Buchkritik : Getragen vom Wärmestrom der Liebe

Kein politische Pamphlet, sondern subjektiver Bericht von großer Eindringlichkeit: Bernard-Henri Lévys Libyen-Tagebuch „La guerre sans l’aimer“ (Der ungeliebte Krieg) über den Aufstand gegen Gaddafi und die mehr als marginale Rolle, die BHL selbst darin spielt.

Hans Christoph Buch

Abgesehen von André Glucksmann, den die Friedensbewegung mit einem „Nazi-Kriegspreis“ verhöhnte, gibt es keinen französischen Intellektuellen, den Deutschlands linke Szene gnadenloser durch den Kakao gezogen hat: Bernard-Henri Lévy war der Watschenmann vom Dienst, an dem jeder sich ungestraft abreagieren konnte, obwohl oder weil weder seine politische Haltung noch sein literarisches Werk ihn zum Hassobjekt prädestinierten – im Gegenteil.

Sein Eintreten für das von Europa im Stich gelassene Bosnien, dem Mitterrand die Unterstützung verweigerte, entsprach bester linker Tradition, ebenso wie sein Plädoyer für General Massud, den Führer der afghanischen Nordallianz, oder sein Buch über den in Pakistan entführten und bestialisch ermordeten Reporter Daniel Pearl.

Hinzu kommt, dass BHL, wie er in Frankreich heißt, nicht erst seit dem Arabischen Frühling, den er als Berichterstatter in Kairo erlebte, für Annäherung und Ausgleich zwischen Juden und Palästinensern wirbt und auch Kritik an Israel übt. Da er selbst aus einer in Algerien ansässigen jüdischen Familie stammt, geht man nicht fehl in der Annahme, dass die Aussöhnung Israels mit seinen arabischen Nachbarn für Bernard-Henri Lévy keine politische Routine, sondern eine Herzensangelegenheit war und ist.

„Die Wüste berauscht mich. Obwohl ich Nichtstun nur schwer ertrage, werde ich nicht müde, die in Bronze gegossene Landschaft an mir vorbei ziehen zu lassen, durch die mein Großvater seine Schafherden trieb.“

Der Satz stammt aus Bernard-Henri Lévys Libyen-Tagebuch, einem 640-Seiten-Wälzer mit dem schwer übersetzbaren Titel „La guerre sans l’aimer“ (Der ungeliebte Krieg) über den Aufstand gegen Gaddafi und die mehr als marginale Rolle, die BHL darin spielt: kein politisches Pamphlet, sondern ein subjektiver Bericht, getragen vom Wärmestrom der Liebe – man kann es nicht anders nennen – zu Libyen und seinen Menschen, denen Bernard-Henri Lévy sich wahlverwandt fühlt. Um es vorweg zu sagen: Das Buch ist ein großer Wurf, ein unter Zeitdruck und nicht zu unterschätzender Gefahr entstandener Text, dessen atemloser Duktus die Leser mitreißt und unmittelbar am Geschehen teilhaben lässt. Dabei tat Bernard-Henri Lévy gut daran, Fehleinschätzungen und Irrtümer nicht nachträglich zu korrigieren, sondern unzensiert stehen zu lassen.

Die Heldenrolle, die BHL sich selbst zuschreibt, wirkt weder peinlich noch deplatziert, weil er sein Schwanken zwischen Euphorie und Depression nicht verschweigt, sondern offen thematisiert: „Ich sitze auf der Treppe mit dröhnendem Kopf und denke daran, dass ich Nicolas Sarkozy anrufen will. Was soll ich ihm sagen, in welchem Ton? Ich habe Glück, die Verbindung steht. ’Monsieur le Président. Ich bin in Benghazi!’ – Ich presse den Daumen an die Schläfe. – ’Ich weiß. Wie geht es Dir?’– Sarkozy duzt mich zuerst. – ’Ich habe Dir etwas Wichtiges zu sagen.’“

Die Hasstiraden, die BHL nicht bloß diesseits, sondern auch jenseits des Rheins auslöst, gelten weniger den politischen Anliegen, für die er sich engagiert, als der Art und Weise, wie er sich selbst in Szene setzt und mit der Aura des Philosophen umgibt – ein Begriff, der in Paris nicht so staubtrocken klingt wie in Berlin. Man denke nur an Voltaire oder an Jean-Paul Sartre, den Lehrmeister von Bernard-Henri Lévy. Die lässige Eleganz, mit der dieser seine Auftritte absolviert, gepaart mit Weltläufigkeit und genügend Geld – nach Libyen flog er im eigenen Jet – sorgt für üble Nachrede, die nicht frei von antisemitischen Untertönen ist, ganz zu schweigen vom Neid darauf, mit Carla Bruni per Du zu sein.

In Deutschland herrscht Funkstille zwischen Geist und Macht, und es ist schwer vorstellbar, dass ein Hans Magnus Enzensberger oder eine Herta Müller die Kanzlerin per Handy zum Eingreifen in Syrien aufruft. Ob das wünschenswert wäre oder nicht, sei dahingestellt.

Hans Christoph Buch ist Schriftsteller. Zuletzt erschienen von ihm der Roman „Apokalypse Afrika“ (Andere Bibliothek) und der Essay „Haiti - Nachruf auf einen gescheiterten Staat“ (Wagenbach)

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