Buch über John Höxter : Das Herz umklammert meine Füße

Gut geschnorrt ist halb gelebt: Jörg Aufenanger hat ein Buch über das ruhelose Dasein des Berliner Boheme-Künstlers John Höxter geschrieben.

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Porträt eines Freundes. Der expressionistische Dichter Ferdinand Hardekopf, wie John Höxter ihn sah. Illustration aus der Zeitschrift „Schall und Rauch“, September 1920.
Porträt eines Freundes. Der expressionistische Dichter Ferdinand Hardekopf, wie John Höxter ihn sah. Illustration aus der...Abbildung: Wikimedia

Vom Romanischen Café ist nichts geblieben. Außer Anekdoten. Wo das Kaffeehaus einst stand, am Schnittpunkt von Tauentzien und Budapester Straße gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, erhebt sich heute das Europa-Center. Wer in den zwanziger Jahren Rang und Namen hatte, der ging in dem nach seinem neoromanischen Baustil benannten Lokal ein und aus, Brecht und Benn, Kästner und Grosz, Lasker-Schüler und die Kaléko. „Hier hocken sie an den runden Marmortischen, lesen unzählige Zeitungen und diskutieren von Laotse übers moderne Theater bis zur neuesten Verkehrsverordnung“, schrieb der Journalist Paul Marcus. 1943 versank das Gebäude im Bombenkrieg.

Auch von John Höxter ist nichts geblieben. Außer Papier. Man nannte ihn den Dante oder den Ahasver des Romanischen Cafés. Dante wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Klassiker, Ahasver, weil er als Oberschnorrer durch das Café wanderte wie der Ewige Jude von einem Land zum anderen. Friedrich Hollaender hat ihn in seiner Revue „Bei uns um die Gedächtniskirche rum“ verewigt: „Jeder kommt mal an die Reihe / Jeder kriegt von mir die Weihe: / Könnse mir fünfzig Pfennige borgen? / Nur bis morgen?“ „Er war mehr als ein Gast, er war eine Einrichtung“, erinnert sich Dr.-Mabuse-Schöpfer Norbert Jacques. Im Romanischen Café stand auf einem Regal neben dem Telefon ein Großer Brockhaus. Wenn Höxter da war – und das war er meistens – mussten laut einer Legende die Gäste nicht danach greifen. Er wusste alles.

Sein eigentliches Zuhause war das Café

„Er kannte jeden, und jeder kannte ihn. Doch keiner kannte ihn wirklich“, sagt Jörg Aufenanger. Deshalb hat der Berliner Theaterregisseur und Schriftsteller jetzt ein Buch über John Höxter geschrieben. Er nennt es Annäherung statt Biografie, „denn das wäre angesichts der dünnen Quellenlage anmaßend“. Es gibt keinen Nachlass, nicht einmal eine Sterbeurkunde, keine Nachfahren und – jedenfalls soweit es Aufenanger ermitteln konnte – auch keine entferntere Verwandtschaft mehr.

Erhalten haben sich bloß ein paar Grafiken und Gemälde des Absolventen der Berliner Kunstgewerbeschule und die Texte, die er zu Lebzeiten veröffentlichte. Sie zeigen, dass Höxter mehr war als ein Pumpgenie, Morphinist, Dandy und Bohemian, mehr auch als das Kaffeehausoriginal, als das er durch die Memoiren geistert. Als Porträtist hat er die Physiognomien von Kollegen wie Erich Mühsam, Christian Dietrich Grabbe oder Oscar Wilde mit schnellem, sicherem Tuschestrich eingefangen. Und als expressionistischer Dichter war er ein Poet von eigenem Rang.

„Mein Herz umklammert meine Füße. Bleib. / Ich stampfe Luft. Entgleite über die Dächer. / Blutschwere zieht. Dünnblaue Luft trägt schwächer. / Ich sinke zur Erde und liege beim Weib“, so lautet die erste Strophe des Gedicht „Das andere Ich“, das Höxter 1913 in der undogmatisch linken Zeitschrift „Die Aktion“ platziert. Es ist das pessimistische Selbstporträt eines Unbehausten, formuliert in hartem expressionistischen Duktus. „Ich stampfe Luft“: An Vorankommen ist so nicht zu denken. Erst recht nicht an Ankommen. Höxter besaß, jedenfalls als Erwachsener, keine Heimat. Er lebte in Absteigen und möblierten Zimmern, sein eigentliches Zuhause war das Café.

