen Entwendung aus "Sprache Tod Nacht Außen" von 1989. Wie Waterhouse heute dichtet, hören Sie am Sonnabend. Zu den anderen Auftreterinnen und Auftretern gehören Anne Duden, Marcel Beyer, Volker Braun, um nur die bei uns bekannteren Namen zu nennen. Durch den Abend führt Brigitte Oleschinski. Aber vorher gibt es noch eine Einführung zur Durchführung: Claudia Baumhöver vom "HörVerlag" stellt eine CD mit dem Titel "Sommernacht der Lyrik - Gedichte von heute" vor, eine Art poetischer Sampler aus den Dichternächten der letzten Jahre. Zu all dem gibt es Live-Musik, Bier, Wein und Gaumelei. Es handelt sich dabei also erwartungsgemäß um eine rummelige, dafür garantiert weihefreie Poesie-Promotion.

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