Buch der Woche : Die Wahrheit der Pfeife

Der inidsche Schriftsteller Jeet Thayil beschreibt Bombay als opiumverräucherte „Narcopolis“.

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Anschaffen in Bombay. Eine Schöne namens Raksha in Kamathipura, einem der ältesten Rotlichtviertel der Welt. Foto: Vivek Prakash/Reuters
Anschaffen in Bombay. Eine Schöne namens Raksha in Kamathipura, einem der ältesten Rotlichtviertel der Welt. Foto: Vivek...Foto: REUTERS

Die Geschlossenheit von Romanen ist immer eine handwerklich hergestellte Illusion. An den Rändern neigen auch die episch ausladendsten Unternehmen dazu, sich ins Uferlose auszudehnen. Leo Tolstoi stand da vor keiner grundsätzlich anderen Herausforderung als James Joyce: Es geht immer um den richtigen Abstand zur (narrativen) Wirklichkeit. Die schiere Zahl von 18 Millionen Menschen, die Bombay und seine Vororte heute bevölkern, ist deshalb kein Grund, einen Moloch, wie es ihn vor hundert Jahren so noch nicht gab, für unerzählbar zu halten. Sie verleiht den Schwierigkeiten höchstens eine neue Qualität.

Jeet Thayil, 1959 im indischen Bundesstaat Kerala geboren und heute in Bangalore zu Hause, begegnet ihnen in seinem ersten Roman mit dem bewährten Mittel, einen Ausschnitt zu wählen, aber auch mit einer ungewöhnlichen Vision. „Narcopolis“, ein rund drei Jahrzehnte umfassender Episodenreigen, der bis ins Jahr 2004 reicht, entwirft mit seiner Konzentration auf die Shuklaji Street im berüchtigten Rotlichtviertel Kamathipura einerseits einen überschaubaren Mikrokosmos von Huren, Dealern und Süchtigen. Andererseits widmet er sich einer Schicht der Wirklichkeit, die in ihrer drogenumnebelten Eingeschränktheit doch so etwas wie das Ganze der Umwälzungen erfasst, denen Bombay, wie der aus einer christlichen Familie stammende Thayil die von Hindus in politischer Absicht zu Mumbai umbenannte Stadt konsequent nennt, ausgesetzt war.

Die in aller Ausführlichkeit geschilderten Opiumdämmerhöhlen verlieren ihre Bedeutung, als das aggressive Heroin Einzug hält, um wiederum vom Kokain verdrängt zu werden – jede Gesellschaft verdient ihre eigene Droge. Unter der Glocke wechselnder Räusche flackern Szenen eines Landes auf dem Weg zur modernen Wirtschaftsnation auf: voller Mord, Totschlag und Vergewaltigung, aber auch voller überraschender Solidarität.

Perspektivisch beginnen sie in der ersten Person, schwenken über zur dritten und sprechen am Ende der Opiumpfeife die erzählerische Autorität zu: Zeichen einer wachsenden Depersonalisierung, die an den Figuren zerrt: allesamt reichlich zwielichtige Charaktere, die nur in Dimple ein sympathisches Zentrum haben. Schon als Kind entmannt, verbringt sie ein Bordellleben als hijra, wie man in Indien die Angehörigen des dritten Geschlechts nennt, und bereitet in Rashids Etablissement die Pfeifen zu.

Foto: Suman Sridhar/S. Fischer
Foto: Suman Sridhar/S. Fischer

Jeet Thayil verbrachte als Sohn des politischen Publizisten T.J.S. George den größten Teil seiner Jugend außerhalb Indiens, in Hongkong und New York. Das hat den Blick auf sein Land, in das er erst 1977 auf Dauer zurückkehrte, nicht weniger geprägt als die Sucht, die ihn selbst 20 Jahre lang im Griff hatte, und sein Selbstverständnis als Dichter. Schon als 14-Jähriger versuchte er sich, wie er heute lächelnd sagt, als verquere Mischung von Charles Baudelaire und Bob Dylan. Und als Ideal galt ihm lange ein spontanes Schreiben, wie es Jack Kerouac und Allen Ginsberg als Köpfe der Beat Generation zeitweise betrieben. Vier Gedichtbände hat er seit „These Errors Are Correct“ (1988) veröffentlicht, Texte, denen der einflussreiche alte Dichter Dom Romaes zugutehielt, dass sie ganz und gar nicht um die eigene indianness besorgt seien. Das gilt auch für den Roman, der so gar nichts vom saftig-pittoresken Erzählen eines Buches wie Salman Rushdies „Mitternachtskinder“ hat: Thayil ist auch hier, im Guten wie im Schlechten, ein Lyriker geblieben.

Schon der Prolog, ein einziger, sich über neun Seiten erstreckender Satz, ist eigentlich ein Prosapoem. Der Preis dieses oft mitreißend suggestiven Schreibens ist, dass ihm ebenso oft der Atem für den großen Bogen fehlt. Der Roman, der auf der Shortlist zum letztjährigen Man Booker Prize stand und schließlich den DSC Prize for South Asian Literature gewann, zerfällt in allzu viele Fragmente.

Zugleich überrascht „Narcopolis“ dann wieder mit einem bündigen 70-seitigen Exkurs zum Leben des aus Maos China nach Bombay geflüchteten Mr. Lee – eine Abschweifungswut, die Thayil den großen russischen Romanen abgeschaut haben will. Über alles Stückwerk hinweg verfügt Jeet Thayil jedoch über eine seltene Kraft: Die mitunter blutige Detailgenauigkeit seines Erzählens zeugt von einer Unbarmherzigkeit, ohne die auch keine Barmherzigkeit zu haben ist.

Jeet Thayil: Necrcopolis. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2013. 379 Seiten, 22,99 €.

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