Buchvorstellung : Schlingensief ohne Schlingensief

Eine Buchpremiere ohne den Autor: Christoph Schlingensiefs "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!"

Rüdiger Schaper
Christoph Schlingensief
Christoph Schlingensief: Christoph Schlingensief -Foto: dpa

Er berührt alle: Bayreuth, wo ihn der Wagner’sche Malstrom weggerissen hat. Die „BZ“, wo er jetzt auf der Titelseite war. Reinhold Beckmann, in dessen Sendung er am Dienstagabend sagte, dass er seine Lebensgefährtin und Mitarbeiterin Aino Laberenz heiraten wird.

Die Talkshow war am Dienstag aufgezeichnet worden. Am Mittwochmorgen wollte er in Berlin, im Volksbühnen-Prater, sein Buch vorstellen. Aber er konnte nicht kommen. Sichtlich geschockt erklärte sein Verleger Helge Malchow, Christoph Schlingensief habe in der Nacht einen Fieberschub erlitten. Aber wie präsent der Abwesende doch ist!

Das Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“ hat einen schwarzen Einband, mit einem leise, weise lächelnden Schlingensief-Portrait. 250 Seiten, aufgezeichnet zwischen dem 15. Januar und dem 23. Dezember 2008. Das Vorwort hat Schlingensief vor vier Wochen geschrieben, nach der Premiere an der Wiener Burg: „Mea Culpa“ heißt sein jüngstes Stück, eine Ready-Made-Oper mit burleskem, befreiendem Charakter, die den Tod umkreist, wie alle Opern.

„Dieses Buch“, schreibt Schlingensief, „ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens (...) Denn es geht hier nicht um ein besonderes Schicksal, sondern um eines unter Millionen.“

Nach der Lungenkrebsdiagnose begann er, seine Gedanken einem Diktiergerät anzuvertrauen. Dieses Sprechen mit sich selbst, mit seiner Kunst und mit den Menschen in seiner Umgebung hat sich im Druck erhalten. Es ist ein ungemein lebendiges Buch, lektoriert von Stephanie Kratz. Weil Schlingensief in jedem Moment darum kämpft, nicht im Strudel von medizinischen Apparaten und Prozeduren, Medikamenten und vagen Prognosen zu versinken. Sätze von erschütternder Heiterkeit, lapidare Worte: „Na ja, dann atme ich jetzt noch mal mit beiden Lungenflügeln und lass mir da morgen den Dreck rausnehmen. Bis dann.“

Er denkt an seinen Vater, der ein Jahr zuvor gestorben ist. Er ringt mit Joseph Beuys und dessen Kunstbegriffen. Er denkt an Jesus („Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich glaube nicht, dass Jesus diesen Satz gesagt hat“). Er versucht, eine Ordnung und einen Sinn in das eigene Schlingensief-Universum zu bringen, in seine Kunst, die weitergeht, die sich weitet ins Metaphysische. Vom Krankenhausbett plant und begleitet er die Uraufführung der „Heiligen Johanna“, die im April 2008 an der Deutschen Oper Berlin triumphal aufgenommen wird. Er träumt von seinem Opernhaus in Afrika, nach dem Trauma von Bayreuth. Im September bricht er sein Schweigen. Er inszeniert in Duisburg für die Ruhr-Triennale „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, sein eigenes Requiem. In wenigen Tagen, am 1. Mai, wird dieses große, synkretische Werk das Berliner Theatertreffen eröffnen. Eine einzige Öffnung ist jetzt das Leben des 48-Jährigen, er bestimmt den Takt selbst. Das hat er erreicht.

Ein Jahr der erzwungenen Langsamkeit, ein Jahr im Zeitraffer – angefüllt mit ungeheuren Kreativitätsschüben. „So, jetzt schlafe ich mal. Nicht ohne an den tollen Spruch zu denken, den mir heute eine liebe Freundin geschickt hat. Meister Eckhardt sagt da: Wenn du deinen Frieden gemacht hast, sind die Dämonen, die dich umgeben, in Wirklichkeit Engel.“ Die Wandlung, die Schlingensief durchgemacht hat, ist damit hell und klar beschrieben. Das Auf und Ab des Krebspatienten, der nur noch einen Lungenflügel hat, verdichtet eine Künstlerexistenz, spiegelt sie wider. „Das Schlimmste ist, glaube ich, dass alles Fiktive, alles für die Zukunft Erträumte ausgeträumt ist. Im Moment ist alles endlos real und damit komme ich nicht klar.“

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung. Kiepenheuer & Witsch. 255 Seiten, 18,95 Euro.

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