Buchstabenmuseum : Eine Stadt sucht ein "M"

Ruhesitz für ausrangierte Typen: Das Buchstabenmuseum rettet alte Schriftzüge. Dass die Buchstaben gar keinen touristisch belebten Ort nötig haben, zeigt sich Woche für Woche im Schaudepot.

Anna Pataczek

Es klingt nach einem Krimi, ist aber eher eine Liebesgeschichte. Denn Barbara Dechant liebt Buchstaben. In der Nähe ihrer Wohnung am Frankfurter Tor hing bis vor nicht allzu langer Zeit über einem Geschäft ein geschwungener Schriftzug: „Zierfische“. Die DDR-Leuchtreklame stammte aus den siebziger Jahren, der Laden musste aufgeben. Dechant schlug zu. 2500 Euro sollte die blaue Schrift kosten. Eine Spendenaktion wurde ins Leben gerufen: Rettet die Zierfische! Das Geld hat die Designerin noch nicht zusammen, da sieht sie eines Morgens, wie sich zwei Gestalten an dem gelben Fisch zu schaffen machen, der dem Schriftzug voranschwimmt. Beherzt stellt Dechant die beiden Diebe zur Rede – und wacht, als die zwei verschwunden sind, über die Neonröhren. So lange, bis sie tatsächlich offiziell von der Fassade abmontiert werden. Inzwischen lagern die Einzelteile in ihrer Wohnung und warten darauf, wieder aufgehängt zu werden.

Wie die anderen, das stilisierte „M“ von der Markthalle am Alexanderplatz, das wuchtige „G“ aus dem „Bewag“-Schriftzug, der mal an der Hauptzentrale an der Puschkinallee hing, der „Hertie“-Schriftzug, den wütende Ex-Mitarbeiter der Kaufhauskette in der Spree versenkten, oder das Wörtchen „Funk“, ein Überbleibsel aus „Deutscher Demokratischer Rundfunk“, das auf dem Dach an der Nalepastraße prangte. Sie alle haben einen neuen Platz gefunden im Schaudepot, zwei Räumen, die Barbara Dechant zusammen mit Anja Schulze in der Leipziger Straße in Mitte betreibt.

Hier lagert ihre ständig wachsende Sammlung, die einmal ein richtiges Museum werden soll – das Buchstabenmuseum. Noch stapeln sich die „A“s und „Z“s dort, manche in mehreren Schichten über- und hintereinander. Nur die Zierfische hatten leider keinen Platz mehr. Doch für sie scheint ein temporärer Ausstellungsort gefunden. Freunde von Dechant wollen sie in den Wintermonaten in der Eisdiele „Kalter Krieg“ am Checkpoint Charlie aufhängen.

Dass die Buchstaben gar keinen touristisch belebten Ort nötig haben, zeigt sich Woche für Woche im Schaudepot. Inder kommen, Japaner, Finnen, Russen, Amerikaner, Deutsche. Viele Designer und Typografen sind darunter, Technikfreaks, aber auch Berliner, die persönliche Erinnerungen mit den Reklamen verbinden. „Die Zierfische zum Beispiel waren ein beliebter Treffpunkt an der Karl-Marx-Allee, wenn man sich verabredet hat“, erzählt Dechant. Vor gut einem Jahr haben die beiden Frauen das Lager eröffnet. Dass sie von so vielen Interessenten aus der ganzen Welt bestürmt würden, hätten sie nicht gedacht. „Wir waren sozusagen gezwungen aufzumachen,“ sagt Dechant.

Der Verein, den die gebürtige Wienerin und Schulze gegründet haben, hat inzwischen fünfzig Mitglieder. Als sie zur Spendenaktion aufriefen, schickte ihnen jemand einen kleinen selbst gebastelten Geldbeutel, darauf ein Foto der leuchtenden Fische. Diese Welle der Sympathie, die ist schon ein Phänomen, und Dechant staunt. Vielleicht liegt es daran, dass Seltsames mit diesen Schriftzügen geschieht, kaum haben sie im Depot ein zweites Zuhause gefunden. Der riesige Buchstabensalat fängt an zu sprechen, jedes einzelne Exponat hat seine eigene Geschichte zu erzählen – obwohl keines von ihnen mehr etwas zu bewerben hat. Kein: Zierfische? Hier geht’s rein.

Das sei überhaupt eine interessante Entwicklung, sagt Barbara Dechant. Dass früher Schilder eher das beschrieben haben, was man in dem Laden kaufen konnte, und nicht für eine Marke standen. So wie das neueste Stück: „Innendekoration“, ein Geschenk, mit dem Original-Kaufbeleg von 1947. Immer wieder bekommen die Buchstabensammlerinnen Hinweise. Etwa 250 Anfragen laufen zurzeit parallel, schätzt Dechant. Große Räume müssen her, dringend. Doch bisher fehlen Zeit und Geld.

Beide Frauen arbeiten in ihren Berufen, das Museum muss nebenher laufen. Es gibt nur ein Kriterium, das alle Stücke erfüllen müssen, um aufgenommen zu werden. „Sie müssen typografisch richtig sein“, sagt Barbara Dechant. Das heißt, die Schriftzüge dürfen nicht gezerrt oder gestaucht sein, die Abstände zwischen den einzelnen Buchstaben müssen stimmen. Nur einmal habe man eine Ausnahme gemacht: Beim Café Adler sitzt der „accent aigu“ des „E“ nicht auf dem Buchstaben, sondern dahinter – was falsch ist und worauf Menschen wie Dechant allergisch reagieren. Aber in diesem Fall überwog die historische Bedeutung des legendären Cafés am Checkpoint Charlie.

Wenn Barbara Dechant über Buchstaben redet, dann bekommen sie eine Seele. Was bemerkenswert ist, denn sie will in ihrem Museum nämlich vor allem eines: dokumentieren und bewahren. Sie will Buchstaben ohne Inhalt präsentieren, als reine Zeichen, unabhängig von Kultur, Sprache und Schriftsystem. Liebevoll spricht sie über Rundungen des „O“, über die „arty“-Ausstrahlung des Schrifttyps „Corporate“ oder die zeitlose Eleganz der „Helvetica“. Die Schriften sind dick oder dünn, groß oder klein, jedem Buchstaben sieht man sein Alter an, die Spuren, die Regen und Wind hinterlassen haben, die Zeit, in der sie entstanden sind, ob im Westen oder im Osten.

„Man kann sie schon mit Lebewesen vergleichen“, findet die Grafikerin. Die Besucher fragen oft ganz ehrfürchtig, ob sie die Buchstaben fotografieren dürfen, erzählt Alexandra Cooper aus Los Angeles, die zusammen mit einer anderen englischsprachigen Kollegin ehrenamtlich Schichten für die ausländischen Touristen übernimmt. „Natürlich dürfen sie das, die Reklamen hingen ja auch jahrzehntelang in der Öffentlichkeit herum.“

Das Schaudepot befindet sich in der Leipziger Straße 49. Es ist jeden Mittwoch sowie an jedem zweiten Samstag im Monat jeweils von 13 bis 15 Uhr geöffnet. Nächste Termine: Mi, 3., Mi, 10. Sa., 12.12., Eintritt frei. www.buchstabenmuseum.de

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