• BSE: Brandenburger Öko-Bauern fordern Kontrollen schon in den Betrieben. Und sie wünschen sich ein neues Zertifikat: BSE-freier Betrieb

Kultur : BSE: Brandenburger Öko-Bauern fordern Kontrollen schon in den Betrieben. Und sie wünschen sich ein neues Zertifikat: BSE-freier Betrieb

Claus-Dieter Steyer

Angst vor BSE? Auf dem Oberhavel-Bauernmarkt in Schmachtenhagen nördlich von Berlin war am Wochenende nicht viel davon zu spüren. Die Gäste bestellten in der großen Gaststube nach wie vor Rinderbraten, Rinderfilet oder andere Fleischgerichte. "Bei uns wissen die Besucher, woher die Produkte kommen", sagt Geschäftsführer Siegfried Mattner. "Wir fahren mit ihnen in die Ställe der Rinder und Hühner und zeigen ihnen deren Herkunftsnachweis. Dabei sprechen wir auch offen über alle Fragen rund um die Tierverarbeitung." Nur so könne das Vertrauen der Kunden erhalten oder wiedergewonnen werden. Da ist sich Mattner ganz sicher.

Mattner sieht wie seine anderen im Verband der Brandenburger Direktvermarkter zusammengeschlossenen Landwirte in der aktuellen Diskussion um Rinderwahnsinn auch eine Chance. "Wir müssen mit der Kontrolle wieder in den Betrieben anfangen und nicht erst im Schlachthof", fordert der Herr über einige Hundert Tiere auf dem Hof der Agrargesellschaft. Es nütze nicht viel, mit den BSE-Tests erst nach dem Schlachten zu beginnen. Da hänge dann vielleicht das Fleisch eines erkrankten Tieres anderthalb Tage neben dem eines gesunden. Außerdem sei jetzt die Wissenschaft gefragt. Bisher könne der BSE-Erreger erst bei 30 Monate alten Tieren festgestellt werden. Doch rund die Hälfte des gesamten Rindfleisches stamme von Tieren im Alter von 18 Monaten.

Der Fachmann will deshalb ein neues Zertifikat auf dem Markt bringen: "BSE-freier Betrieb". Solche Unternehmen müssten sich unter anderem verpflichten, kein Tiermehl einzusetzen, kein Mischfutter ohne genaue Prüfung zu verwenden und entsprechende Qualitätsgarantien vom Viehhandel zu verlangen. Unabhängige Prüfer sollten das kontrollieren. Mattner: "Der Verbraucher könnte dann gezielt nach solchen Betrieben fragen."

Vor allem Öko-Betriebe und Direktvermarkter, die ihre Produkte entweder auf dem eigenen Hof und auf Märkten verkauften oder an ausgesuchte Restaurants, Krankenhäuser oder private Abnehmer lieferten, seien bestens für die Qualitätsprüfungen gerüstet. "Wir verwenden in der Fütterung schon seit garantiert zehn Jahren kein Tiermehl mehr und kommen damit gut zurecht", versichert Mattner. Das aus Tierkadavern und Knochen gewonnene Mehl steht im Verdacht, den sogenannten Rinderwahnsinn zu verbreiten.

Gerade in Brandenburg, wo rund 100 000 Mutterkühen stehen, geben viele Landwirte dem Handel die Schuld an der aktuellen Krise. Er zwinge durch sein Streben nach immer tieferen Preisen in den Regalen die Produzenten zu billigster Produktion in den Ställen und Schlachthöfen, hieß es vom Verband der Direktvermarkter. Große Transporter würden inzwischen Tiere durch ganz Europa fahren, nur um den Gewinn des Handels noch zu steigern. Da könne der Kunde mit seiner Entscheidung für bestimmte Sorten und ein Herkunftsgebiet an der Fleisch- und Wursttheke schon viel bewegen.

Den vom 1. Dezember an in ganz Brandenburg stattfindenden BSE-Schnelltests bei Schlachtrindern sehen die meisten Landwirte gelassen entgegen. "Entweder wir stürzen in eine große Hysterie, falls tatsächlich in unserem Bundesland ein BSE-Fall auftaucht", sagte ein Bauer aus Neu-Fahrland bei Potsdam: "Oder wir erhalten endlich Sicherheit für unser Wirtschaften." Vorsichtshalber wollte er allerdings den Namen seines Betriebs nicht genannt wissen. "Wer heute schon den kleinsten Zweifel an der Gesundheit seines Tierbestandes äußert, hat doch beim Handel oder bei den Kunden schon verloren." Selbst Landesbauernpräsident Heinz-Dieter Nieschke wollte seine Hand für ein "BSE-freies Brandenburg" nicht ins Feuer legen. Es sei bislang unmöglich, sämtliche Betriebe zu kontrollieren.

Das Brandenburger Agrarministerium rechnet mit einem riesigen logistischen Aufwand, um den vollständigen Rinderbestand auf BSE-Symptome hin zu testen. Jährlich kommen hier 25 000 bis 30 000 Tiere auf die Schlachtbank. "Da müssen wir durch", sagt Siegfried Mattner. Sonst könne der Berufsstand einpacken.

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