Kultur : BSE: Prinzip Wahnsinn

Dagmar Dehmer

Der Schock hat gerade mal ein halbes Jahr gehalten. Seit Juni liegt der Rindfleischverbrauch in Deutschland wieder bei 80 Prozent der Menge, die vor der BSE-Krise verzehrt worden ist. Ende November 2000 ist in Schleswig-Holstein die erste an der Bovinen spongiformen Enzephalopathie (BSE) erkrankte Kuh entdeckt worden, die auch in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Am Mittwoch sind der 100. und der 101. Fall von Rinderwahn bestätigt worden. Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) rechnet in diesem Jahr mit 200 Fällen.

Zum Thema Rückblick: Der Beginn der BSE-Krise in Deutschland Fast die Hälfte der kranken Tiere wurde in Bayern entdeckt. Woran das liegt, kann sich das Verbraucherschutzministerium in München allerdings nicht erklären. Zwar leben in Bayern mit einem Drittel des gesamten deutschen Rinderbestands mehr Kühe und Bullen als in jedem anderen Bundesland. Doch das allein könne die Häufung von BSE-Fällen nicht erklären, gibt Christoph Spindler, Sprecher des wegen der BSE-Krise neu geschaffenen Ministeriums, zu. "Wir versuchen herauszufinden, womit die Bauern ihre Kühe in den Jahren 1994 bis 1996 gefüttert haben", berichtet er. Die meisten erkrankten Tiere sind in diesem Zeitraum geboren.

Viel mehr Neues kann auch Walter Schulz-Schaeffer noch nicht berichten. Er koordiniert die niedersächsische Forschung zu Transmissiblen spongiformen Enzephalopathien (TSE) - übertragbaren schwammartigen Hirnerkrankungen, die mit dem Rinderwahn verwandt sind. Schulz-Schaeffer lobt vor allem die deutsche Entscheidung, den BSE-Schnelltest für alle geschlachteten Tiere, die älter als 24 Monate sind, zur Pflicht zu machen. "Daraus lässt sich in ein paar Jahren abschätzen, wie hoch das Risikopotenzial für den Menschen ist."

In Großbritannien war 1985 die erste BSE-Kuh entdeckt worden. Der Höhepunkt der Epidemie war 1992 mit 37 280 kranken Tieren erreicht. Seither sinkt die Zahl der Fälle kontinuierlich, im vergangenen Jahr waren es noch 1537. Gute zehn Jahre nach der Entdeckung der tödlichen Hirnschwammerkrankung wurden die ersten Fälle einer neuen Variante der altbekannten Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auf der Insel bekannt. Seither sind mehr als 80 Menschen an der nCJK gestorben. Während die alte Variante der CJK jährlich weltweit in einem Verhältnis von einem Fall zu einer Million Menschen auftritt, wurde die neue Variante der Krankheit bald mit dem Genuss BSE-verseuchten Rindfleischs in Verbindung gebracht. Allerdings ist bis heute unbekannt, wie genau der Ansteckungsweg vom Tier zum Menschen funktioniert. Deshalb ist das auch einer der Schwerpunkte für die TSE-Forschung.

Schulz-Schaeffer kann keine Angaben darüber machen, wie hoch die Gefahr, an der nCJK zu erkanken, in Deutschland ist. Sie sei jedoch etwa 1000 Mal kleiner als in Großbritannien, sagt er. Allerdings weiß niemand so ganz genau, wie viele kranke Rinder in die menschliche Nahrungskette gelangt sind, bevor BSE-Schnelltests eingeführt worden sind. Die lange Inkubationszeit bringt eine weitere Unsicherheit mit sich. Die Krankheit entwickelt sich über einen langen Zeitraum, ohne dass der Patient etwas davon bemerkt. Bisher gibt es auch keine Möglichkeit, CJK frühzeitig zu erkennen. Doch selbst wenn der Kranke wüsste, dass sich sein Hirn schwammartig auflöst, würde ihm das wenig nützen. Das einzige, was die Medizin für ihn tun kann, "ist eine möglichst gute Pflege", sagt Schulz-Schaeffer. Heilung gibt es keine.

Schwere politische Versäumnisse

Seitdem der erste BSE-Fall in Deutschland aufgetreten ist, haben sich Bundes- und Landespolitiker meist gemeinsam um einen besseren Schutz für die Verbraucher bemüht. Allerdings gab es auch in Deutschland dramatische Versäumnisse. So ist es beispielsweise den beiden Vorgängern der grünen Landwirtschaftsministerin Renate Künast, die erst wegen der BSE-Krise ins Amt kam, zu verdanken, dass ein Verbot des Verkaufs von Risikomaterial in der Europäischen Union bis Ende des vergangenen Jahres immer wieder gescheitert ist. Jochen Borchert (CDU) und Karl-Heinz Funke (SPD) verhinderten mehrfach durch ihr Veto im Agrarministerrat, dass Rückenmark und Hirn nicht mehr in die menschliche Nahrungskette gelangen konnten. Und bis zur Einführung der BSE-Schnelltests, wofür insbesondere die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn (Grüne) jahrelang gekämpft hatte, gab es keine Garantie, dass die geschlachteten Tiere nicht am Rinderwahn erkrankt waren. Erst der erste deutsche BSE-Fall hat den Verbraucherschutz zu einem Thema gemacht. Ob es so bleibt, hängt auch davon ab, wie weit das Gedächtnis der Verbraucher reicht.

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