John Höxter
John HöxterFoto: R/D

Dabei entstammte der 1884 geborene Höxter einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Hannover, über Kindheit und Jugend hat er sich allerdings als Autor nie geäußert. 1906 geht er nach Berlin, studiert beim damals berühmten Secessionsmaler Leo von König, zieht mit der Diseuse Emmy Hennings, von Erich Mühsam als „erotisches Genie“ gepriesen, durch Spelunken, Theater und Cabarets und wird wohl auch, obwohl eigentlich homosexuell, ihr Liebhaber. Emil Orlik, der ebenfalls an der Kunstgewerbeschule unterrichtet, seufzt: „Ein Jammer, dass so begabte Menschen nicht etwas mehr arbeiten.“ Worauf Höxter entgegnet: „Ist es nicht schlimmer, Herr Professor, wenn die Unbegabten die Welt mit ihren Produktionen überschwemmen?“

Nein, Höxter fand sich nicht wichtig genug, um mit seinen Werken die Welt zu überwältigen. Als Illustrator ist er eine Zeit lang durchaus erfolgreich, noch im Kaiserreich bringt er eine Mappe mit Radierungen von Romantikern wie Novalis oder E.T.A. Hoffmann heraus, steuert Holzschnitte zum von Gustav Meyrink, Otto Julius Bierbaum und anderen geschriebenen „Roman der Zwölf“ bei und veröffentlicht Schauspieler-Zeichnungen in der „Theater-Zeitschrift“.

Es gibt wenig Künstler, die Höxter nicht schon angepumpt hat

Aber spätestens als Mitte der zwanziger Jahre sich die Neue Sachlichkeit gegen den Gefühlsüberschwang des Expressionismus wendet, kommt Höxter aus der Mode. Es wächst die pekuniäre Not. Der befreundete Literat Emil Szittya bemerkt: „Es gibt wenig Künstler in Deutschland, die er noch nicht angepumpt hat.“

Zu Höxters erstem Wohnzimmer wurde das Café des Westens am Kurfürstendamm, Ecke Joachimstaler Straße, das wegen der überdimensionalen Pläne seiner Besucher auch Café Größenwahn genannt wurde. „Man konnte dort bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Bier, die beide je 25 Pf. kosteten, die ganze Nacht hindurch sitzen“, erinnerte sich später der Maler Ludwig Meidner. Hier gibt Höxter mit Monokel am Seidenband und auffällig aparten Beinkleidern den gut betuchten Dandy, bekennt sich aber in einem Gedicht zur eigenen Mittellosigkeit: „Wir sitzen im Café ,auf Verdacht’ / Wir wissen nicht, wo wir bleiben zur Nacht, // Wir schlafen uns in der Ringbahn aus, / Wo wir erwachen, sind wir ,zu Haus’.“ Legendär wird die Schüttelrunde, zu der neben John Höxter unter anderem Erich Mühsam René Schickele, Klabund und Lotte Pritzel gehören. Mit Scherzreimen aus dem Stegreif wettkämpfend, nimmt sie heutige Poetry Slams vorweg: „Man wollte sie zu zwanzig Dingen / In einem Haus in Danzig zwingen.“

Wegen seiner Tuberkulose beschränkt sich Höxters Eingreifen in den Ersten Weltkrieg auf eine kurze Landverschickung mit einem letzten Aufgebot aus lauter Alten und Kranken nach Landsberg an der Warthe. Das Café des Westens gerät im Laufe des Krieges immer stärker ins Feuer konservativer Blätter. Die Stammgäste seien „vaterlandsloses Gesindel“, heißt es. Als das Lokal seinen Standort aufgibt, zieht die Boheme ins Romanische Café um.

Mit Hitlers Aufstieg werden seine Texte ernster

Mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 endet Höxters altes Leben. Im Romanischen Café bezieht die Gestapo einen Stammtisch, „entartete“ Künstler sind fortan unerwünscht. Seine letzte Unterkunft findet der Poet beim Buchhändler Benno Wolf in Charlottenburg. Er schreibt nun ganz andere, ernste Gedichte, die etwa im „Israelitischen Familienblatt“ erscheinen und zu seinen besten gehören: „Durch Leiden bist du groß geworden. / Der gelbe Fleck sei deines Adels Orden!“ Gemeint ist der Davidstern, den der Freund Erich Mühsam im Konzentrationslager Oranienburg tragen muss, wo er umgebracht wird.

Am 15. November 1938, sechs Tage nach der Pogromnacht, begibt sich John Höxter in ein Waldstück zwischen Potsdam und Caputh und schneidet sich die Pulsadern auf. „Es sind nicht erst die Ereignisse der letzten Tage, die mich zu meinem letzten Schritt trieben“, schreibt er im Abschiedsbrief. „Ich war schon einige Zeit entschlossen aus der dauernd wachsenden Entwürdigung jenem Weg zu folgen, den unter der Herrschaft wahnsinniger Tyrannen ein Cato oder Senaca vorausgingen.“ An Mut hat es ihm nicht gefehlt und auch nicht an Schlagfertigkeit.

Jörg Aufenanger: John Höxter. Poet, Maler und Schnorrer der Berliner Boheme. Quintus Verlag, Berlin 2016. 110 S., 16 €.

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