Kultur : Buchpreisbindung: Neolibrolismus (Kommentar)

Gregor Dotzauer

Der Streit um die Buchpreisbindung wird allmählich zur unendlichen Geschichte. André Rettberg, Geschäftsführer der österreichischen Medienhandelskette Libro AG, spielt darin das neoliberale Springteufelchen, Eugen Emmerling vom Frankfurter Börsenverein den braven Polizisten und Aufbau-Verleger Bernd F. Lunkewitz den Zauberer. Am Dienstag ist es ihm noch einmal gelungen, Rettberg fürs Erste in die Kiste zurückzuzwingen. Das Berliner Landgericht gewährte ihm die Freiheit, Libros deutsche Tochter nicht mit seinen Büchern beliefern zu müssen, solange sie via Internet - und offenbar auch in einzelnen Läden - unter dem normalen Ladenpreis angeboten werden. Andere Verlage und der Großhändler Koch, Neff & Oettinger hoffen auf eine ähnliche Entscheidung.

Wie konnte es dazu kommen? Der politische Wille, die Buchpreisbindung zu erhalten, war vorhanden und ein Weg gefunden, der europäischen Deregulierung im Einvernehmen mit Brüssel durch eine deutsche Zusatzklausel zu entgehen. Nur mit dem juristischen Schlupfloch hatte niemand gerechnet: Im Online-Handel sind Re-Importe aus Österreich nicht verboten. Soll nun ausgerechnet auf diesem Umweg die Preisbindung kippen? Rettbergs Neolibrolismus, der die Wünsche der Branchenmehrheit gezielt ignoriert, lässt sich nur vor dem Hintergrund eines Deregulierungswahns begreifen, der zwischen Markt und öffentlichem Interesse keinerlei möglichen Widerspruch mehr erkennen kann. Denn wem nützt der Fall der Preisbindung? Die anspruchsvollen Verlage wollen ihn nicht, weil sie um die Breite ihres Angebots fürchten: Die Preissicherheit bei Bestsellern muss Reserven für Experimente schaffen. Der mittelständische Buchhandel will ihn nicht, weil er nur den Handelsketten hilft. Und der Leser, zu dessen Nutzen die ganze Sache sein soll? Er profitiert vom Preisdumping nur bei ausgemachten Erfolgstiteln. Ein weitaus größerer Teil von Lesern, den man getrost die Mehrheit der Minderheiten nennen kann, profitiert davon keineswegs. Kleine Auflagen vertragen keine großzügigen Rabatte.

Man muss und darf Bücher nicht zu Heiligtümern erklären. Aber man kann von einem Händler erwarten, dass er Leidenschaft für seine Ware mitbringt - gleichgültig, ob er Pferde verkauft oder Stoffe. Im Fall von Libro ist das nicht ganz sicher. Und man macht sich auch als Leser nicht glücklich, wenn man seine Lektüre danach aussucht, ob man sie bei lion.cc so günstig bekommt wie einen Rasenmäher bei letsbuyit.com - vorausgesetzt, es finden sich genügend Käufer für das gleiche Produkt.

Die Öffnung des Markts, die für die Telekommunikation und - mit ökologischem Vorbehalt - für die Energieversorgung gut gewesen sein mag, taugt noch lange nicht für den Kulturbereich. Wem also nützt die Attacke von Libro? Es ist denkbar, dass ein Verlag ohne literarische Ambitionen nach dem Fall der Buchpreisbindung höhere Gewinne erwirtschaftet. Was er durch Rabatte an den Großhändler verliert, macht er durch höhere Auflagen wett. Vielleicht befördert der Druck auch die Fantasie ambitionierter Verlage und beschleunigt dringend nötige Strukturreformen. Wenn das digitale Printing-on-demand bei kleinen Auflagen Produktions- und Lagerkosten spart, ist der Weg zum Direktvertrieb nicht mehr weit. Davon hat dann auch Libro nichts mehr.

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