Buch der Woche : Charakter haben andere

Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe erfindet sich eine neue Biografie. Oder ist es doch ihre? So gut und geistreich das Buch geschrieben ist – nach der Lektüre fragt man sich, ob es nicht vor allem Vergnügungsliteratur für Germanisten oder Freunde nabokovianischer Vexierspiele ist.

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Bei der angeblich 1960 im Weserbergland geborenen, von der Kritik seit Jahren gefeierten Schriftstellerin Felicitas Hoppe handelt es sich um eine Erfindung. Wer hinter der Mystifikation die Fäden zieht – das erfährt man am Ende von „Hoppe“, einem wiederum als „Roman“ getarnten biografischen Schlüsselwerk über das Hoppe-Phänomen, das jetzt (unter dem Autorennamen Felicitas Hoppe) erschienen ist.

Sofern von einer Hoppe die Rede sein kann, ist zumindest die Hamelner Herkunft eine fixe Idee, inspiriert durch gewisse Märchen-Lektüren. Wahr im Sinn der Schrift ist vielmehr, dass die kleine Felicitas mit ihrem Vater, dem Erfinder und „Patentagenten“ Karl Hoppe, schon früh nach Kanada übersiedelt. Mutter Maria, von der väterlichen Verwandtschaft als „Provinzdiva aus Breslau“ verunglimpft, hat das Nachsehen. In Brantford, Ontario, wo das Mädchen die Kindheit verbringt und bei der legendären Eishockeyfamilie Gretzky ein und aus geht (und auf der gefluteten, vereisten Wiese hinterm Haus mittrainiert), gilt Karl Hoppe als „russischer Spion“, schon aufgrund seines verdächtig guten Englisch. Merke: „Nur der Teufel spricht sämtliche Sprachen akzentfrei.“

Als Felicitas 14 ist, zieht der „Entführervater“ weiter nach Australien, wo die hochmusikalische Hoppe eine ganze Reihe von Instrumenten erlernt und ein Musikkonservatorium besucht. Ihr erstes Geld verdient sie später als Deutschlektorin an der University of Oregon. Und immer schleppt sie die Liebe zum Eishockeyidol Wayne Gretzky mit sich.

Felicitas ist ein kapriziöses Wesen. Sie gefällt sich in clownesken Auftritten, wenn sie sich etwa einen Adventskranz mit vier brennenden Kerzen auf den Kopf setzt. Weder auf dem Eis noch vor dem Orchester der Dirigentenklasse nimmt sie den Rucksack ab: Sie brauche ihn als „Gegengewicht“, weil sie sonst von der Musik hinweggetragen werde. Aber bei allem Übermut und einem „ausgeprägten Hang zum Aufschneiden und zur Prahlhanserei“ – unbekümmerter Frohsinn ist Hoppes Sache nicht. „Ich bin und bleibe ein Winterkind, ich bin mit dem Leben nicht einverstanden.“ Sie leidet unter „Sommerangst“. Deshalb trägt man in Hoppes Werken, egal bei welchem Wetter, schwere Mäntel und Mützen mit Ohrenklappen. Darüber hinaus kultiviert Felicitas ein ganzes Beet an Neurosen, darunter „Wasserklaustrophobie“, „Landgangsangst“ und „Ausflugsresistenz“.

In Zeiten des oftmals plumpen Autobiografismus erinnert „Hoppe“ mit rattenfängerischer Virtuosität daran, dass es in der Literatur, die diesen Namen verdient, darauf ankommt, den Bruch zwischen Erlebtem und Erfundenem zu überspielen. Es ist ein Porträt der Künstlerin als Mädchen und junge Frau, in Form einer fantastischen Autobiografie, womit weniger entfesseltes Fabulieren und bizarres Geschehen gemeint sind (man sollte sich keine allzu abenteuerliche Lebensgeschichte versprechen), sondern eine Fantastik, die eingewandert ist in die Form des Romans, in dessen vielfältige Perspektiven und die sinnverwirrende Stimmenvielfalt, in die selbstreferentiell-parodistische, bei allem Schalk aber doch auch ernst zu nehmende Hoppe-Philologie.

Das Buch erörtert die Vorliebe der Schriftstellerin für Märchen, Ritter und Heilige und zitiert sich munter durch Romane, Erzählungen, Vorträge, Briefe und Konvolute mit Unveröffentlichtem. Manchmal fängt man an zu giggeln und zu googeln: Hat Hoppe tatsächlich im Schifffahrtsmuseum Bremerhaven einen Vortrag mit dem Titel „Dass euch der Donner schände, ihr Hunde!“ gehalten?

