• Buchmesse in Moskau: China ist Spitze - Notizen von der 13. Internationalen Veranstaltung

Kultur : Buchmesse in Moskau: China ist Spitze - Notizen von der 13. Internationalen Veranstaltung

Ulrich Heyden

Kaum zu glauben: Im chaosgeschüttelten Moskau findet eine internationale Buchmesse statt. Die Stände der insgesamt 2000 Verlage aus 75 Ländern sind tagelang dicht umdrängt. Die vor allem jugendliche Besucher signalisieren einen neuen Trend. Gefragt sind vor allem Bücher über Computer, Wirtschaft, Geschichte und Nachschlagewerke. "Literatur beginnt erst ab Platz sechs", meint Nikolai Owsjanikow, der seit 17 Jahren Buchmessen in Moskau organisiert. "Im Krisenjahr 1993 wollten die Jugendlichen mit Handel schnell zu Geld kommen. Niemand dachte daran, Bücher zu lesen. Heute kämpfen 16 Bewerber um einen Studienplatz. Die Prioritäten haben sich völlig verändert."

Mit der Statistik sei das allerdings so eine Sache, räumt Owsjanikow ein. Die Zahl von 410 Millionen verkauften Büchern im Jahr beruht auf einer Schätzung. Der Buchhandel in Russland ist zusammengebrochen; es gibt einen großen Markt für Raubdrucke. Nur drei Buchläden in Moskau und einer in St. Petersburg seien computerisiert. Über diese Läden und die Angaben der Verlage versuche man, die Trends zu ermitteln. Bestseller war dieses Jahr "IBM-PC für Anfänger" vom russischen Autor Wasili Figurnow mit über einer Million Auflage. "Mit den jährlich 52 000 Neuerscheinungen nähern wir uns derjenigen Zahl, die wir Mitte der achtziger Jahre hatten", meint der Messechef. "Den Tiefpunkt gab es 1993 mit 30 000 neuen Titeln." Nominal waren auf der Moskauer Messe 30 deutsche Verlage. Aber der Großteil von ihnen wurde vom Stand des Buchinformationszentrums vertreten, das von der Frankfurter Buchmesse betrieben wird. Deutsche Verlage scheuen den russischen Markt wegen der ungeschützten Autorenrechte und den zahlreichen Raubdrucken.

Die Leiterin des Buchinformationszentrums, Tatjana Simon, erklärte die schwache Präsenz der deutschen Verlage mit den schlechten Geschäftsaussichten. Insgesamt werde sehr wenig und oft mit erheblicher Verspätung übersetzt. Die Russen kennen vor allem Böll, Gras, Hesse, Kafka und Süskind. Nur eine sehr kleine Zahl russischer Verlage habe ein deutsches Belletristik-Programm. Junge deutsche Autoren seien fast nicht bekannt. In einem Petersburger Verlag erscheinen demnächst die "33 Augenblicke des Glücks" von Ingo Schulze.

In der Statistik für Lizenzvergaben ins Ausland liegen deutsche Bücher in Russland mit 169 Titeln an 12. Stelle. Spitzenreiter bei der Lizenzvergabe ist Chinesisch (471 Lizenzen), gefolgt von Englisch, Niederländisch und Tschechisch. So war es kein Wunder, dass China bei der Moskauer Buchmesse das stärkste Kontingent stellte. Für die 13. Internationale Buchmesse machte der Staat übrigens keine Kopeke locker. Die Messe ist ein reines Kommerzunternehmen, wie Owsjanikow berichtet. Sein Unternehmen veranstaltet neben der Buchmesse noch andere Messen wie etwa den "Internationalen Moskauer Autosalon". Von der breiten finanziellen Basis seines Unternehmens profitiere auch die Buchmesse.

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