Kultur : BSE: Gesundheitspolitik

Robert Birnbaum

Es ist nicht unter allen Umständen schön für den Rufer in der Wüste, Recht gehabt zu haben. "Es geht jetzt nicht um Nachkarten", sagt Bärbel Höhn. Dabei hätte die nordrhein-westfälische Grünen-Umweltministerin Grund dafür. Seit langem hat sie gewarnt und gerufen. Als Höhn im letzten Frühjahr in Nordrhein-Westfalen 5000 Rinder mit einem damals neu entwickelten Schnelltest auf die Rinderseuche BSE überprüfen ließ, erntete sie höhnisches Lächeln: Na ja, die Ökos übertreiben mal wieder. Seit Freitag aber steht fest: Es war der pure Realismus. Um 14:24 Uhr flammte auf den Nachrichtenbildschirmen der deutschen Redaktionen eine dpa-Eilmeldung auf: "Erster BSE-Fall in Deutschland - Rind aus Schleswig-Holstein".

Aus heiterem Himmel kam das nicht. Erst vor kurzem hat die EU Deutschland in die BSE-Risikogruppe 3 eingeordnet. Die Euro-Experten hielten die Wahrscheinlichkeit für hoch, dass es auch hierzulande Rinder gibt, die mit der rätselhaften Krankheit infiziert sind.

Zwar ist seit 1994 EU-weit die Verfütterung von Tierkadaver-Mehl an Wiederkäuer verboten. Aber erstens ist niemand völlig sicher, dass nicht auch nach 1994 noch kontaminierte Altbestände in den Futtertrögen landeten. Zweitens kann der Erreger von längst geschlachteten Muttertieren, bei denen die Krankheit noch nicht sichtbar ausgebrochen war, auf Kälber übertragen worden sein. Und drittens wissen die Fachleute zu berichten, dass es insbesondere bei Transporten durchaus nicht sicher sei, ob nicht doch Tiermehl zugefüttert werde: "Da werden Tiere mit kräftiger Eiweiß-Gabe für lange Strecken fit gemacht", sagt ein Fachmann.

Er hält es für nicht unplausibel, dass die vor mehr als zwei Jahren aus Sachsen-Anhalt auf die portugiesischen Azoren exportierte Kuh, die unter BSE-Verdacht steht, sich auf dem Transport infiziert hat. Wie auch immer es nun war - die Politik ist aufgeschreckt. Und tut, was sie in solchen Fällen gerne tut: Jeder schiebt die Schuld auf den anderen, und jeder hat es immer schon besser gewusst. Die Opposition - die zu Zeiten, als sie noch regierte, stets Loblieder auf das Fleisch aus deutschen Landen gesungen hat - attackiert die Regierung: Was die sich leiste, kalauert CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer, gehe "auf keine Kuhhaut". Andere wie Bauernpräsident Gerd Sonnleitner oder Schleswig-Holsteins Regierungschefin Heide Simonis (SPD) zeigen auf die Europäische Union in Brüssel.

Die gibt den Schwarzen Peter dankend zurück: Dass jetzt auch in Deutschland BSE nachgewiesen worden sei, habe ihn nicht sonderlich überrascht, sagt der für Gesundheit und Verbraucherschutz zuständige Kommissar David Byrne. Und Bryne erinnert genüsslich daran, dass es ja die Deutschen gewesen seien, die lange Zeit den EU-Beschluß blockierten, besonders riskantes Material wie Hirn, Rückenmark und Augen von Schlachttieren generell aus der Nahrungskette zu verbannen.

Besonders eindrucksvoll lesen sich bei alledem die Wandlungen des Bundeslandwirtschaftsministers. Noch am Tag bevor das erste deutsche BSE-Rind aktenkundig wurde, verkündete der Sozialdemokrat Karl-Heinz Funke, dass Tiermehl aus deutscher Produktion "sicher" sei und ohne Bedenken an Schafe, Geflügel oder auch Fische verfüttert werden könne. Ein Ausstieg sei langfristig denkbar - aber nicht von heute auf morgen. Zwei Tage später sind diese Sätze des Ministers nur noch Makulatur.

Der Krisenstab aus Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium stoppt jede Tiermehl-Verfütterung - mit Wirkung vom nächsten Mittwoch an.

Höhn übrigens findet das richtig; auch, dass schnell gehandelt worden sei und dass der BSE-Test nun überall kommen soll. Die Grünen-Ministerin denkt aber schon weiter. Denn wenn die Leute aus lauter Panik nun nämlich gar kein Rindfleisch mehr kaufen, und wenn die ohnehin viel zu niedrigen Preise weiter verfallen - dann ist absehbar, wer die Zeche zahlt: Die kleinen Bauern mit extensiver Weidehaltung. Aber genau diese natürliche Fütterung gilt als beste Gewähr gegen BSE. "Wir dürfen nicht mit dieser Krise die nächste auslösen", warnt Höhn.

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