Buchpreis-Gewinnerin im Interview : "Der Schmerz heilt nicht"

Ursula Krechels „Landgericht“ wurde am Montag in Frankfurt als bester Roman des Jahres ausgezeichnet. Sie erzählt die Geschichte eines aus dem Exil zurückgekehrten jüdischen Juristen, der nach dem Krieg Gerechtigkeit sucht. Ein Gespräch über Kriegstraumata, dokumentarisches Schreiben und die Kraft der Erinnerung.

Ursula Krechel, 1947 als Tochter eines Psychologen in Trier geboren, lebt nach langen Jahren in Frankfurt am Main heute in Berlin-Wilmersdorf. Die promovierte Germanistin gab bereits 1972 eine Stelle als Dramaturgin an den Städtischen Bühnen Dortmund auf, um freie Schriftstellerin zu werden. Sie debütierte 1974 mit dem Stück „Erika“, das vom Emanzipationsversuch einer Sekretärin handelt und in sechs Sprachen übersetzt wurde. Es folgte der Essayband „Selbsterfahrung und Fremdbestimmung“, eine Bilanz der damals neuen Frauenbewegung. Von dieser Aufbruchsstimmung ist auch ihr Lyrikdebüt „Nach Mainz!“ (1977) getragen. In ihrem Bemühen, die eigene Erfahrung der Wirklichkeit als poetischen Maßstab zu nehmen und im Privaten dezidiert das Politische zu suchen, wurde sie rasch der Neuen Subjektivität zugerechnet. Davon ist auch ihr Romandebüt „Zweite Natur“ (1981) geprägt, das in einer Frankfurter Wohngemeinschaft spielt. Seit 2001 erscheinen Krechels inzwischen mehr als 30 Bücher im Salzburger Verlag Jung und Jung. Neben der spielerischen Welterkundung wie im Lyrikband „Kakaoblau“ sind immer wieder Gewalt („Der Übergriff“) und Krieg („Stimmen aus dem harten Kern“) ihr Thema. Aufsehen erregte sie 2008 mit dem Roman „Shanghai fern von wo“, in dem sie auf der Grundlage historischer Recherchen dem Schicksal jüdischer Emigranten aus Nazi-Deutschland nachgeht. Ihren Marathon durch die jüngere deutsche Geschichte hat Ursula Krechel, die neben vielen anderen Auszeichnungen 2009 den Joseph-Breitbach-Preis erhielt, nun mit „Landgericht“ erfolgreich fortgesetzt.
Ursula Krechel, 1947 als Tochter eines Psychologen in Trier geboren, lebt nach langen Jahren in Frankfurt am Main heute in...Foto: dapd

Ursula Krechel, 1947 als Tochter eines Psychologen in Trier geboren, lebt nach langen Jahren in Frankfurt am Main heute in Berlin-Wilmersdorf. Die promovierte Germanistin gab bereits 1972 eine Stelle als Dramaturgin an den Städtischen Bühnen Dortmund auf, um freie Schriftstellerin zu werden. Sie debütierte 1974 mit dem Stück „Erika“, das vom Emanzipationsversuch einer Sekretärin handelt und in sechs Sprachen übersetzt wurde. Es folgte der Essayband „Selbsterfahrung und Fremdbestimmung“, eine Bilanz der damals neuen Frauenbewegung. Von dieser Aufbruchsstimmung ist auch ihr Lyrikdebüt „Nach Mainz!“ (1977) getragen.

In ihrem Bemühen, die eigene Erfahrung der Wirklichkeit als poetischen Maßstab zu nehmen und im Privaten dezidiert das Politische zu suchen, wurde sie rasch der Neuen Subjektivität zugerechnet. Davon ist auch ihr Romandebüt „Zweite Natur“ (1981) geprägt, das in einer Frankfurter Wohngemeinschaft spielt.

