Buch der Woche : Der Körper als Konto

Der Stuttgarter Schriftsteller Philipp Schönthaler erzählt in seinem Debüt "Nach oben ist das Leben offen" vom Leben in der Hochleistungsgesellschaft.

Roman Widder

Der in seltsamen Verrenkungen auf einer Yogamatte liegende Erzähler muss sich anhören: „das wesen der übung besteht aus der wiederholung“. Fahle Sätze in einer Welt, die trotz Training immer kraftloser wird. Solche Sätze prägen die Erzählungen von Philipp Schönthalers Debüt „Nach oben ist das Leben offen“.Schönthaler, 1976 in Stuttgart geboren und gerade Gast des Literarischen Colloquiums Berlin, wo er vor zwei Jahren die Autorenwerkstatt besuchte, lauscht denen, die über Ernährungspläne, Therapiesitzungen und Gymnastikübungen reden. Er sammelt Stimmen aus einer Welt von Kundenberatung, Body-Mass-Index und Stressabbau, von Gefühlsregulationstrainig und Coaching.

Das Leben ist in „selbstpflege“ aufgegangen: „der körper ist wie ein bankkonto; nur wer einzahlt kann auch abheben“. Die Arbeit am Selbst offenbart sich als Resultat einer Leistungsideologie. „die positive kehrseite einer defizienten persönlichkeitsstruktur liegt in der möglichkeit einer unbegrenzten selbststeigerung.“

Schönthalers Sprache entspricht der Welt, der sie entstammt: ein aus Stimmen zusammenmontierter, rhythmischer Sprechgesang, genährt vom Jargon der Selbstoptimierung. Es ist eine ausgehöhlte Sprache, konsequent klein geschrieben. Schönthaler überhöht sie konsequent, schreibt oft in unvollständigen Sätzen und konfrontiert den Leser mit dessen eigener Hysterie und Egozentrik.

Beispielhaft die Erzählung „Der Anruf“. Ein gelangweilter Mittdreißiger sucht rauchend nach einem Warzentöter, während er sich am Telefon desinteressiert die Leier von Selbstfindungs- und Psychiatriegeschichten einer Jugendfreundin anhört. Immer wieder bringt Schönthaler den Leser in ähnlich beklemmende Situationen. Ansonsten registriert der Erzähler oft die Narrative, die der Markt selbst entwickelt, um Produkte zu preisen, von denen es heißt: „alle haben ihre eigene Geschichte“.

Aus den elf recht unterschiedlichen Erzählungen über einen Kosmos aus Shopping-Malls, Therapiesitzungen und Feldenkrais-Trainern ragen topologisch, typografisch und auch literarisch drei Geschichten über Bergsteiger und Tiefseetaucher heraus. Die Bergsteigermannschaft, Tausende von Metern in der Luft, wie die Tiefseetaucher, Dutzende von Metern unter Wasser, versieht Schönthaler wohl mit der Dignität authentischer Erfahrung.

In diesen korrekt groß- und kleingeschriebenen Erzählungen gewinnt die Sprache an Tiefe und Präzision. Das Problem einer sportlich definierten Welt tritt aber immer deutlicher hervor, wenn der Tiefseetaucher sagt: „Je entspannter du bist, desto besser tauchst du.“ Selbst die Entspannung ist zur Leistungsfunktion geworden.

Entscheidend wird das besonders in den Bergsteigererzählungen, die das Buch eröffnen und abschließen, die Erzählhaltung in einer Wir-Form, aus einem Kollektiv heraus. Dieses „wir“ macht klar, dass das Ich-Training die gesamte, von den Erzählungen wie in einem Panorama porträtierte Gesellschaft prägt und insofern ohnehin eine kollektive Angelegenheit ist. Und wenn die eine Mannschaft dabei den Tod eines Mitglieds verkraften muss – das Opfer der Gemeinschaft –, dann wird zugleich verständlich, dass das Soziale mehr sein sollte als eine Sportveranstaltung.

Der promovierte Literaturwissenschaftler Schönthaler zeigt sich auch als Erzähler belesen. Das beweist das in Stichworte wie „Emotion“, „Erfolg“ oder „Ernährung“ gegliederte Literaturverzeichnis mit zeitgenössischer Philosophie, Ratgeberliteratur oder auch Büchern zur Geschichte der Alpen.

Diese Prosa ist also theoretisch wie stilistisch fraglos gut durchtrainiert und darum manchmal etwas gesichtslos. Man könnte ihr vorwerfen, dass sie den entropischen Kräften, von denen sie Bericht erstattet, wenig entgegensetzt. Die Literatur macht hier selbst einen gut geübten Eindruck: ein ständiges Experimentieren mit der Form in schnellen Stilwechseln und disparaten Stimmen. Doch durch das Verfahren, dem Leser in übersteigerter Form das zu erzählen, was ihm ohnehin ständig erzählt wird, provoziert Schönthaler im Leser eine eigenartige Beklemmung. Im Stimmengewirr seiner Erzählungen und durch den Fluchtpunkt im Kollektiv verweigert er zudem eines der zentralen therapeutischen Programme: „klare ich-botschaften“.

Philipp Schönthaler: Nach oben ist das Leben offen. Erzählungen. Matthes & Seitz, Berlin 2012. 201 Seiten, 19,90 €

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