Buchmesse : Der Essayist

Michel de Montaigne hat mit seinen Texten über Freundschaft, Lebensgenuss und Tod das Denken verändert. Sarah Bakewell widmet ihm eine meisterliche Biografie.

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Selbstdenker. Montaigne, Adelssohn aus der Dordogne, veröffentlichte ab 1580 seine „Essais“. Sie machten ihn unsterblich.
Selbstdenker. Montaigne, Adelssohn aus der Dordogne, veröffentlichte ab 1580 seine „Essais“. Sie machten ihn unsterblich.Foto: bpk | RMN | Gérard Blot

Das große Projekt: sich selbst betrachten und befragen, das Schwanken der Gedanken, den Zustrom der Erfahrungen, das Einsickern der Lektüren. Nicht das Sein darstellen, sondern das Unterwegs-Sein. Einen Menschen schildern, in allen seinen Widersprüchen. So wuchsen Michel de Montaignes „Essais“ wie ein Korallenriff, so begründete dieser Renaissanceautor ein literarisches Genre und eine Tradition der literarischen Selbstbeobachtung. Die „Essais“ sind beides: Handbuch der Lebenspraxis und große Literatur.

Sie folgen keinem Fahrplan, sondern nutzen jede Gelegenheit zu Abschweifungen und erkenntnisträchtigen Umwegen. Auch Sarah Bakewells Montaigne-Biografie hangelt sich nicht starr chronologisch von der Geburt bis zum Grab. Die Lebensgeschichte wird verdichtet anhand von biografischen Knotenpunkten und Zentralthemen aus den „Essais“ (Freundschaft, Ehe, Lebensgenuss, Tod). Jedes Kapitel hat zugleich ein lebensphilosophisches Leitmotiv. Das können eher klassische Maximen sein („Lebe den Augenblick!“, „Finde das rechte Maß“) oder auch Leitlinien der Lebenskunst („Habe ein Hinterzimmer in deinem Geschäft“).

Montaigne war ein Autor, der unermüdlich seine Erfahrungen verarbeitete, bis hin zu den Nierenkoliken, die ihn plagten. Zugleich bewegt sich das Schiff der „Essais“ auf einem breiten ideengeschichtlichen Strom; allem voran die antiken Schulen der Skepsis, des Epikuräertums und des Stoizismus. Eindrucksvoll führt Bakewell vor Augen, inmitten welcher geschichtlichen Stürme Montaigne lebte. Während seiner Zeit als Bürgermeister von Bordeaux raffte die Pest ein Drittel der Einwohner dahin; der alle paar Jahre wieder auflodernde Krieg der christlichen Konfessionen führte zu Exzessen und Pogromen, darunter die Bartholomäusnacht, bei der allein in Paris 10 000 Protestanten massakriert wurden. „Europa zerfiel wie ein krümeliger Brotlaib, nicht wie ein mit dem Messer sauber halbierter Apfel“, schreibt Bakewell über die Epoche des Glaubenskriegs – ein Beispiel für ihren pointierten Stil.

Dem Ton von Montaignes Prosa sind all diese Verstörungen nicht abzulesen; die Erschütterung aller geistigen Fundamente dagegen schon. In den verbissenen religiösen Zwistigkeiten nahm er eine sympathische, damals ungewöhnliche Position ein: Toleranz nach allen Seiten, dabei mehr Neugier auf das Diesseits als Sehnsucht nach dem Jenseits. Er pflegte einen entspannten Humanismus und hatte ein großes Talent zur Empathie, versetzte sich in die Sichtweise der anderen, und sei es die seiner Katze oder die der sogenannten „Menschenfresser“ in den damals gerade neu entdeckten Welten, über die er einen der „Essais“ geschrieben hat. Wenn er selbst auf Reisen ging, interessierte er sich weniger für die gepriesenen Sehenswürdigkeiten, als für die Dinge des fremden Alltags, zum Beispiel sich selbsttätig wendende Bratenspieße und rußfreie deutsche Kachelöfen.