Seit 2001 erscheinen Krechels inzwischen mehr als 30 Bücher im Salzburger Verlag Jung und Jung. Neben der spielerischen Welterkundung wie im Lyrikband „Kakaoblau“ sind immer wieder Gewalt („Der Übergriff“) und Krieg („Stimmen aus dem harten Kern“) ihr Thema. Aufsehen erregte sie 2008 mit dem Roman „Shanghai fern von wo“, in dem sie auf der Grundlage historischer Recherchen dem Schicksal jüdischer Emigranten aus Nazi-Deutschland nachgeht. Ihren Marathon durch die jüngere deutsche Geschichte hat Ursula Krechel, die neben vielen anderen Auszeichnungen 2009 den Joseph-Breitbach-Preis erhielt, nun mit „Landgericht“ erfolgreich fortgesetzt.

Frau Krechel, was bedeutet der Gewinn des Deutschen Buchpreises für Sie?

Der Deutsche Buchpreis schafft einer neuen Arbeit Raum, die schon begonnen hat, und beflügelt sie.

Wird es darin wieder um die jüngere deutsche Vergangenheit gehen?

Ja. Aber Sie verstehen sicher, dass ich darüber noch nicht reden möchte.

An Ihrem prämierten Roman „Landgericht“ fällt zunächst das ungewöhnliche Format auf: Das Buch ist mit 19 mal 15 Zentimetern fast quadratisch, das Umschlagfoto zeigt einen menschenleeren Gerichtssaal in den fünfziger Jahren.

Es sind drei Bücher in diesem Format bei Jung und Jung erschienen. Bei „Shanghai fern von wo“ und „Landgericht“ war es so, dass mir selber schreibend auf DIN A4-Blättern nicht ganz klar war, wie viele Druckseiten das würden. Als ich dann hörte, im normalen Druck ergibt das 700 oder 650, da wurde mir etwas blümerant. So kam die gemeinsame Idee auf: Machen wir das Buch ein wenig breiter, so dass zwanzig Prozent mehr auf jeder Seite stehen, denn es muss mit einem ohnehin schweren deutschen Thema nicht so wahnsinnig dick sein. Das hat sich sehr bewährt.

Sind Sie auf Ihre Hauptfigur des Richters Dr. Richard Kornitzer im Zuge der Vorarbeiten für Ihren Roman „Shanghai fern von wo“ gestoßen, oder waren das jetzt ganz neue Recherchen in zahlreichen Stadt- und Landesarchiven?

Ich habe Dokumente benutzt, und in der Tat bin ich schon im „Shanghai“-Zusammenhang auf eine ähnliche Figur gestoßen. Ich fand ein Gutachten eines Richters, das mit einer schneidenden Intelligenz, mit großer Schärfe und Brillanz geschrieben war – es ist erstaunlich, nicht nur gute Schriftsteller können gut schreiben, auch Juristen können manchmal wunderbar formulieren mit Ironie und mit Ohrfeigen links und rechts an die gegnerische Seite. Dann forschte ich nach diesem Mann und fand eine Reihe von Dokumenten. Dabei stellte ich fest, dass er ein jüdischer Emigrant ist und dass seine Integration in das Nachkriegsdeutschland enorm schwer war.

Als ein Motto zitieren Sie Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“. Spielte sich der Kohlhaas’sche Kampf des Richard Kornitzer tatsächlich in Mainz ab?

Ja, auch das Titelbild zeigt das Landgericht von Mainz. Kürzlich traf ich einen Richter, und der sagte mir, inzwischen hängt dieses furchtbare Vorhängchen am Tisch nicht mehr, man sieht die Beine der Richter.

Sie stammen aus Trier. Handelt es sich bei „Landgericht“ auch um eine literarische Rückkehr der Landestochter?

