Buch der Woche : Rohstoff Afrika

Wie ein Gesellschaftsroman: Der belgische Journalist und Dramatiker David Van Reybrouck hat eine Geschichte über den Kongo geschrieben.

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Es heißt „Kongo. Eine Geschichte“ – nicht „Die Geschichte des Kongo“. Der feine sprachliche Unterschied verrät, mit welcher Textsorte man es nicht zu tun hat: mit einer Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung, mit einem Standardwerk der Postcolonial Studies, einem Korruptionsbericht von Transparency International, einem Scholl-Latour aus Belgien. All das trifft es nicht, ist aber auf subtile Weise in diesem Buch des belgischen Journalisten und Dramatikers David Van Reybrouck enthalten. Hätte man es für möglich gehalten, auf 650 Seiten gebannt einer Erzählung zu folgen, die von der Kolonialisierung, Ausbeutung, Demokratisierung und Globalisierung Zentralafrikas handelt?

In Belgien hat Van Reybrouck „seine“ Geschichte des Kongo sensationell gut verkauft. Das Interesse dort dürfte allein aus zeitgeschichtlichen Gründen groß gewesen sein. Aber hier? Der Kongo, dieses bettelarme, von Barbarei und skrupellosen Potentaten heimgesuchte Land nötigt seinem Porträtisten viel Arbeitseifer ab und seinen Lesern moralische Ausdauer. Wer das Desaster dieses failed state von Grund auf verstehen will, muss mit dem Autor in den Erzählstrom der oral history eintauchen: Van Reybrouck hat Interviews mit einer aberwitzig großen Anzahl von kongolesischen Zeitzeugen geführt.

Sein ältester Gesprächspartner war angeblich 127 Jahre alt, er scherzte über seine „demi-vieillesse“. Der Mann wurde 1882 geboren, zur Zeit der großen Kongo-Expedition von Sir Henry Morton Stanley. Jüngste Zeugen sind abenteuerlustige Kongolesen, die günstige Flugtickets nach China ergattern, um von dort Billigwaren nach Afrika zu importieren. So bekommen viele Kongolesen, prognostiziert Van Reybrouck vorsichtig, erstmals die Chance auf eine unblutige, weitgehend autonome wirtschaftliche Teilhabe.

„Belgien braucht eine Kolonie“ ließ König Leopold II. einst in den Briefbeschwerer seines Finanzministers eingravieren. Packend erzählt Van Reybrouck vom Ende der innerafrikanischen Sklaverei, von erquickenden Missionaren und alphabetisierten Boys. 1908 wurde der Freistaat Kongo in eine Kolonie umgewandelt. Steuern in Form von Kautschuk trieb man zur Not mit der Nilpferdpeitsche ein. Gerade hatte man eine bahnbrechende Erfindung gemacht: den Gummireifen. Die Gewalt frisst sich tief in die kongolesische Gesellschaft – oder sollte man sagen: in ihre Stämme? Meist geht es um Rohstoffe: „Elfenbein in der viktorianischen Zeit, Kautschuk nach der Erfindung des luftgefüllten Reifens, Kupfer in der Zeit der vollen industriellen und militärischen Expansion, Uran während des Kalten Krieges, Coltan in Zeiten der mobilen Telefonie.“

Auf 52 Jahre unter kolonialer Führung folgen spektakuläre Befreiungsschläge. Patrice Lumumba, der später von seinem politischen Weggefährten Mobutu ermordete erste Ministerpräsident des freien Kongo, wird von Van Reybrouck nicht nur als afrikanische Heilsfigur porträtiert, sondern auch als die „psychotische Persönlichkeit“, die der damalige US-Außenminister Douglas Dillon bei einem Besuch erlebte. Enthusiasmus, Größenwahn, Intrigen: Alles existiert nebeneinander, führt zum Putsch, zu Lumumbas Liquidierung, zu Mobutus Machtergreifung. Mobutu benennt sein Land um in das „afrikanischer“ klingende Zaire, zieht es in den ruandischen Völkermord hinein, plündert, mordet, hält sich 32 Jahre an der Macht – und wird erst 1997 abgesetzt.

Es folgt Laurent-Désiré Kabila, der Chef der damaligen kongolesischen Rebellenbewegung AFDL als Präsident der neuen Demokratischen Republik, sein Sohn Joseph regiert das labile, verschuldete, korrupte Land noch heute.

Waren es früher Staaten, die das Schicksal Zaires mitbestimmten, sind es heute vor allem private Partner: Schürffirmen und Brauereien. Van Reybrouck aber sieht in der Globalisierung nicht nur den Beginn einer neuen Phase der Ausbeutung. Sein Bericht erschöpft sich nicht in der Rekapitulation des internationalen Versagens. Pathos ist diesem großen Stilisten fremd. Authentische Lebensgeschichten nicht. Und die Fakten sprechen für sich. Das letzte Kapitel über den Besuch einer kleinen kongolesischen Enklave in der chinesischen Handelsstadt Guangzhou gehört zu den skurrilsten, aber auch offen optimistischsten dieses Buches.

Die Fülle des Materials und die historisch präzise, packende Darstellungsweise sind schlicht überwältigend. Es gibt Anekdoten wie den „Rumble in the Jungle“ zwischen George Foreman und Muhammad Ali – und es gibt Analysen: „So wie die Missionare vorgeschrieben hatten, was ein ‚guter' kolonialer Körper war (Seife benutzen, die Haut bedecken, monogam sein), so drang die Diktatur in die Intimität des Privatlebens ein und unterwarf es einer neuen, allumfassenden Ordnung.“

Vor allem beherrscht Van Reybrouck die hohe Kunst der erzählerischen Gestaltung: „Auszoomen. Kameraschwenk. Erneut kadrieren. Neuer Fokus.“ Sein Buch nimmt es leicht mit jedem Gesellschaftsroman auf. Es ist ein kongolesisches Drama.

David Van Reybrouck: Kongo.Eine Geschichte. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 783 S., 29,95 €

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