Montaigne scheute nicht davor zurück, seine Auffassungen radikal zu revidieren. „Philosophieren heißt sterben lernen“ war seine Devise in jüngeren Jahren. Drei Tode hatten ihn schwer erschüttert: Sein Bruder starb wenige Stunden, nachdem er von einem Ball am Kopf getroffen worden war, womöglich eine Hirnblutung. Früh erlag sein Vater den Komplikationen einer Nierenkolik, und als Montaigne dreißig war, wurde sein bester Freund La Boétie von der Pest hinweggerafft. Montaigne starrte nun auf den Tod wie das Kaninchen auf die Schlange. Jeder herabfallende Ziegel, jeder Nadelstich konnte das Ende bringen. Philosophie hatte die Allgegenwärtigkeit des Todes im Bewusstsein zu halten und der Vorbereitung des Letzten zu dienen. Später ging Montaigne auf, dass diese Haltung die Todesfurcht eher steigerte bis ins Hysterische. Dagegen beobachtete er, dass die einfachen Bauern tapfer starben wie Stoiker, obwohl sie zeitlebens keine Minute über die Endlichkeit gegrübelt hatten. Montaigne wurde zum Befürworter dieser Verdrängungskultur: Die Natur lehrt ihre Geschöpfe, erst dann an den Tod zu denken, wenn es so weit ist.

Bakewell erzählt von der mächtigen Nachwirkung der „Essais“ im Lauf der Jahrhunderte. Sie waren ein geliebtes und gehasstes Buch. Blaise Pascal stand im Bann Montaignes. Er übernahm von ihm fast wörtlich Gedanken über die Unbeständigkeit und Eitelkeit des menschlichen Daseins, gab ihnen aber eine andere, viel düstere Färbung. Fast zwei Jahrhunderte standen die „Essais“ auf dem Index der katholischen Kirche. Das schmälerte ihre Faszinationskraft nicht, sie hatten unterdessen vor allem in England eine große Wirkungsgeschichte, etwa bei Laurence Sterne im Roman „Tristram Shandy“. Bis sich dann in Deutschland Nietzsche auf Montaigne berief und für einen neuen Schub der Rezeption sorgte.

Bei Montaigne, der äußerlich an der katholischen Ordnung der Dinge festhielt, wird die menschliche Existenz erstmals im modernen Sinn zum Problem. Wahrheit ist für ihn nichts Statisches, er findet sie gerade im unabschließbaren Hin- und Herwenden der Dinge. Das Erstaunliche ist, dass daraus nicht ein Haufen beziehungsloser Momentaufnahmen resultiert. Dem steht die Integrität der charismatischen Persönlichkeit Montaignes entgegen. Aber woher kennen wir diese Persönlichkeit, wenn nicht wiederum aus dem Sammelsurium der „Essais“? Das scheint ein Widerspruch. Er löst sich auf im Hinblick auf die Schreibweise: Der Stil ist der Mann. Wir begegnen Montaigne im Satzbau. „Man meint ihn sprechen zu hören und seine Gesten zu sehen“, schrieb einmal der große Romanist Erich Auerbach. Es sind der natürliche Fluss seines Parlandos und die wunderbare Offenheit, die seine Prosa nach fast einem halben Jahrtausend immer noch ungemein frisch erscheinen lassen.

Deshalb sind angestrengte Aktualisierungsbemühungen überflüssig. Bakewell schießt da zwei, drei Mal übers Ziel hinaus. Dass Montaigne heute ein Blogger wäre und sich ein Tattoo stechen lassen würde – diese eher kuriose Aufwertung des Philosophen ins Zeitgemäße hätte es nicht gebraucht. Ansonsten stellt ihr Buch Leben, Werk und Wirkung Montaignes auf fesselnde, angenehm unakademische Weise dar. Und macht große Lust, Montaigne selbst zu lesen.

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