Buchrollenverlag in Berlin : Weniger blättern, mehr rollen

Leserollen? Ist das nicht ein Format, das mit der Druckkunst überwunden war? Nicht, wenn es nach den zwei Jungverlegern von "Round not Square" geht.

Lisa-Maria Röhling
Antonia Stolz und Ioan Brumer.
Antonia Stolz und Ioan Brumer.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die kleine zylinderförmige Buchrolle ist leicht, das Papier auf der Außenseite fühlt sich weich an. Nicht, dass beim Öffnen noch was kaputtgeht. Schließlich denkt man bei Buchrollen an altes Pergament und brüchiges Material. Das Gefühl einer Zeitreise kommt auf, als sei man zurück ins Mittelalter geschleudert worden und stünde nun an einem kerzenbeleuchteten alten Holztisch, um eine Schriftrolle auszubreiten. Tut man aber nicht. Denn hier in Berlin-Wedding haben die Sozialwissenschaftlerin Antonia Stolz und der Politologe Ioan Brumer 2015 den Verlag „Round not Square“ gegründet und die Buchrolle in die Gegenwart gebracht.

Das Format hat keine direkte Konkurrenz. Zumindest sagen das die beiden Gründer beim Besuch in ihren hellen Büroräumen unweit vom S-Bahnhof Gesundbrunnen. Nach eigener Recherche sind sie weltweit der einzige Verlag, der Buchrollen herausbringt. Sicher gebe es zahlreiche Titel auf dem Buchmarkt, die besser in einem klassisch paginierten Buch aufgehoben seien. Nämlich alle mit viel Text und wenig Illustrationen. Doch die Freiheit, die Grenzen des rechteckigen Blätterns zu sprengen, hat Stolz und Brumer derart interessiert, dass die Mittdreißiger ihre Jobs in einer Unternehmensberatung aufgaben, um in die ihnen bis dahin unbekannte Verlagsbranche zu wechseln.

Der Einfall, einen Verlag ausschließlich für Buchrollen zu gründen, mutet kurios und altmodisch an. Tatsächlich aber entstand die Idee durch einen Trend der digitalen Medien, der mit der Unendlichkeit spielt: Viele Homepages sind inzwischen so aufgebaut, dass man sich auf einer endlosen Seite durch die Themen scrollt. Warum das also nicht auch analog umsetzen?

Im Jahr 2014 zogen Stolz und Brumer von München nach Berlin und starteten eine Crowdfundingkampagne. Schon nach zwei Wochen hatten sie 14 000 Euro Startkapital zusammen. Nicht schlecht für eine vermeintliche Nischenidee.

Es gibt Gründe, warum Bücher Seiten haben

Die nächste Herausforderung: 300 von Unterstützern vorbestellte Buchrollen sollten produziert werden. Dabei hatten Brumer und Stolz gerade ihr erstes Kind bekommen und keinen blassen Schimmer von der technischen Umsetzung. Zu Beginn glaubten sie, dass die Rollen ganz konventionell in einer Druckerei hergestellt werden könnten. Doch alle Druckereien, Papierfabriken und Buchbinder, an die sie herantraten, belächelten sie nur. „Es hat einen Grund, dass Bücher Seiten haben“, lautete der Kommentar, den sie ständig zu hören bekamen.

Da half nur Improvisation und Handarbeit: Schließlich sollen die Rollen mit Preisen zwischen 20 und 35 Euro bezahlbar bleiben. Das bedeutete: selber drucken, aufrollen, binden. Überall lauerten ungeahnte Hürden, selbst bei der Papierbestellung. „Wir wollten, dass sich das Papier gut wieder zusammenzieht und angenehm anfühlt“, meint Antonia Stolz schulterzuckend. Auch das Druckergerät, das jetzt im Hinterzimmer die Rollen in einer Zeitspanne von 30 Minuten bis zu vier Stunden fertigstellt, machte zunächst Probleme: Die Seiten trockneten nicht schnell genug und verschmierten. Jetzt sorgt ein kleiner Ventilator für Abhilfe.

Drucker im Hinterzimmer des Büros
Der Drucker im Hinterzimmer des Büros, mit dem die Buchrollen hergestellt werden.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Anlaufschwierigkeiten brachten die Jungverleger nicht aus der Ruhe. Die Aufmachung soll ebenso stimmen wie die Geschichte, also lernten sie das Buchbinden und stellten in der Anfangsphase mit Hilfe von Freunden die Rollen selber her. Obwohl die wenigsten sich anfänglich vorstellen konnten, was sie da taten. Als Stolz einmal ein paar Rollen zu einem Besuch bei den Freunden mitbringen wollte, fragten die, ob sie dann extra mit dem Auto kommen werde.

Natürlich sind das nicht "nur Bücher"

Die fünf Bücherrollen, die „Round not Square“ bisher herausgebracht hat, sind unterschiedlich groß und lang und aus verschiedenen Papiersorten gefertigt. Eine feste Auflage gibt es für keinen der Titel, der Druck erfolgt nach Bestellung. Die Gestaltung der Rolle geschieht in enger Zusammenarbeit mit den Autoren und Künstlern, die das Verlegerduo gezielt anspricht. Überraschend dabei: Die Rollen sind keine reinen Bilder-, sondern durchaus auch Lesebücher.

So wie das Kinderbuch „Wilma und Wolf“ von Luisa Stenzel, bei dem man die Illustrationen parallel zur Lektüre betrachten kann. Ausgerollt ist es zehn Meter lang und 20 Zentimeter hoch, es lässt sich leicht rollen und liegt griffig in der Hand. Der große Bildband „Catching the Eye“ von Larry Yust, der ausnahmsweise 800 Euro pro Rolle kostet, ist wegen einer Holzspule im Inneren besonders schwer. Die Buchrolle ist 32 Meter lang, 30 Zentimeter hoch und besonders edel aufgemacht. Beim Ausrollen breiten sich hochwertige Fotoabzüge vor einem aus.

Klar, dass die Rollen nicht einfach „nur Bücher“ sind, sondern eine Mischung aus Kunst und Buch. Objekte, die man im Bücherschrank übereinanderstapeln oder, aufgerollt an der Lieblingsstelle, als Kunstwerke ins Regal stellen kann. Autoren und Buchkünstler können passend zum Format mit der Erzählung und der Illustration spielen, der Leser kann seinerseits Buch und Geschichte aktiver handhaben. Er fasst die Buchrolle anders an und liest damit bewusster. Auch als Katalogformat für Ausstellungen bieten sich die Rollen an.

Antonia Stolz und Ioan Brumer glauben an die Alltagstauglichkeit ihrer Idee. Ihnen schwebt ein spezielles Regalbrett für Buchrollen in jeder Bibliothek vor. Sie sehen sie in der U-Bahn, im Bus, überall da, wo man Zeit fürs Lesen und Entdecken findet. Demnächst stehen zwei neue Rollen an: ein Comic und ein Sonderdruck zum Reformationsjubiläum.

Infos: round-not-square.com

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