Buchkritik : Ariel Magnuns schreibt lange Sätze

"Ein Chinese auf dem Fahrrad" von Ariel Magnus spielt mit den Vorurteilen.

Laura Backes

Die größten ethnischen Minderheiten Argentiniens sind neben den lateinamerikanischen Immigranten Italiener und Juden. Inzwischen kommen aber immer mehr Chinesen ins Land, vor allem nach Buenos Aires. Dort schätzt man ihre Zahl auf 60 000, was bei 12 Millionen Einwohnern etwa 0,5 Prozent „Argenchinos“ ausmacht. Zu ihnen gehört Li, eine der zwei Hauptfiguren in Ariel Magnus’ Roman „Ein Chinese auf dem Fahrrad". Li entführt den argentinischen Computernerd Ramiro nach Belgrano, dem Chinatown von Buenos Aires. Li, von der Presse „Fosforito“ (kleines Streichholz) getauft, steht unter Verdacht, Möbelgeschäfte für die chinesische Mafia anzuzünden, damit diese dort Minimärkte eröffnen kann. Ramiro entwickelt Sympathie für seinen Entführer und hilft ihm bei der Suche nach dem wahren Täter, doch der Fall wird nie gelöst.

Wichtiger als die Story sind die vielen abstrusen, makabren und süffisanten Geschichten, die Ramiro in Belgrano hört. Zum Beispiel die über die vielen Argenchinos. Weil in New Yorks Chinatown das Essen zubereitet wird, das die ganze Welt als chinesisches kennt, sei „der Zwischenstopp in einem lateinamerikanischen Vorort eine Gelegenheit, wie sie besser nicht sein könnte, um die ausländische Version der einheimischen Küche zu erlernen. So wie die USA ihre Massenvernichtungswaffen im Fernen Osten testen, testet die asiatische Bevölkerung an uns ihre neuen einheimischen Gerichte und das Entspannungsspielzeug“, sagt Ramiro. Ein Statement, in dem sich Ironie und Selbstbewusstsein mischen. Wichtiger ist der Menschenschmuggel. 30 000 Dollar kostet eine Passage in die USA, weshalb auswanderungswillige Chinesen auf Lateinamerika setzen.

Magnus schreibt lange Sätze, ohne Punkte, mit vielen Kommas, zwischen vielen Themen springend. Er spielt mit Vorurteilen und Klischees und bildet die Realität womöglich gerade deshalb präzise ab. Etwa wenn Fosforito sagt: „In China wird für die Mädchen mit zehn Jahren die Hochzeit arrangiert, hier werden die Jungs mit zehn Jahren an einen Fußballclub in Europa verkauft. Dort werden den Frauen die Füße abgebunden, hier werden sie in die Magersucht getrieben.“

Ariel Magnus: Ein Chinese auf dem Fahrrad. Roman. Aus dem argentinischen Spanisch von Silke Kleemann. Kiepenheuer &Witsch, Köln 2010. 252 Seiten, 17,95 €.

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