So ist es. Zunächst überlegte ich, ob ich aus drei Städten, die ich ganz gut kenne – Trier, Speyer und Mainz – eine Art von Kunststadt bauen sollte. Dann merkte ich aber, das wird so mythisch, Hermann Kasacks „Stadt hinter dem Strom“ kommt irgendwie hervor. Daraufhin habe ich mir gesagt, nenne doch lieber Name und Adresse, mach es konkret. Das hat sich dann bewährt.

Sie kommen aus der Lyrik. War es für Sie schwierig, die Balance zu halten zwischen den zu referierenden Fakten und den anschaulichen Landschaftspassagen vom Bodensee bis Kuba, das Sie bereist haben?

Es ist für mich nicht so schwierig, denn ich habe einerseits gesammelte Dokumente, schaue sie aber während des Schreibens nur an, wenn ich ein Zitat haben möchte. So bedrängen oder bedrücken sie mich nicht. Und wie die Melodie einer Passage oder eines Kapitels, wie der Rhythmus sein muss, ist dann sehr viel wichtiger als die Fakten, die ich ungefähr als Gerüst im Kopf habe.

Richard Kornitzer ist ein zwiespältiger Charakter. Man empfindet große Sympathie für sein Schicksal, das ihn aber zunehmend verbittern lässt. Sie nähern sich ihm mit höflicher Empathie. Warum verzichten Sie auf die direkte Rede?

Einerseits mit höflicher Empathie, andererseits natürlich auch mit Distanz. Da ich Dokumente aus seiner Feder hatte, schien es mir unangemessen, ihm noch wörtliche Rede hinzuzuerfinden. Ich schreibe ohnehin, obwohl ich vom Theater komme, ungern Dialoge, ich kann gar nicht sagen, warum. Ich betrachte Personen eher von innen heraus, und dazu passt nicht, dass sie eine große Sprechtüte vor den Mund bekommen.

Bevor Richard Kornitzer 1939 nach Kuba emigriert, können er und seine nicht jüdische Frau, die in Berlin zurückbleiben muss, noch ihre beiden Kinder einem rettenden Transport nach England mitgeben. Dieses Thema scheint Sie besonders beschäftigt zu haben.

Es ist in der Tat ein Fiasko. Wenn man über Kindertransporte nach England spricht – es waren ja 10 000 Kinder –, so spricht man meist zu Recht mit großer Dankbarkeit und Zuspruch darüber. Für die Kinder, die ihre Eltern in Auschwitz verloren haben, war diese frühe Integration sicher etwas Gutes und Glückliches. Kompliziert wurde es für die Kinder, deren Eltern sie wieder gefunden haben. Da war die Integration nach der einen Seite nicht mehr möglich und die nach der anderen auch sehr schwer, weil die Fragen der Kinder – Warum habe ich überlebt? Warum konnte ich nicht bei Euch bleiben? – natürlich nie beantwortet werden konnten. Jede Entscheidung, die Kinder bei sich zu belassen, hätte genauso falsch sein können. Das heißt, das ist ein Schmerz, der nicht zu heilen ist.

Berührend ist auch, wie Sie die Zerstörung der deutschen Städte vergegenwärtigen.

Ich bin 1947 geboren und noch durch viele, viele Trümmer gestapft, aber ich erinnere mich jetzt sehr viel besser daran, es ist ganz merkwürdig. Ich war nach dem Jugoslawienkrieg in Sarajewo und die Stadt war frisch zerstört, um es so drastisch zu sagen. Ich roch nasses, verbranntes Holz und wusste, ich kenne diesen Geruch. Ich habe an diesen Geruch nie mehr gedacht zwischendurch in vielen, vielen Jahren und habe mir auch die Kinder natürlich sehr genau angeguckt. Wie sie spielten, was sie machten, mit welchen Gegenständen, und überlegte mir, ja so waren die Kinder 1949, 1950 auch. Es ist, glaube ich, eine Gabe des Älterwerdens, eine viel präzisere Erinnerung zu haben. Oder: Woran man sich nicht erinnert, das war dann auch nicht wichtig.

Das Gespräch führte Katrin Hillgruber

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