Kultur : BSE: Chronik eines vorhersehbaren Todes

Hendrik Bebber

Es begann - wie in Deutschland - mit einem Einzelfall: Im November 1986 rief Peter Stent in West Sussex den Tierarzt zur Hilfe, weil eine Kuh auf der Weide wie betrunken herumtaumelte. Bei der Autopsie des Tieres stellen Veterinäre und Wissenschaftler eine schwammartige Auflösung des Hirnes fest, die sie "Bovine Spongiforme Encephalopatie" (BSE) nennen. Das Landwirtschaftsministerium wird informiert, aber bewahrt vorläufig Stillschweigen. Es beginnt die Kette von "Versäumnissen, Verschleierungen und Fehlurteilen" - so der diesen Oktober veröffentlichte Report zur BSE-Krise. An die viereinhalb Millionen Rinder verendeten oder mussten notgeschlachtet werden. Die Entschädigung für die Bauern und die Beseitigung der Kadaver kostete die britischen Steuerzahler über sieben Milliarden Mark. Bis jetzt sind in Großbritannien 88 Menschen an der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (nCJK) gestorben.

Anderthalb Jahre nach dem ersten Auftritt des "Kuhwahnsinns" fielen ihm schon 2300 Rinder zum Opfer. Erst dann beginnt die Regierung mit halbherzigen Gegenmaßnahmen. Ab 1980 wurden aus Kostengründen keine Chemikalien mehr verwendet, die das Protein in den "Fütterkuchen" für Kühe auflösten. Mutierte Eiweißverbindungen werden vielfach als Erreger von "BSE" angesehen. Das erklärt auch, warum der "Kuhwahnsinn" fast ausschließlich britische Herden befallen hat. Freilich wurden im restlichen Europa Tausende von Tonnen britischer Futtermittel importiert, in denen hauptsächlich Schafabfälle verarbeitet sind. Bei englischen Schafen ist schon seit zweihundert Jahren die Krankheit "Scrapie" bekannt, die ähnliche Symptome wie BSE aufweist.

Wie sich herausstellte, wiesen die Chefveterinäre im Landwirtschaftsministerium ihre Mitarbeiter zwischen 1985 und 1988 sogar an, wissenschaftliche Gutachten zu "frisieren". Dabei sollte jede Verbindung von BSE zu der ähnlichen Schafkrankheit "Scrapie" vermieden werden. Als die Warnungen unabhängiger Wissenschaftler über diesen Zusammenhang nicht mehr länger ignoriert werden konnten,beruhigte Professor Richard Southwood im Namen der konservativen Regierung: "Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass BSE irgendwelche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zeigen wird." Als reine "Vorsichtsmaßnahme" wird die Verfütterung von Tiermehl verboten, die Notschlachtung befallener Herden angeordnet. Innereien kommen nicht mehr in den Handel.

Zwei Jahre später verkündet der oberste Gesundheitsbeamte des Königreiches, Sir Donald Acheson, im Mai 1990, dass dank der neuen Bestimmungen "britisches Rindfleisch das sicherste der Welt ist". Landwirtschaftsminister John Gummer füttert zum Beweis dafür seine vierjährige Tochter vor den Fernsehkameras mit einem "Hamburger". Im gleichen Jahr krepieren 14 500 Rinder an BSE.

Am Höhepunkt der Krise im Jahre 1992 werden fast 40 000 neue Fälle von BSE in britischen Herden festgestellt. Doch die Regierung von John Major verneint weiter jede Gefährdung von Menschen. 1995 wird der 19-jährige Stephen Churchill aus Devizes das erste Opfer von nCJK. In wenigen Wochen verwandelte die Krankheit den sportlichen jungen Mann in ein körperliches und geistiges Wrack. Seine Eltern wurden als Unruhestifter angegriffen, als sie den Tod ihres Sohnes mit BSE-verseuchtem Rindfleisch in Zusammenhang bringen.

Im folgenden Jahr bestätigt die zentrale Erfassungsstelle für CJK ihren Verdacht. Das Institut in Edinburgh untersuchte 207 Fälle von CJK, die seit Mai 1990 auftraten. Dabei fielen ihnen zehn Fälle auf, bei denen der Krankheitsverlauf und die pathologischen Befunde nicht in die medizinische Erfahrung passten. Nach diesem Gutachten muss auch das Gesundheitsministerium einen "möglichen Zusammenhang" zugeben. Eine Woche danach verkündet die EU den Importbann für britisches Rindfleisch.

In der Massenpresse wechseln markige Durchhalteparolen ("Kondome sind 98 Prozent sicher, britisches Rindfleisch 100 Prozent") mit apokalyptischen Prognosen, dass das Königreich sich in wenigen Jahrzehnten in ein einziges Irrenhaus und Sterbehospiz verwandelt. Doch bei den Schätzungen über die mögliche Zahl der Opfer herrscht noch größere Unklarheit als bei der Ursachenforschung für BSE und nCJK. Ein Wissenschaftler vermutet, dass über eine halbe Million Menschen an Creutzfeldt-Jakob erkranken könnten. Die Schätzungen des Oxforder Universitätsinstituts für medizinische Statistik liegen zwischen "ein paar Hundert" und "höchstenfalls 130 000" Fällen.

Zum ersten BSE-Fall in Deutschland erinnerte die linksliberale Zeitung "The Independent" die Briten daran, besser an den Ausbruch der Seuche vor 14 Jahren zu denken, als sich mit Schadenfreude zu trösten.Dennoch gab ein britischer Fernsehmoderator mit Sicherheit die nationale Stimmung wieder, als er sein Interview mit dem deutschen Botschafter in Großbritannien mit der Frage begann, wann sich Berlin denn nun entschuldigen werde. Entschuldigen für was? Offenbar dafür, dass Berlin bisher behauptet hatte, Deutschland sei BSE-frei. Der deutsche Botschafter war sprachlos.

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