Buchkritik : Ausstellungen, die Kusntgeschichte machten

Paris, Berlin, New York: Das Buch "Salon to Biennial - Exhibitions That Made Art History" bietet auf 410 großformatigen Seiten eine Anthologie der Ausstellungen, die Kunstgeschichte machten.

Bernhard Schulz

Das romantische Bild vom Künstler, der, nur dem eigenen Antrieb folgend, seine Kunst schafft, hat beinahe nie gestimmt. Die Moderne hat sich diesen Mythos gerne zurechtgelegt, um ihren Kampf gegen das Überkommene zu betonen, gegen die Akademien und – in Paris – gegen den alljährlichen „Salon“. Dort kam das breite Publikum in Kontakt mit der neuesten Kunst. Genau da setzt das Buch „Salon to Biennial – Exhibitions That Made Art History“ an.

Ja, es sind Ausstellungen, die Kunstgeschichte „machen“, und das gilt für die angeblich so mühevoll durchgesetzte Moderne erst recht. Bislang liegt dieses monumentale Buch mit seinen 410 großformatigen Seiten allein in englischer Sprache vor – wobei es sich nicht um eine durchgängig zu lesende Darstellung handelt, sondern um eine ausgezeichnete Dokumentensammlung, die neben Hunderten von Abbildungen zu 24 Ausstellungen zwischen 1863 und 1959 – ein zweiter Band zur neuesten Zeit soll folgen – zeitgenössische Rezensionen enthält. Die allerdings wünschte man sich neben der englischen Übersetzung zusätzlich in Originalsprache. Denn in diesen, oft von den bedeutendsten Kritikern ihrer Zeit verfassten Artikeln steckt die Atmosphäre der Zeit, stecken Aufgeschlossenheit für das Neue ebenso wie Unverständnis und blanke Ablehnung.

Die von Bruce Altshuler zusammengetragene Auswahl folgt einer nicht gänzlich neuen Idee; erinnert sei an die „Stationen der Moderne“, die die Berlinische Galerie 1988 im Martin-Gropius-Bau wiederaufleben ließ, beschränkt allerdings auf Ausstellungen in Deutschland. Das vorliegende Buch will etwas anderes, insofern es eine Dokumentation ist. Es will das Aussehen dieser Ausstellungen – bei denen des späten 19. Jahrhunderts in Paris eher noch spärlich überliefert – vermitteln, dazu aber auch das Drumherum von Werbeplakaten und Katalogeinbänden, von Zeitungsseiten und bisweilen auch Reportagefotos.

Es geht nicht um die Geschichte des Ausstellungswesens

Die Auswahl der 24 epochalen Ausstellungen lässt nicht erkennen, dass der Autor oder besser: der Kompilator Amerikaner ist – es wimmelt von Pariser Ausstellungen zu Beginn, dann von Ausstellungen in Berlin und anderenorts in Deutschland, und erst für die fünfziger Jahre schiebt sich New York in den Vordergrund. Mit anderen Worten: Die geografische Verteilung der Ausstellung spiegelt die Entwicklung der modernen Kunst – wenn man so will: von Manet über die „Brücke“ bis zu Jackson Pollock.

Der Herausgeber – wie er sich bescheiden nur im Kleingedruckten nennen lässt – hat sich auf Gruppenausstellungen beschränkt, solche also, die Tendenzen und Entwicklungen sichtbar gemacht oder überhaupt erst befördert haben. Es überrascht nicht, dass bis in die 1920er Jahre hinein keine Museen vorkommen – denn erst nach dem Ersten Weltkrieg beginnen Museen, der Avantgarde eine Plattform zu bieten. Überraschend ist eher, wie stark die Ausstellungen von den Künstlern selbst gestaltet waren, während sich Galeristen und Museumsleute quasi als Ermöglicher im Hintergrund hielten.

Noch war die Zeit der berufsmäßigen Kuratoren ebenso wenig gekommen wie die der großen Ausstellungsmaschinerien, wie sie heute in Gestalt von Biennalen und dergleichen weltweit zur Verfügung stehen. Aber es geht diesem Buch ja auch nicht um eine Geschichte des Ausstellungswesens, sondern speziell um „Ausstellungen, die Kunstgeschichte machten“. Selbst wenn sie, wie die erste Ausstellung der „Künstlergemeinschaft Brücke“ 1906, in einer Dresdner Lampenfabrik stattfanden.

Salon to Biennial – Exhibitions That Made Art History. Volume I: 1863 – 1959. herausgegeben von Bruce Altshuler. Phaidon Press, London 2008. Im deutschen Buchhandel (Phaidon Berlin) 75 Euro.

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