Kultur : BSE: Foulspiel von der Ersatzbank

Katharina Schuler

Die BSE-Krise treibt merkwürdige Blüten. Statt weniger könnte es in Zukunft mehr Agrarfabriken in Deutschland geben, zumindest insofern es die Puten- und Schweinemast betrifft. Denn seit auch eingeschworene Fleischesser ihr Rindersteak nicht mehr ganz so unbeschwert genießen, sind die Verbraucher massenhaft auf Putenschnitzel umgestiegen. Und die Produzenten ziehen nach: Im Kreis Kleve in Niedersachsen, einem der Zentren der Putenmast, planen die Mäster eine Aufstockung der Bestände von bisher 360 000 Tiere auf beinahe 600 000. Insgesamt seien in den ersten drei Monaten des Jahres 2001 so viele Anträge für Neubauten von Puten- und Schweinemastanlagen gestellt worden, wie sonst im Laufe eines ganzen Jahres, sagt Volkhard Wille, Referent für Agrarpolitik beim Naturschutzbund (Nabu).

Zum Thema Rückblick: Der Beginn der BSE-Krise in Deutschland Putenfleisch gilt als gesunde Alternative zu Rind oder Schwein. Viel Eiweiß, wenig Fett, das schont den Cholesterinspiegel und die schlanke Linie gleichermaßen. Doch nun hat sich die Umweltschutzorganisation Greenpeace vorgenommen, auch diese letzte Bastion des unbeschwerten Fleischverzehrs zu stürmen. Für den Menschen sei vor allem der Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung mit Risiken verbunden, sagt Landwirtschaftsreferent Martin Hofstetter. Zwar haben die Mäster eine freiwillige Selbstverpflichtung unterschrieben, in der sie auf den Einsatz von Antibiotika zur Wachstumsförderung verzichten. Doch die Antibiotika-Abgabe aus gesundheitlichen Gründen ist nach Ansicht von Greenpeace immer noch zu hoch. "Die Ursache dafür liegt in den schlechten Haltungsbedingungen", sagt Hofstetter.

Drei bis vier Puten auf einem Quadratmeter, das sei zu viel. Unter diesen Verhältnissen würden die Tiere aggressiv und verletzten sich gegenseitig. Hinzu kommt ein Phänomen, das unter Tierschützern "Qualzucht" genannt wird. Da Putenbrust beim Verbraucher besonders beliebt ist, werden Tiere gezüchtet, die eine besonders große Brust aufweisen. Eine so genannte Hybrid-Pute wiegt etwa viermal so viel wie ihre unter natürlichen Bedingungen aufwachsenden Artgenossen. Das Skelett jedoch ist das gleiche geblieben und das kommt mit dem neuen Gewicht nicht klar.

Was Greenpeace anprangert sind nicht Gesetzesverstöße, sondern der ganz normale Alltag der Putenzucht. Die Zustände in den Ställen führten dazu, dass die Tiere häufig Medikamente erhielten, und zwar nicht nur die kranken, sondern der ganze Bestand. Als Beispiel nennt Greenpeace einen Stall in Niedersachsen. Bei zwei Tränkewasserproben im Abstand von drei Wochen wurden jedesmal Antibiotika im Wasser festgestellt. "Die Häufigkeit der Medikamentierung ist ein deutliches Indiz für unzureichende hygienische Verhältnisse", sagt Hofstetter. Dass Antibiotika in der Putenzucht häufig eingesetzt werden, wird auch von anderen Fachleuten bestätigt. Vor allem der prophylaktische Einsatz von Medikamenten ist in der Geflügelzucht stark verbreitet, sagt Irene Lukassowitz vom Bundesinstitut gesundheitlicher Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) in Berlin. Die Tierärztin und Geschäftsführerin des Forschungsinstituts biologischer Landbau, Anita Idel, bestätigt, dass dies unter den gegenwärtigen Haltungsbedingungen nicht anders möglich sei.

Kein Problem für die Verbraucher, sagen die Putenverarbeiter. Schließlich würden nach der Verabreichung von Medikamenten bestimmte Wartefristen bis zur Schlachtung eingehalten. "Im Fleisch selbst finden wir tatsächlich selten Rückstände von Arzneimitteln", sagt auch Lukassowitz. Wenn allerdings etwas gefunden werde, dann am häufigsten bei Geflügel. Doch die Rückstände sind nur ein Teil des Problems. Eine weitere Gefahrenquelle stellen antibiotikaresistente Bakterien dar, die über das Fleisch, aber auch durch Staub und Dreck aus den Ställen auf den Menschen übertragen werden. Ihre Resistenzgene können diese Bakterien wiederum an andere Bakterien weitergeben, auch an gefährliche Krankheitserreger. Die Folge für den Menschen: Krankheiten, die bisher mit Antibiotika bekämpft wurden, können mitunter wieder tödlich enden.

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