Buch der Woche : Besetzt, aber glücklich

Folgen der Krise: Paul Auster hat mit "Sunset Park" seinen besten Roman seit langem geschrieben.

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Was wir mittlerweile ohne Unterbrechung seit Jahren als „die Krise“ wahrnehmen, begann im Jahr 2007 in den USA, als die Immobilienblase platzte. Die Folge: Millionen von Hausbesitzern waren kaum oder gar nicht mehr in der Lage, ihre Kredite zu bedienen. Die Keimzelle der Krise also. Unter diesem Gesichtspunkt hat Miles Heller einen zeitgemäßen Beruf: Er räumt Häuser in Florida leer; jene Häuser, die von ihren Bewohnern aufgegeben werden mussten, weil sie sie nicht bezahlen konnten. Diese Häuser sollen nun von den Banken möglichst schnell wiederverkauft werden. Spuren von Wut und Enttäuschung sind darin zu finden. Selten hinterlässt einer, der nicht freiwillig geht, sein ehemaliges Heim geordnet und aufgeräumt.

Miles Heller hat begonnen, zu fotografieren: Sein Museum der aufgegebenen Dinge, ein wucherndes Archiv mit Aufnahmen von Büchern, Toastern, Socken, Tennisschlägern, Dessous und toten Tieren umfasst Tausende von Exponaten. Diese Sammlung ist eine geradezu klassische Paul-Auster-Idee. Sie hat etwas Konkretes, Greifbares, Realistisches, gleichzeitig aber auch, vielleicht erst durch das vermittelnde Medium, etwas Unheimliches, ja Gespenstisches.

Und ein solches Gespenst ist auch Miles Heller selbst, eine sinistre, undurchdringliche Figur. 28 Jahre alt ist er, das erfährt man, ungewöhnlich intelligent. Einer, der sein Leben freiwillig auf das Notwendigste reduziert hat; keine Zigaretten, kein Alkohol, keine Restaurantbesuche, kein Fernseher, Radio oder Computer. Ein Mann mit Vergangenheit und einer minderjährigen lateinamerikanischen Freundin. Das Verhältnis muss geheim bleiben. Noch eine Dunkelkammer im Leben.

„Sunset Park“ ist nicht der Roman zur Krise; es ist vielmehr ein Buch, in dem die ökonomischen, psychischen und physischen Krisensymptome in all ihren Variationen offengelegt und durchgespielt werden. Hinter alldem steckt das Unbehagen gegenüber einem politischen System; ein Misstrauen, von dem die Protagonisten befallen sind. Es ist nicht das erste Mal, dass Paul Auster diesen Ansatz wählt. Aber es ist seit langer Zeit wieder einmal nicht nur ein guter, sondern sogar ein sehr guter Auster-Roman – keine postmodernen Tricks, keine selbstreferenziellen (und zuletzt arg selbstgenügsamen) Autor-Leser-Hampeleien.

Miles hat sich aus seiner eigenen Biografie herausgestohlen. Die äußeren Umstände zwingen ihn, nach New York zurückzukehren, wo sich, quasi um ihn herum, das Personal des Romans aufzubauen beginnt. Er, der Häuserentrümpler, zieht in ein von einem alten Freund besetztes, leer stehendes Haus in Sunset Park, einem Teil von Brooklyn. Bing Nathan ist ein Kämpfer gegen das System. Seine Grundregel: „dem Status quo an allen Fronten Widerstand leisten.“ Dazu kommen zwei Frauen in das kleine, aus vier Zimmern bestehende Haus: Alice Bergstrom, die an ihrer Dissertation über Konflikte zwischen Männern und Frauen in Filmen der Jahre 1945 bis 1947 schreibt. Und die Künstlerin Ellen Brice, die sich ihr Geld ausgerechnet als Maklerin verdient hatte.

Sie alle sind sozial deformiert, sexuell ausgebrannt oder frustriert, nur durch Tabletten und Alkohol noch zu beruhigen. Menschen in Amerika, noch keine 30 Jahre alt, erschöpft von den Anforderungen der leerdrehenden Leistungsgesellschaft. Sicher, nicht jeder dieser Charaktere ist Auster so plastisch geraten wie Miles, nicht jeder ist auserzählt. Denn während Miles’ Familiengeschichte ausgeweitet, der Bogen geschlagen wird bis in die Großvatergeneration (der Vater ein Verleger, dessen Verlag, man ahnt es, in der Krise steckt), bleiben die anderen ein wenig in der Luft hängen.

Das ist allenfalls ein struktureller Einwand. Doch darum geht es nicht in erster Linie. Das Haus in Sunset Park wird zu einem Schutzraum, zu einem Hortus conclusus, in dem vier junge, intellektuelle Menschen (paradoxerweise, indem sie gegen das Gesetz verstoßen) das tun können, was im Grunde selbstverständlich sein sollte – zu einem Austausch untereinander, zu einem gesunden Verhältnis zu sich selbst finden. Sie reduzieren ihre „Rückzüge ins Dunkle“, wie es einmal heißt.

Höchst angenehm ist es, einen amerikanischen Roman zu lesen, der nicht von den Sorgen eines gut strukturierten und wohlsituierten Collegemilieus erzählt und trotzdem von schlauen Menschen handelt. „Sunset Park“ ist ein dunkles Buch, das Abschied nimmt von Mythen und den großen Erzählungen über Chancengleichheit. Was nicht bedeutet, das dahinter nicht noch ein kleiner utopischer Raum wäre für eine Form von Hoffnung.

Paul Auster: Sunset Park. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 318 S., 19,95 €.

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