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Bryan Ferry : „Es war eine endlose Party“

01.12.2012 00:00 Uhr
Stilikone. Bryan Ferry, 67, wurde als Sänger von Roxy Music berühmt. Foto: Adam WhiteheadBild vergrößern
Stilikone. Bryan Ferry, 67, wurde als Sänger von Roxy Music berühmt. - Foto: Adam Whitehead

Ein Gespräch mit Bryan Ferry über Jazz, Eleganz, das Alter und die Faszination der zwanziger Jahre.

Mister Ferry, alle in Ihrem Umfeld haben sich heute Ihrem noblen Stil angepasst.

Ich habe mich für ein schwarzes Hemd mit Kragen und ein dunkles Baumwollsweatshirt mit V-Ausschnitt entschieden. Gute Wahl?

Eine wundervolle Wahl. Ich weiß das zu schätzen und bin sehr gerührt.

Sie haben mit Roxy Music stilistisch eine neue Ära eingeleitet. In den siebziger Jahren konnten Sie noch Grenzen austesten. Empfinden Sie Mitleid mit heutigen Künstlern, die es schwerer haben, etwas Neues zu erschaffen?

Auf jeden Fall. Ich bin mir aber sicher, dass noch nicht alles passiert ist.

Manchmal hört man sich junge Bands an und denkt: „Oh mein Gott, es muss sehr schwer sein, seinen Weg zu finden und etwas Neues zu erschaffen.“ Oftmals klingt die Musik nach einer Kombination von Bekanntem. Das ist wohl ganz normal. Ich habe als junger Mensch viele tolle Lehrer in der Musik gefunden, die ich gehört habe. Das bedeutete für mich eine fundierte Grundlage im Jazz und im Blues. Das galt besonders für den Jazz, weil es die erste Stilrichtung war, die mich wirklich angezogen hat. Das war 1954, als ich neun Jahre alt war.

Und das hatte natürlich Einfluss auf Ihre ersten eigenen Gehversuche.

Ja, als ich begann, Musik zu machen, hatte ich das Gefühl, viele verschiedene Stile aufgesogen zu haben. Das beinhaltete Musik von den Broadway-Shows, natürlich Jazz und Blues, Elvis, Little Richard und Fats Domino, also all diese großartigen frühen Rock’n’Roller. Das floss alles in meinen Kopf hinein. Dann geschieht plötzlich etwas mit dir und du findest am Ende deinen eigenen Weg. Das ist aber ein schwerer Prozess, und er scheint immer schwieriger zu werden.

Mit Ihrem neuen Album „The Jazz Age“ gehen Sie in die zwanziger Jahre zurück. Was fasziniert Sie an der Musik dieser Epoche?

Ihre Einfachheit und Ehrlichkeit. Sie wird so wunderbar gefühlvoll und versiert interpretiert. Die Musiker waren große Könner. „The Jazz Age“ ist ein Instrumentalalbum, bei dem Louis Armstrong und Duke Ellington die wichtigsten Einflüsse waren. Sie beide, besonders Louis Armstrong, starteten die moderne Popmusik. Manche Songs folgen eher dem New-Orleans-Stil von Louis Armstrong , sind also eher schneller. Die anderen, die dunkleren und mysteriöseren Stücke, orientieren sich an Duke Ellingtons Cotton-Club-Ära-Stil. Seine Klarinettenarrangements waren kunstvoll, das Orchester hat alles großartig zusammengefügt.

Sie haben versucht, den Schellackplatten- Sound nachzuahmen.

Ich glaube, dass dich die Musik an einen anderen Ort versetzen kann. Wir wollten, dass sie nach den zwanziger Jahren klingt. Deshalb haben wir den Sound ein wenig bearbeitet, obwohl wir in einem modernen Studio aufgenommen haben. Wir haben sogar alte RCA-Mikrofone benutzt. Es war mir wichtig, dass es sich so anhört, als kämen meine Songs aus einer anderen Zeit.

Die Zeit zwischen den Weltkriegen.

Das war die Zeit des großen Überschwangs. Es war sehr ungestüm und die Geburtstunde vieler Dinge. In dieser Zeit flog Charles Lindbergh in seinem Flugzeug das erste Mal über den Atlantik. Stellen Sie sich vor, wie aufregend das alles gewesen sein muss. In New York schossen Wolkenkratzer in die Höhe. Die Inspiration für die Musik von damals kommt größtenteils aus New York, obwohl Berlin in den zwanziger Jahren auch eine wichtige Stadt war, in der es ähnlich hedonistisch zuging. Von Paris ganz zu schweigen. Wenn man heute an diese Ära denkt, stellt man sich eine endlose Party vor.

Romantisieren Sie diese Epoche nicht auch ein wenig?

Ich bin mir sicher, dass ich einen romantischen Blick darauf habe. Es ist toll, jetzt zu leben und Hilfsmittel wie Computer zu haben. So kann man sehr einfach in der Vergangenheit wühlen. Ich liebe es, zurückzublicken, obwohl meine Karriere wohl eher darauf basierte, neue Klänge zu entdecken und nach vorne zu schauen.

Sie meinen mit Ihrer Band Roxy Music?

Ja, das gilt mit Sicherheit für die frühen Tage von Roxy Music. Es war ein tolles Gefühl, das man damals hatte. Man hatte eine Avantgarde-Rolle zu spielen. Es ist aber auch wichtig, ab und zu zurückzuschauen und hoffentlich aus der Vergangenheit zu lernen. Ich lese gern Biografien aus verschiedenen Zeiten. Mich fasziniert Geschichte. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich in der Schule eine tolle Geschichtslehrerin hatte. Sie schaffte es, alles zum Leben zu erwecken. Es war toll, ein Interesse für Dinge aus der Vergangenheit zu entwickeln, obwohl man fest im Hier und Jetzt verankert war.

Sie sind in diesem Jahr 67 Jahre alt geworden. Wie schafft man es, im Popgeschäft in Würde zu altern?

Es ist sehr schwierig, weil es eben manchmal ein von Jugend besessenes Geschäft ist. Ich kann mich glücklich schätzen, dass die ersten Leute, die ich bewunderte, entweder alt oder schon tot waren. Musik stand für mich also nie wirklich im Zusammenhang mit Jugend. Es ging da eher um die Reife, das Können, den Soul, das Gefühl und die Emotionen. Das alles hat sich verändert, als Elvis auftauchte. Er stellte den Beginn der Jugendkultur dar. Doch von einem älteren Künstler erwarten die Leute nicht, dass er besonders jung wirken soll. Er muss Lebensfreude ausstrahlen. Das ist wichtig!

Das Gespräch führte Dennis Kastrup. The Bryan Ferry Jazz Orchestra: „Jazz Age“ ist bei Rough Trade erschienen.

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