Und was, Herr Menasse, sagen Sie zum Aufstieg von Trump?

Seite 2 von 2
Buchpreisträger Robert Menasse : "Europa braucht ein Netzwerk der Regionen"
Alexander Görlach
Ach so, du kommst aus Europa. Robert Menasse bei der Buchpreisverleihung am Montag.
Ach so, du kommst aus Europa. Robert Menasse bei der Buchpreisverleihung am Montag.Foto: Arne Dedert/dpa

Wie kommt es denn, dass der Nationalismus gerade auf beiden Seiten des Atlantiks erstarkt?
Es gibt eine spannende Langzeitstudie vom Wissenschaftszentrum Berlin, die 40 Jahre über 20 Parteien analysierte und zu dem Ergebnis kam, dass Parteien Wähler verlieren, wenn sie den Wählern nachlaufen, und dass sie Wähler gewinnen, wenn sie glaubwürdig einen programmatischen Standpunkt vermitteln. In Europa verlieren Sozialdemokraten und Christdemokraten systematisch Stimmen an Nationalisten. Die Nationalisten glauben wirklich daran, dass die Nation der einzige Heilsbringer ist. Sozialdemokraten und Christdemokraten sind den Wählern ins Nationalistische hinterhergerannt und haben damit ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Inwiefern verbindet dies Trumps Aufstieg mit dem Erstarken des europäischen Nationalismus?
Trump war der einzige Glaubwürdige. Warum? Seine Sprunghaftigkeit, seine Widersprüchlichkeit wurden ihm ausgelegt als Flexibilität. Die Flexibilität ermöglichte ihm, dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit aus dem Weg zu gehen. Hillary Clinton begann, Positionen von Bernie Sanders zu übernehmen und verließ damit ihre eigentlichen Standpunkte. Das wirkte nicht mehr glaubwürdig. In Europa sind die Rechten glaubwürdig, weil zum Beispiel eine Marine Le Pen oder die AfD niemals einen anderen Standpunkt einnehmen würden als jenen, den sie gerade halten. Proeuropäische Parteien hingegen, die plötzlich Europa aufgeben, können ihre Glaubwürdigkeit auch nicht zurückgewinnen, indem sie auf ihre alten Positionen zurückschwenken. Es kann nur mit neuem Personal errungen werden.

Bei der Buchpreisverleihung war der österreichische Autor Robert Menasse sichtlich gerührt.
Bei der Buchpreisverleihung war der österreichische Autor Robert Menasse sichtlich gerührt.Foto: Arne Dedert/dpa

Was genau ist diese „europäische Erfahrung“, die einen Deutschen und einen Italiener eint und von einem Amerikaner trennt?
Der Hauptunterschied liegt in dem, was man unter Freiheit versteht. Die Vorherrschaft der USA in der freien Welt war einmal darauf begründet, dass sie die Verteidiger der Freiheit waren und kein rationaler Mensch sich gegen Freiheit stellen konnte. Freiheit war seit Beginn der Aufklärung die große europäische Sehnsucht und wurde in die „Neue Welt“ exportiert, weil die feudalen und religiösen Mächte noch zu stark waren. Und dann trennten sich beide Welten.

Und in welche Richtungen führten diese verschiedenen Wege?
Ich bin davon überzeugt, dass sich der Freiheitsbegriff in den USA aus der Religionsfreiheit ableitet. Religiös Verfolgte waren die ersten Siedler im 17. Jahrhundert. In Europa war der Freiheitsbegriff viel weiter gefasst, er meinte nicht nur Religionsfreiheit, sondern auch Religionskritik. Die Grundidee der europäischen Moderne ist der säkulare Staat, und dieser Staat ist frei von religiöser Verfolgung. Die zweite Gruppe der Amerika-Auswanderer waren Klima- oder Hungerflüchtlinge, Menschen, die keine materielle Lebensgrundlage mehr hatten. Sobald sie auf fruchtbares Land stießen, war ihr Anspruch nicht mehr: „Wir brauchen einen fürsorglicheren Staat“, sondern „Wir brauchen dieses Land“. Dagegen ergab sich aus der europäischen Aufklärung eine Staatsvorstellung, die Gerechtigkeit in den Mittelpunkt rückte. Daraus ergibt sich seit jeher ein Solidaritätsgedanke, der in den USA fehlt. Deshalb kann es mittelfristig keine Gemeinsamkeit geben, wenn es darum geht, wie die freie Welt organisiert werden soll.

Artikel auf einer Seite lesen

13 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben