Buch der Woche : Liebe, Meuterei und Kältetod

Postmoderner Wahnwitz mit Methode: Mark Z. Danielewski stellt in seinem Roman „Only Revolutions“ die Konzentrationsfähigkeit des Lesers auf die Probe

Michael Adrian

Was ist denn das? Eine Himmel- und Höllenfahrt durch 150 Jahre amerikanischer Geschichte in alles zermahlender Zeitlupe? Ein allegorisches Roadmovie im hymnischen Stil einer mal pathetischen, mal süßlichen Abstraktion? Ein Rätselspiel, bei dem die Aufgabe nicht darin besteht, die Lösung zu finden, falls es eine gibt, sondern die Regeln zu ergründen, nach denen hier erzählt wird?

Der Rezensent jedenfalls ist nach der Lektüre dieses wahnwitzigen Buches erst einmal in die Knie gegangen. Niedergeworfen durch die schiere Wucht des literarischen Schlags. Aber der Reihe nach. Wobei gerade das bei Mark Z. Danielewskis zweitem Roman nicht wirklich geht. „Only Revolutions“, wie der Titel sowohl im amerikanischen Original als auch in der ingeniösen deutschen Übersetzung lautet, beschreibt auf 360 streng durchkomponierten Seiten einen Kreis, eine 360-Grad-Umdrehung, eine buchstäbliche Revolution eben.

Genau genommen: eine Kreisbewegung pro Doppelseite. Das Buch erzählt die Ausreißer-, Liebes- und Heiratsgeschichte sowie Verklärung der beiden Teenager Sam und Hailey, und zwar aus beider Perspektive: Das Buch ist von vorne und hinten zu lesen, wobei jeweils die obere Seitenhälfte einer der beiden Figuren zugeordnet ist. Alle acht Seiten, so empfiehlt der Verlag, dreht man es am besten auf den Kopf und liest in der Gegenrichtung weiter, um dieselbe Handlungssequenz aus der jeweils anderen Perspektive zu verfolgen. Die eigene Erfahrung besagt allerdings, dass man seitenweise zwischen Sams und Haileys Wahrnehmung hin und herwechseln müsste, um die feinen Unterschiede zwischen ihren Schilderungen mitzubekommen.

Als wäre das noch nicht genug, hat Danielewski das Rad seiner formalen Vorgaben noch weiter gedreht. Die eigentliche narrative Grundeinheit ist nämlich ein Canto von genau 90 Wörtern auf jeder Halbseite, wobei „halb“ nicht wörtlich zu nehmen ist: Sowohl Sams als auch Haileys Erzählung beginnen in einer großen Schrifttype, die sich nach und nach bis auf Fußnoten-Schriftgröße verkleinert. Beide Geschichten setzen mithin typografisch in stolzem, raumgreifendem Überschwang ein, um von der Gegengeschichte im unteren Teil gewissermaßen immer weiter zusammengestaucht zu werden. Zugleich läuft am Rand neben den beiden Erzählstimmen eine Zeitleiste mit Daten, die die kleinen und großen Taten, vor allem aber den nicht abreißenden Strom der Kriegs- und Katastrophentoten der Geschichte versammelt. Beginnt Sams Chronik am 22. November 1863 und reicht bis zur Ermordung Kennedys am 22. November 1963, so setzt die von Hailey ebendort ein und führt bis ins Jahr 2063 – weist allerdings ab 2006, dem Jahr der amerikanischen Erstveröffentlichung, nur noch leere Spalten auf.

Genau genommen bewegen sich also die beiden Protagonisten, die in dieser Möbiusschleife ewige 16 sind, nicht einmal im selben Jahrhundert. Sind Sam und Hailey beispielsweise auf ihrer wilden Amerikatour im Auto unterwegs, dann ändert sich das Modell ihres Wagens auf jeder Seite, wobei Sams Typenreihe mit Oldtimern aus der Autopionierzeit beginnt und die Haileys mit Modellen der 1960er Jahre. Doch dürfte angesichts der (beileibe nicht vollständig) erwähnten formalen Vorgaben ohnehin niemand eine „realistische“ Erzählung erwarten.

Was wir hier zu lesen bekommen, wirkt vielmehr wie ein überbordend verrätseltes Prosapoem zur Feier der rohen Energie einer Nation, die auch schon alt genug ist, um unter dem Alb der Geschichte zu ächzen. Sams und Haileys Geschichte(n) beginnen mit einer Anrufung in jenem hohen Ton, der das ganze Buch über mal juvenilisiert und ironisiert, mal lauter aufgedreht, mal mit zotig-rotziger, spracherfinderischer Beatnikpoesie durchsetzt wird – ein faszinierender, von Gerhard Falkner und Nora Matocza kongenial nachgeschöpfter Stilmix, der auf Dauer jedoch dieselbe benebelnde Wirkung haben kann wie jede zu hoch dosierte Droge.

In Sams Fassung: „Haileylujah! Haleskirth! / Endlich entsprungen! / Ich kann alles / hinter mir lassen. / Alle lieben / den Traum, aber ich töte ihn. / Weißkopfseeadler schweben / über mir: – Reveille Rebell! / Ich befreie mich aus dieser Tretmühle. / Voll Feuer. Entflamme eine Brise. / Ich werde die Welt verwüsten. / Kein Problem. Neue Meuterei überall / ringsum. Mit einer Drehung. / Einem Lächeln. Einem Stirnrunzeln. / Allmächtige sechzehn Jahre und freiiiiiii.“ So wie Sam, den die Tierwelt wie ein Chor begleitet, beginnt auch die von sprechenden Pflanzen umgebene Hailey mit einem Abstieg vom Berge („Ich bin/ Die Welt, von der / der Berg heruntersteigt, / und muss lachen, weil’s kitzelt“), den man zunächst für eine Persiflage auf den naiven Größenwahn eines jugendlichen Aufbruchs halten könnte. Doch scheint es das Buch auch in seinen pathosgeschwängerten Momenten durchaus ernst zu meinen. Am Ende der ersten achtseitigen Doppelsequenz begegnen sich die beiden, voller Hochmut zunächst, um sich doch Hals über Kopf ineinander zu verlieben. Was nichts daran ändert, dass sich ihre Erzählungen zueinander verhalten wie ein im Wechsel gesponnenes Seemannsgarn, bei dem stets der den Kopf oben und die Nase vorn hat, der das Wort im Mund führt.

Was nun folgt, ist eine Such- und Fluchtbewegung kreuz und quer durch Amerika voller apart versprachlichtem Sex („RuckizuckiPhallosucki“), Drogen, Gelagen und Verfolgern wie einer Figur namens Der Creep oder der Gigantophänofemalen Wuchtbrumme – von denen schon deshalb kein Eindruck zu geben ist, weil sich fast alle Namen und Gestalten um die beiden Protagonisten herum von Seite zu Seite wandeln. So fernab allen Realismus „die Demokratie von Zweien, dargelegt und chronologisch angeordnet“ erzählt wird, so vollgestopft ist sie mit Details wie Sams fehlender Mütze und Haileys fehlenden Schuhen oder dem Honig, von dem beide sich anscheinend ausschließlich ernähren, mit Realia und Americana, die ideales Futter für Dechiffrier-Fanklubs und Literaturseminare bieten.

Nicht geleugnet sei, dass der Rezensent diese Tour de Force zuweilen als Tortur empfand. Fast scheint es, als habe es der 1966 in New York geborene Autor darauf angelegt, alle Erwartungen zu enttäuschen, die ein Leser seines Kultdebüts „House of Leaves“ 2000 gehegt haben könnte (Das Haus, Klett-Cotta 2007). Auch dort wurden die typografischen Möglichkeiten des Buches in einem Furioso einander überlagernder, ja bekämpfender, Fußnoten und editorischer Materialien bis ins Äußerste getrieben. Die zugrunde liegende Geschichte aber zog alle Register einer gothic-novel-Expedition in Borges’sche Unendlichkeiten und gewann darüber hinaus einen Gutteil ihres Reizes aus der komischen Diskrepanz zwischen freakigen und besessen wissenschaftlichen Kommentarstimmen.

In „Only Revolutions“ hingegen sind die Stillagen wie zum Zweck der Mythologisierung einer Geschichte von jugendlichem Weltentrotz zu einem hochgradig artifiziellen Idiom verschmolzen, dem auch eine gewisse Monotonie der Erzählweise entspricht. Im langen Mittelteil etwa, in dem die Schriftgrößen und die Erzählzeit von Sam und Hailey parallel laufen, finden wir die beiden als schikanierten Putzsklaven und permanent angebaggertes Serviermädel in einem Diner in St. Louis. Gleichsam in flackernder Mehrfachbelichtung erleben wir, wie ihre Chefs den Youngstern in immer neuen Variationen nachstellen. Was vom Stoff her reiner Slapstick ist, wird literarisch zerdehnt, bis dieser Szene am Nullpunkt der Geschichte alle Komik ausgetrieben ist.

Von hier ab wird der Ton elegischer, der Chor der Pflanzen und Tiere verstummt. Nach weiteren Fährnissen gelingt es den Teenagern zu heiraten – was aber nur der Vorlauf zu einer Art unio mystica ist, die sie beim erneuten Aufstieg auf ihren Berg im Kältetod aneinander erfahren. Wie Danielewski bekannt hat, treibt ihm das Schicksal seiner Figuren noch immer die Tränen in die Augen. Dafür, gesteht der Rezensent, sind ihm Sam und Hailey zu abstrakt geblieben. Dennoch geht einem der unbedingte Kunstwille des Autors, seine kraftsprühende postmoderne Modernität merkwürdig nach. So schwer man also an diesem Brocken zu kauen hat, bleibt am Ende doch ein Gefühl der Bewunderung. Danielewski unterdessen bleibt sich in seiner Unvorhersehbarkeit treu: „The Familiar“, sein drittes Buch, soll von einem Mädchen handeln, das ein Katzenjunges findet, und ab 2014 erscheinen – als 27-bändiger Fortsetzungsroman.

Mark Z.

Danielewski:
Only

Revolutions. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch

von Gerhard Falkner

und Nora Matocza. Klett-Cotta, Stuttgart 2012. 365 S., 24,95 €.

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