Im Netz der Anspielungen und Bezüge zappeln zwei besonders dicke Fische. Zum einen die Lieblingsgeschichte vom hölzernen Pinocchio, dessen utopischer Ort „Dummenfang“ bei Hoppe in amerikanischer Spielart wiederkehrt: der Stadt, in der Tag und Nacht gespielt wird, Las Vegas. Zum anderen natürlich der mythische Text der Entführung aus der Heimat: „Der Rattenfänger von Hameln“ schimmert in tausendundeinem Kontext. Um schließlich noch eine weitere Meta-Ebene einzuziehen, schaltet sich in den Chor der Hoppe-Kommentatoren immer wieder eine gewisse „fh“ mit ihren notorischen Notaten ein.

Lauter Mutmaßungen über Felicitas – ein verwunschener Hoppegarten, ein labyrinthisches Spiegelkabinett. Als Schriftstellerin bevorzugt Hoppe gut gebündelte Typen. „Denn wozu ein Charakter, wenn man ein Typ sein kann?“ Ihre Selbstdarstellung dagegen entfaltet einen Künstler-Charakter voller Spannungen und Ambivalenzen. „Sie war, auf faszinierende Weise, die großzügigste und zugleich unbescheidenste Person, die ich je in meinem Leben getroffen habe, der Inbegriff der Superbia.“ Noch das „Höchste und Heiligste“ sei ihr „nichts als ein Spiel“. Und sie bremse sich ständig selber aus, weil „jedes einzelne Hoppetalent auf ein so quälendes wie kontraproduktives Gegentalent“ treffe. So wird dieses Buch zum Rangierbahnhof der Charakterzüge. Hoppe ist existenziell „auf Durchreise“ und musste naturnotwendig eine Ästhetik des „Abbiegens, Entwischens, Verschwindens“ entwickeln. Mag das äußere Leben fabuliert und camoufliert sein – hinter allem Mummenschanz ist dieses Buch eine eindringliche Selbsterkundung.

Auch Hoppes Figuren, diese „windige Truppe wankelmütiger Verwandlungskünstler“, verfestigen sich nicht zu Typen. Der sinistre Carl Dark, der wackere Kapitän Small, der verschollene Australienreisende Ludwig Leichhardt (den es wirklich gab), der blinde Cricketspieler Joey Blyton, dem Felicitas erste Küsse verdankt, der Klavierstimmer Tony Tonell, die Musiklehrerin Lucy Bell, die ihren prägenden Unterricht bei Flora Gould erhielt, leibhaftige Mutter des fabulösen Glenn: sie alle bleiben ziemlich schemenhafte Gestalten.

Und so gut und geistreich das Buch geschrieben ist – bietet es am Ende mehr als Vergnügungsliteratur für Germanisten oder Freunde nabokovianischer Vexierspiele? Wohin zielt der scherzende Authentizitätsvorspiegelungsapparat? Ob Hoppe ihre Jugend im Weserbergland oder in der weiten Welt verbracht hat, dürfte kaum jemanden interessieren außer Freunde und Fans der Autorin, und vielleicht noch die Forschung von übermorgen. Das antreibende Motiv der Mystifikation umkreist „Hoppe“ hartnäckig, um es dann doch zu verschweigen.

Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein Roman die Einwände, die man gegen ihn erheben könnte, in parodistischer Form mitliefert – als wären sie dann bereits entkräftet. Der (lustig erfundene) Kritiker Kai Rost wirft Hoppe die „Ausschließung williger Leser“ vor. „Das Unterwegssein in Hoppes Privatkosmos mag unterhaltsam sein, auf Dauer hinterlässt es, im günstigsten Fall, nicht mehr als Ratlosigkeit.“

Dem muss man widersprechen: Das Unterwegssein in „Hoppe“ ist (in der zweiten Hälfte) nicht durchweg unterhaltsam. Trotzdem hat man immer das Gefühl, es mit einem einzigartigen, so noch nicht dagewesenen Kunstwerk zu tun zu haben. Ob das als Lektürereiz reicht, muss jeder Willige selbst entscheiden.

Felicitas Hoppe: Hoppe. Roman.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.2012.

336 Seiten, 19,99 €.

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