Kultur : Buchpreisbindung: Preis lass nach

Antje Sirleschtov

Das Haus Schiffbauerdamm Nummer fünf atmet Eleganz. Sorgsam ist die wertvolle Fassade aus der Gründerzeit restauriert, liebevoll das weitläufige Treppenhaus in Stand gesetzt. Oben, im dritten Stock, gönnt sich auf großzügigen 300 Quadratmetern der renommierte Börsenverein des deutschen Buchhandels ein Millionenobjekt. Edler Stuck über Eichenparkett - und verborgen hinter üppigem Tuch finden sich hier, mitten in der Hauptstadt, regelmäßig die Gralshüter der deutschen Kultur zum sinnesschweren Gedankenaustausch ein.

Vorige Woche wurde die geistreiche Ruhe gestört. Polternd und lärmend fielen Schergen der EU-Kommission in die Denkerstube der deutschen Literaturelite ein. Die von höchster europäischer Stelle beauftragten Beamten wühlten in den Räumen deutscher Großverlage und des Börsenvereins herum. Brüsseler Wettbewerbshüter vermuten, dass sich deutsche Verleger - einem Kartell gleich - darauf verständigt haben, dem österreichischen Buchhändler Libro ihre Ware vorzuenthalten und ihm damit die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Dafür sucht Europa Belege.

In der Tat maßte sich Libro an, ein mehr als 100 Jahre bestehendes Edikt der deutschen Buchlandschaft zu ignorieren. Dreist bot der Händler über seine Internetseite Lion.cc deutschen Kunden Lesevergnügen zu Preisen an, die bis zu 20 Prozent unter dem Betrag lagen, den man in allen Buchläden des Landes über den Ladentisch zu reichen hat. Ein glatter Verstoß gegen die Buchpreisbindung also. In seinen Buchgeschäften, etwa in der Berliner Innenstadt, drängte Libro die Kundschaft sogar, deutsche Literatur nicht aus dem Regal zu ziehen, sondern an dort eingerichteten Computern zu bestellen und sich aus dem österreichischen Libro-Lager nach Hause senden zu lassen.

Das war ein plumper Versuch, die Preisbindung für deutsche Bücher, der sich alle Verleger und Buchhändler hier zu Lande freiwillig unterworfen haben, zu unterlaufen. Ein Angriff auf die deutsche Literatur derer von Goethes und Hesses. Ein Krieg gegen 4000 der Bildung der deutschen Bevölkerung verpflichteten Buchhändler. Und eine Attacke gegen die verfassungsgarantierte freie Meinungsbildung in Deutschland, die - so argumentiert der Börsenverein der Buchhändler - "ernsthaft in Gefahr ist, wenn es keine Buchpreisbindung mehr gibt" und jeder Buchhändler selbst entscheidet, wie teuer er ein Buch verkauft.

Libro wurde gestoppt. Wer oder was auch immer den Ausreißer zum Guten bekehrte - die EU-Kommission untersucht den Fall. Sicher ist bislang nur: Bei Libro ein Buch zu kaufen, ist nun wieder genau so teuer wie beim Händler an der Ecke. Die deutsche Buchpreisbindung hat gesiegt.

Noch. Nicht erst aufgeschreckt vom öffentlichen Wirbel, den Libro ausgelöst hat, durchforsten Manager in deutschen Buchverlagen seit Jahren ihr literarisches Programm und selektieren Verkaufbares von Unverkäuflichem. Überall in Deutschland sichten Verleger ihre Häuser auf betriebswirtschaftlichen Effizienzgewinn, prüfen Buchhändler mit unternehmerischer Weitsicht ihre Zukunftschancen und schmieden Internetanbieter Pläne, wie sie den eigenen Marktanteil erhöhen können. Eichborn sammelt Kapital für spannende Buchprojekte an der Börse, Rowohlt und S. Fischer lassen ihre Häuser von Unternehmensberatern wie McKinsey auf Potenzial in Marketing und Unternehmensstruktur untersuchen, Bertelsmann will seine Buchverlage künftig mit internationalen Strategien von New York aus führen. Und vergangene Woche kündigte der belgische Internethändler Proxis an, dass auch auf seiner Web-Page Bücher bald preiswerter zu haben sein werden. Der deutsche Buchmarkt rüstet sich schon lange für die Zeit nach der Preisbindung.

Jeder dritte deutsche Buchladen, sagt Ingo Specht, "dümpelt sowieso vor sich hin". Ob mit oder ohne Preisbindung, "es wird viele von uns erwischen." Der Mann muss es wissen. Seit knapp zehn Jahren betreibt der 41-Jährige in Berlin eines von jenen rund 4000 kleinen deutschen Geschäften, das der Börsenverein des deutschen Buchhandels durch die Buchpreisbindung erhalten will, weil "nur die Breite des Handels den Zugang der Bevölkerung zur Literatur sichert". Specht, Inhaber der Kollwitz-Buchhandlung in Prenzlauer Berg, weiß längst, dass das Argument hinkt. Denn sein Laden hat in Zukunft ohnehin nur eine Chance, wenn es ihm gelingt, die Menschen davon abzuhalten, Bücher in den schon jetzt emporsprießenden Literatur-Supermärkten zu kaufen. Die Buchpreisbindung "macht es allenfalls bequem", sagt Specht, "weil ich ein Problem weniger habe: Ich muss mich um die Preise nicht kümmern."

