Kultur : Bryan Ferry im Interview: "Schwermut ist schöner"

Sie saßen in einem Flugzeug[das am 31. Deze]

Sie saßen in einem Flugzeug, das am 31. Dezember auf dem Flug nach Kenia beinahe abgestürzt wäre. Hat das Ihre Entscheidung beeinflusst, wieder mit Roxy Music aufzutreten?

Es hat sie bestärkt. Nach solchen Ereignissen denkt man darüber nach, dass man das Beste aus seinem Leben machen sollte. Ich fühlte, dass es Zeit ist, diese Roxy-Music-Tour zu machen, nach der die Leute mich in den letzten Jahren immer wieder gefragt hatten. Die Band wird bald dreißig Jahre alt. Die anderen waren sehr enthusiastisch, auch Paul Thompson, der Originaldrummer von Roxy Music, wollte dabei sein.

Warum wollte Brian Eno nicht mitmachen?

Er möchte nicht auf Tour gehen. Wir haben gemeinsam einen Song für mein neues Solo-Album geschrieben, das nach der Tour erscheinen wird.

Mit den beiden letzten Alben "Flesh and Blood" (1980) und "Avalon" (82) verdiente Roxy Music viel Geld, aber wenig Anerkennung.

Heute ziehe ich die älteren Sachen aus der ersten Hälfte der Karriere vor. Songs aus der ersten Periode klingen jetzt bei den technischen Möglichkeiten sogar besser als in den siebziger Jahren. Aber um "Avalon" Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Ich finde, es hat eine sehr starke Stimmung. Und ich glaube, "My Only Love" auf "Flesh and Blood" ist einer meiner besten Songs. Für die Entwicklung hin zu dem kommerzielleren Sound war niemand direkt verantwortlich. Manchmal geht man als Künstler seltsame Pfade und Jahre später wundert man sich: Warum habe ich das gemacht? Manchmal, wenn man das Gesamtwerk betrachtet, macht es dann wieder Sinn, weil es einen Kontrast setzt. "For Your Pleasure" ist mein Lieblingsalbum von Roxy Music, aber ich würde nicht wünschen, dass alle unsere Platten so klingen.

Reunions wirken in ihrer Nostalgie oft peinlich. Haben Roxy Music es einfacher, weil sie immer schon nostalgisch waren?

Vielleicht. Ich liebte schon immer Duke Ellington und Frank Sinatra. Sie haben mich ebenso beeinflusst wie Velvet Underground. Ich habe nie Jugendkultur mit guter Musik gleichgesetzt.

Roxy Music gelten wegen ihres Spiels mit Zitaten als erste Postmodernisten des Pop. War Ihnen das bewusst?

Nein, wir dachten darüber nicht nach. Zudem waren wir nicht die einzigen, die auf Zitate zurückgriffen. Die Glamrock-Bewegung ging insgesamt einher mit einem Revival der fünfziger Jahre.

Eines Ihrer Idole ist Humphrey Bogart. Woher rührt diese Faszination?

Weil er eine Ikone ist. Ähnlich wie Marilyn Monroe ist er eine Figur, die jenseits der Filme eigenständig geworden ist. Als Kind wohnte ich in der Nachbarschaft eines Kinos. Meine Mutter machte Tee für den Vorführer, so bekamen wir Freikarten. Ich verbrachte viele Nachmittage im Kino wie der kleine Junge in dem italienischen Film "Cinema Paradiso"..

Die Coolness von Humphrey Bogart funktioniert nur im Film. Wie authentisch ist die Sentimentalität von Bryan Ferry?

Ich habe schwermütige Songs schon immer vorgezogen. Das hat sich dann auch bei unseren Stücken bemerkbar gemacht. Außer "Virginia Plain" und "Do The Strand" sind die Singles meist Balladen gewesen. Ich habe wohl einfach diese melancholische Ader.

Sie stilisieren sich als jemand, der an der Liebe leidet. Mick Jagger als jemand, der andere leiden lässt. Hat Ihre Beziehung zu Jerry Hall, Jaggers Ex-Frau, Sie bestätigt?

Die Musikkritiker haben immer wieder geglaubt, dass ich mich auf Jerry Hall beziehen würde, sei es auf dem Cover von "The Bride Stripped Bare" oder auch in einem Song wie "Prairie Rose", den ich angeblich für sie geschrieben haben soll. Tatsächlich habe ich sie erst kennen gelernt, nachdem ich "Prairie Rose" aufgenommen hatte. Man darf meine Beziehung zu Jerry Hall nicht überschätzen. Es war nur eine Episode in meinem Leben. Und nicht alles, worüber ich gesungen habe, ist selbst erlebt. Es sind vielfach auch geborgte Erfahrungen.

Also ist die Stilisierung nur kalkuliert?

Nein, das wird mir zwar auch immer wieder nachgesagt, aber es stimmt nicht. Um die Sachen zu schreiben, muss man sie vorher fühlen. Ich habe mich immer darüber geärgert, dass man mir Oberflächlichkeit unterstellt.

Wie sieht es mit Ihrer Stilisierung als Upper-Class-Dandy aus?

Mein Vater war ein Bauer, der nach der Depression seinen Hof verlor, danach arbeitete er in den Kohleminen bei Durham. Meine Mutter war politisch immer sehr links. Ich war immer stolz auf meine Herkunft, ich habe mich nie dafür geschämt, dass meine Eltern arm waren.

Mit Ihrer Karriere haben Sie dieser Herkunft entfliehen wollen?

Ja, aber tatsächlich verhält es sich bei vielen Künstlern so. Cary Grant oder Fred Astaire stammten auch aus einem armen Elternhaus und in späteren Rollen finden sich praktisch keinerlei Spuren ihrer sozialen Herkunft mehr.

Haben die ihre Kinder auch auf teure Eliteschulen wie Eton geschickt?

Jeder, egal welcher Herkunft, würde dafür sorgen, dass seine Kinder die besten Chancen erhalten. Es ist nicht fair, wenn man mir unterstellt, ich wollte mich der Oberschicht anbiedern. Ich habe mich nur schon früh für schöne Dinge interessiert.

Man hat Ihnen Sympathien für Maggie Thatcher nachgesagt.

Die Ära Thatcher war vielleicht nicht Englands beste Zeit in diesem Jahrhundert, aber ich halte sie für einen sehr starken "Staatsmann". Ihre zahlreichen Gegner haben ihr eine gewisse Aura verliehen. Ich glaube, dass es immer leichter war, gegen Maggie Thatcher zu sein als für sie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar