Buch der Woche : Moral eines Zirkuspferds

Wie man auf Ideen kommt: "Zeilen und Tage", Peter Sloterdijks Notizen der Jahre 2008 – 2011.

Meike Feßmann

Die „erotische Fitness“ von Männern, und das gilt auch für ihre berufliche Leistungsfähigkeit, hängt ohne Zweifel mit ihrer hohen „Misserfolgstoleranz“ zusammen. Wahrscheinlich ist das die plausibelste, wenn auch ein wenig banale Erklärung, warum man so wenige Frauen in Führungsetagen findet. Männer stecken Rückschläge nicht einfach nur besser weg, sie können sie offenbar auch vor den eigenen Augen verbergen. Ihr „Abdunklungstalent“, wie das Peter Sloterdijk auf den Spuren der Soziobiologie nennt, hat allerdings eine Grenze. Die Männer leiden an ihren „Schlappen“, sobald „sie öffentlich wahrgenommen und in fixierenden Zuschreibungen festgehalten werden“.

Peter Sloterdijk, den sein Freund Hans Ulrich Gumbrecht „the most important philosopher of Europe“ nennt, wie er mit zart verbrämtem Stolz zitiert, hat nicht nur ein Furcht einflößend produktives und höchst originelles Werk publiziert, das die Metaphysik in eine „Allgemeine Immunologie“ zu verwandeln trachtet, also in eine Lehre menschlicher Schutz-, Abwehr- und Abhärtungsmechanismen. Er hat überdies seit vierzig Jahren jeden Morgen Notizhefte geführt, die nicht für die Veröffentlichung gedacht waren. Über hundert sind mittlerweile zusammen, von denen er nun elf aus den letzten drei Jahren doch publiziert, stark gekürzt um rund drei Viertel des Materials. Es ist wohl eine Art Versuchsballon, ob sich die Sache lohnt, auch wenn er in seinem Vorwort zu Protokoll gibt, es seien keine weiteren Publikationen geplant.

Paul Valéry nannte seine berühmten Cahiers eine „Komödie des Intellekts“, und das passt auch auf diese Notizbücher, die Ideen, Lektüreeindrücke, Reaktionen auf Nachrichten und gelegentliche Alltagsbeobachtungen enthalten. Um es vorwegzunehmen: Dieses Buch ist für jeden philosophisch ansprechbaren Leser eine aufregende Lektüre, nicht nur für Sloterdijk-Fans. Wer aber sein Werk seit Jahren kennt, der will mit diesen „datierten Notizen“ auch hinter das Geheimnis seiner Produktivität kommen. Sie erschöpft sich nicht im schieren Umfang – vier Bücher sind allein während der drei Jahre des „Berichtszeitraums“ erschienen, darunter die höchst verblüffende Anleitung zur Selbstüberforderung „Du musst dein Leben ändern“ –, sondern sie hat auch mit einem Reichtum an Ideen zu tun. Sloterdijk lesen heißt angeregt werden, und sei es zum Widerspruch. Den pointierten, noch im Argument zum Aphorismus neigenden Stil hat er mit Nietzsche gemeinsam, dem „Denker auf der Bühne“, wie eine frühe Schrift heißt. Auch dessen Methode der Umwertung und Umdeutung hat er übernommen. Doch anders als Nietzsche und Valéry, der dionysische und der apollinische Gewährsmann, ist Peter Sloterdijk ein Philosoph im Medienzeitalter. Das merkt man seinen Notizen auch dort an, wo sie nicht vom „Philosophischen Quartett“ berichten. Man kann in diesem Buch lernen, wie man auf Ideen kommt, nämlich indem man (fast) jeden Auftrag annimmt und dann seinen Geist sofort auf Empfang stellt – wie ein Magnet zieht Sloterdijks geschulter Intellekt neue Einfälle an –, und man kann auch lernen, wie der Philosoph zu seiner „Übungsethik“ gekommen ist. Nicht nur das Rennradfahren fasst er als Training auf, sondern schlicht alles, was mit Anstrengung zu tun hat. Das geht über bloßen Ehrgeiz hinaus, der wie bei anderen Erfolgreichen auch bei Sloterdijk ein Mittel ist, um das eigene Energiereservoir bis an die Grenze des Möglichen auszuschöpfen. Das Leben als permanentes Training aufzufassen bietet einen enormen Vorteil bei der Anpassung an mediale Bedingungen. Sie verleiht auch jenen Tätigkeiten Sinn, die einem bloß vernünftig denkenden Menschen schlicht absurd vorkommen müssten. Wie ein Getriebener reist Sloterdijk von Tagung zu Tagung, nimmt an Konferenzen und Preisverleihungen teil, lässt sich feiern, feiert andere, freut sich, wenn die Kanzlerin anwesend ist, duzt sich mit Hubert Burda und dem alten Kumpel Bernd Eichinger, dessen Tod ihn nicht zuletzt deshalb erschüttert hat, weil er jünger war als er selbst: Im Sommer dieses Jahres ist Sloterdijk 65 geworden.

Wie Peter Sloterdijk seine 2009 in der „FAZ“ publizierte, viel diskutierte und vorwiegend polemisch kommentierte Idee, Steuern als eine Gabe aufzufassen, die der Staat mit einem gewissen Respekt entgegenzunehmen hat, aus einem Vortrag über Jacques Derrida und dessen Konzeption der Gabe entwickelte, ist interessant und regt dazu an, die ganze Sache noch einmal neu zu bedenken. Ebenso interessant ist die dezente Spur der Verwüstung, die mediale Missverständnisse in der Psyche des Autors hinterlassen. Da bekommt Sloterdijk nach vielen höhnischen Reaktionen auf seinen Vorschlag, den Bürger nicht als Zahlknecht, sondern als Mäzen des Staates aufzufassen, von der „Zeit“ viel Platz eingeräumt, und dann setzt die Redaktion eine Überschrift darüber, die jedes Argument unter das Vorzeichen der Lächerlichkeit stellt: „Warum ich doch recht habe“.

Oft ist sein Urteil als politischer Zeitgenosse bestechend klar. Etwa wenn er kundtut, aus welchen Gründen auf den Bundespräsidenten Horst Köhler zwingend Joachim Gauck hätte folgen müssen und nicht Christian Wulff. Auch der mit Boris Groys an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, deren Rektor er ist, verwirklichte Studiengang zum „Diplombürger“ macht neugierig, trotz des leicht komischen Beiklangs der Bezeichnung. Das Bemühen um eine neue Form der Zivilgesellschaft, in der die Bürger nicht nur ihre Rechte einklagen, sondern sich für die Belange des Gemeinwesens einsetzen, ist aller Ehren wert. Es wäre wünschenswert, dass es aufgegriffen würde, mitsamt dem Anliegen, die Gegenwart mit ihren medizinischen und technischen Errungenschaften stärker unter Leibniz’schen Auspizien zu sehen, als „die beste aller möglichen Welten“.

So luzide die Darlegungen in fremder Sache sind und so interessant die häufig durch die Überprüfung von Übersetzungen angestoßenen Kommentare zum Werk, so verblüffend ist eine gewisse Blindheit dem eigenen Getriebensein gegenüber. Zwar scherzt Sloterdijk über die „Moral des Zirkuspferds“, das, wenn es schon sein muss, am liebsten in der Manege zusammenbricht. Doch merkwürdigerweise denkt er nicht über die damit einhergehende Unfreiheit nach. Öfter nimmt er verwundert wahr, dass er sich in den Zerrspiegeln der medialen Öffentlichkeit nicht wiedererkennt. Was es aber heißt, als Denker nicht nur auf einer imaginären Bühne zu stehen wie Nietzsche, sondern die eigene mediale Präsenz mit der anderer zu vergleichen, bleibt unterbelichtet.

In der „Sphären“-Trilogie hat Sloterdijk, ausgehend von der intrauterinen Geborgenheit und der Mutter-Kind-Symbiose der ersten Lebensjahre, sein Denkmodell der Blasen und Schäume entwickelt. In „Zorn und Zeit“ sprach er erstmals von einer „Ökonomie des Stolzes“, die auch im Hintergrund seiner Steuervorschläge eine Rolle spielt, und feierte den Zorn als „erneuerbare Energie“, mit der Umstürze möglich wären, wenn man sie zu speichern wüsste. Zwei Seelen wohnen in seiner Brust. Er ist der Denker schützender Sphären und der Verteidiger agonaler Energie.

Verwischte Spuren der Melancholie findet man in „Zeilen und Tage“ von Beginn an. Oft schirmt sich der Autor mit Lektüre von der Trostlosigkeit ab, die das rastlose Unterwegsseins als Handlungsreisender der Philosophie mit sich bringt. Nach der Lektüre seiner Notizbücher wünscht man sich, dass er die Verletzlichkeit des medial exponierten Menschen systematisch in Augenschein nimmt.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 639 Seiten, 24,95 €.

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