Im September will Specht die Flucht nach vorn antreten, weil er ahnt, "dass die Preisbindung sowieso früher oder später fällt". Auf seiner Web-Page www.kollwitz-buch.de bietet er seinen Kunden ab Herbst die Chance, zu Hause 24 Stunden am Tag in genau dem "Verzeichnis lieferbarer Bücher", in dem sonst nur die Buchhändler alle erhältliche Literatur recherchieren, nach Interessantem zu suchen. Ein Klick, und einen Tag später ist die Ware in Spechts Geschäft, wird geliefert oder liegt zur Abholung bereit. Gewiss, Schmökerer in München wird das wenig interessieren. Aber Specht fand heraus, dass immer mehr Menschen in seiner Nachbarschaft erst gestresst von der Arbeit kommen, wenn er längst den Laden geschlossen hat. "Ich bringe den Nachbarn meinen Laden nach Hause", sagt der Unternehmer.

Doch was, wenn Spechts Nachbarn Bestseller wie den neuen Potter woanders billiger bekommen als bei ihm? Schützt nicht wenigstens die Buchpreisbindung Leute wie Specht vor dem Ruin? "Unsinn", sagt Bernd Ruffler, Chef einer Mannheimer Buchhändler-Genossenschaft. Schon heute erbeuteten Großhändler bei den Verlagen ganz andere Einkaufsrabatte als der Buch-Krämer an der Ecke, der nicht 1000 sondern zehn Exemplare bestellt. "Groß frisst klein, auch mit der Preisbindung." Seine 200 genossenschaftlich organisierten Buchverkäufer hat Ruffler deshalb ermahnt, die Einkaufsmacht gegenüber den Verlagen zu intensivieren. Seitdem werden in Mannheim Bestellsysteme getestet, wird Logistik auf genossenschaftliche Brauchbarkeit kontrolliert: "Wenn die Preisbindung fällt", sagt Chef-Genosse Ruffler mutig, "werden wir gut vorbereitet sein."

Aber welche Bücher werden die Händler noch verkaufen können? Der Börsenverein lehrt: "Ohne Preisbindung werden die Verlage nur noch gut verkäufliche Bücher drucken. Es bleibt ihnen kein Gewinn aus renditestarken Veröffentlichungen, um junge und unbekannte Autoren zu sponsern."

Eine krude Argumentation: Denn einerseits bestreiten unbekannte Autoren in Deutschland schon jetzt ihren Lebensunterhalt oft eher mit Sozialhilfe, Stiftungsgeldern und Stipendien als mit üppigem Lohn der Verleger. Wer über festgesetzte Buchpreise lamentiert, sagt denn auch der immer noch um die monatliche Miete kämpfende F.-C.-Weißkopf-Preisträger Detlev Opitz, "der sollte auch mal über den Zustand des deutschen Mäzenatentums reden". Und andererseits sind Bestseller-Autoren längst nicht mehr automatisch Profit-Bringer, seit Agenten im Auftrag der Schriftsteller aus den Verlagshäusern Beträge für Veröffentlichungsrechte herauspressen, die sonst nur für leicht bekleidete Super-Models üblich sind.

Gewiss, mit 80 000 neuen Titeln, die in den Verlagen in diesem Jahr erscheinen, sucht die deutsche Literaturszene weltweit ihresgleichen. Nirgendwo werden mehr Bücher hergestellt. Für Marktexperten ist das allerdings nur ein Zeichen dafür, dass sich die im Wettbewerb stehenden Verlage angesichts des stagnierenden Leserinteresses durch überbordende Titelvielfalt gegenseitig bekämpfen. Eine Qualitätsgarantie bedeutet das noch lange nicht. Unternehmensberater fordern deshalb seit Jahren die Verleger auf, genauer hinzusehen, wie sie ihr Sortiment aufbauen und damit ihr unternehmerisches Profil stärken, wie sie Kunden an sich binden und aus den roten Zahlen herauskommen.

Bernd Lunkewitz, Chef des Berliner Aufbau-Verlages und selbst ernannter "Botschafter" einer "Bewegung, die die demokratische Erneuerung Deutschlands anstrebt", denkt da naturgemäß anders. "Ich bin doch kein Kapitalist", weist der Liebhaber von dicken Zigarren und prunkvollem Ambiente entsetzt die Frage nach unternehmerischen Konzepten von sich. Bücher seien doch keine "Eisenstangen oder Lokomotiven", die man "schutzlos der Marktwirtschaft preisgeben kann". Schließlich garantiere nur die Buchpreisbindung, dass "Anspruchsvolles" überhaupt das Licht der Bücherregale erblicken kann.

Doch auch der Linke Lunkewitz ("Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen"), verweist in schwachen Augenblicken gern auf seinen jüngsten unternehmerischen Erfolg. 300 Bücher im Jahr: Während die Wettbewerber in der Regel nur mit jedem dritten Buch Geld verdienen und jedes weitere dritte Verluste einfährt, holt Lunkewitz mit stolzen 80 Prozent der Titel seine Kosten rein. Mit weiteren zehn Prozent "verdiene ich richtig Geld". Und seit er sein Verlagsgeschäft in die Profit-Center Aufbau und Rütten & Loening gesplittet hat, läuft das Geschäft offenbar. Nicht magere drei bis vier Prozent Rendite, die Experten als Faustformel für Deutschlands belletristische Verlage nennen, sondern beinahe zehn Prozent erwirtschaftet Lunkewitz. Scharfe Konzentration auf die Marke des Verlages, noch genaueres Augenmerk auf Marketing und Kostenstraffung. Da schreckt das Ende der Buchpreisbindung kaum. Für den Fall der Fälle grübelt Lunkewitz schon darüber nach, ob er nicht ein paar Wettbewerber, denen es nicht so gut geht, aufkaufen kann.

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