Kultur : Buchkünstler

Zum Tod des Verlegers Gerd Cantz

Seinen ersten Verlag begriff er als Privatuniversität. 1945 hatte der 30-jährige gelernte Schriftsetzer Gerd Hatje die Lizenz zur Verlagsgründung bekommen. Künftig erschienen im „Humanitas Verlag“ Novellen, Romane und Stücke der Weltliteratur, gedruckt auf dünnem Nachkriegspapier. Nachholbedarf einer Kriegsgeneration – der Ofen in den Verlagsräumen wurde manchmal mit zerlegten Stühlen geheizt. Neben belletristischen und zeitgeschichtlichen Publikationen wurden anfangs auch Bücher über Jazz veröffentlicht. In den Fünfzigern wandte Hatje sich seinen eigentlichen Themen zu: Kunst, Design, Architektur.

Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt, der in den Fünfzigern als Lektor bei Hatje arbeitete, erinnert sich an die Zeit: „Arbeit wenn nötig bis Mitternacht oder am Sonntag, aber plötzlich stattdessen ein viergängiges Abendessen oder ein verplauderter Abend; mehrtägige Klausuren im Bootshaus am Bodensee; Betriebsausflüge nach Burgund oder Bergamo, wenn zufällig der größere Scheck eines internationalen Verlagspartners eingetroffen war.“ Zu der Zeit entstand auch der Kontakt zur Stuttgarter Druckerei Cantz, die mit der Edition Cantz zu einer der ersten Adressen für Künstlerbücher geworden war. 1990 verkaufte Hatje seinen Verlag an die Cantz’sche Druckerei. 1999 wurden die Edition Cantz und der Verlag Gerd Hatje zusammengeführt, der Verlag ist heute eine der wichtigsten Katalogadressen für Museen.

Der 1915 in Hamburg geborene Gerd Hatje hat sich immer als „Überzeugungstäter“ bezeichnet: Noch bis kurz vor seinem Tod war er täglich von 8 bis 12 Uhr im Büro anzutreffen. „In der Kunst gibt es für mich keine Vergangenheit und auch keine Zukunft. Wenn ein Kunstwerk nicht stets in der Gegenwart existieren kann, ist es nicht der Rede wert“, war sein Credo. Am Dienstag ist der leidenschaftliche Büchermacher im Alter von 92 Jahren gestorben. til

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