Kultur : Buch und Bruch

Nachruf auf die „neue deutsche literatur“

Jörg Plath

Drei Nahtod-Erlebnisse hatte die Zeitschrift „neue deutsche literatur“ (ndl) in den vergangenen fünfzehn Jahren. Diesmal geht es wirklich zu Ende. Die Schwartzkopff Buchwerke, die die „ndl“ mit ihrem Chefredakteur Jürgen Engler erst Anfang des Jahres vom Aufbau Verlag übernommen hatten, geben nach nur acht Heften auf. Ein Retter ist nicht in Sicht.

Ein so schnelles Aus hatten auch jene nicht erwartet, die die erst im Mai kräftig bunt und zur „Zeitschrift für Literatur und Politik“ gewandelte „ndl“ für wenig gelungen hielten. Schließlich braucht ein neues Medium ein, zwei Jahre, um sich durchzusetzen. Doch die Zahl der Abonnenten – um 1990 12000, 2003 nur noch 1500 – fiel auf 1000, der Kiosk-Verkauf lief gegen null. Verleger Peter Schwartzkopff hatte eine 4000er Auflage avisiert und zog abrupt die Notbremse. Dabei geht der 55-jährige Filmproduzent von Wim Wenders, der 1984 aus der DDR in den Westen übersiedelte, die ersten Talkshows produzierte und seine TV-Firma im Boomjahr 1996 mit großem Gewinn verkaufte, gewöhnlich viel größere Risiken ein.

Sollte die „ndl“-Übernahme nur eine Werbemaßnahme für Schwartzkopffs neuen Verlag gewesen sein? Anfang 2003 gab es noch keine Bücher und keine Angestellten, aber die Buchwerke waren dank „ndl“ in aller Munde. Den berühmten einen Euro hatte Schwartzkopff dem Aufbau Verlag bezahlt, nachdem der von ein auf zwei Monate verlängerte Erscheinungsrhythmus die Verkaufszahlen nicht in die Höhe getrieben hatte.

Das erste Mal rettete der Aufbau Verlag die Zeitschrift des DDR-Schriftstellerverbandes nach dessen Auflösung 1990. Als der Frankfurter Immobilienmakler Bernd F. Lunkewitz das DDR-Verlagsflaggschiff übernahm, wurde er auch Verleger der „ndl“. Dabei hatte Lunkewitz mit der einst von Jacobsohn, Tucholsky und Ossietzky geleiteten „Weltbühne“ geliebäugelt, verströmte die „ndl“ doch den bürokratischen Charme des Realsozialismus, spätestens seit sie sich ab den Sechzigern auf DDR-Autoren beschränken musste. In einem zensierten Buchmarkt hatte sie zwar große Namen, aber kaum Überraschungen zu bieten. Nach 1990 wurde sie allerdings eine wichtige literarische Plattform, in der Entdeckungen neben Günter Grass, F.C. Delius und Friederike Mayröcker standen.

Der Sinkflug der „ndl“ ist nicht nur dem Verlust ihrer einstigen Monopolstellung zuzuschreiben. Unter der wirtschaftlichen Lage der Leser und Bibliotheken, der Konkurrenz der Zeitungen und des Internets litten auch „Schreibheft“, „Wespennest“ oder „Akzente“. Doch sie schärften ihr Profil, führten Themenhefte und Essays ein, während Lunkewitz schon 1992 über eine Schließung der „ndl“ nachdachte. Peter Schwartzkopff verspricht nun zum Trost eine jährliche Anthologie mit weniger bekannten Autoren – ein Kompromiss des schlechten Gewissens. Was dem Literaturbetrieb wegzubrechen droht, sind kontinuierliche, nicht profitorientierte Vermittler zwischen Schublade und Buch.

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