Buchvorstellung : Wenig heroisch - der Gefreite Hitler im Ersten Weltkrieg

Kein Kampf: Thomas Weber untersucht Adolf Hitlers Kriegserfahrung im Ersten Weltkrieg - und erläutert unter Anderem, wie Hitler seinen Orden einem Juden zu verdanken hatte.

Ernst Piper
Ein einziger Fronteinsatz. Hitler (rechts) als Soldat des Reserve-Infanterieregiments Nr. 16.
Ein einziger Fronteinsatz. Hitler (rechts) als Soldat des Reserve-Infanterieregiments Nr. 16.Foto: akg-images

Am 1. August 1914 erließ der bayerische König den Befehl zur Mobilmachung. 500 000 mehr oder weniger gut ausgebildete Soldaten machten sich auf in den Krieg. Die Bayern wurden zunächst an der Westfront eingesetzt, vor allem in Elsass-Lothringen. Nachdem der grandiose Schlieffen-Plan, durch einen raschen Vorstoß Paris einzunehmen, kläglich gescheitert war, wurde der größte Teil der bayerischen Truppen nach Flandern verlegt. Das neu gebildete Reserve-Infanterieregiment Nr. 16 kämpfte vor Ypern, wo der Kommandeur Julius List am 31. Oktober 1914 fiel. Ihm zu Ehren trug der Verband fortan den Namen „List-Regiment“. Wenn man dieses Regiment heute noch kennt, dann aber nicht wegen seines ersten Kommandeurs, sondern wegen eines einfachen Soldaten: Der österreichische Kriegsfreiwillige Adolf Hitler war einer der Meldegänger dieses List-Regiments.

Seine Kriegserfahrung als Infanterist spielte in Hitlers Selbstdarstellung in der „Kampfzeit“ der Weimarer Republik eine entscheidende Rolle. Vier Jahre lang habe er in den mörderischen Schlachten des Stellungskriegs an der deutsch-französischen Front Kopf und Kragen riskiert, um das deutsche Vaterland zu verteidigen, während jüdische Drückeberger sich bequeme Posten in der Etappe verschafften. So der Mythos, den zu verbreiten nationalsozialistische Propagandisten nicht müde wurden. Und auch in den zahllosen Hitler-Biografien ist dieses Bild kaum ernsthaft infrage gestellt worden. Diese für die historiografische Interpretation der Figur Hitler bedeutsame Episode ist ein gutes Beispiel dafür, wie stark unsere Wahrnehmung jener Zeit noch immer von der nationalsozialistischen Selbstdarstellung geprägt ist.

Doch nun wissen wir es besser. Der junge Historiker Thomas Weber, ein Schüler von Niall Ferguson, hat sich die Mühe gemacht, den Dingen auf den Grund zu gehen, und hat in jahrelanger Arbeit die Akten des Regiments, Soldaten-Tagebücher, Feldpostbriefe, Berichte von Feldgeistlichen, Zeitungsartikel, Gerichtsakten und vieles andere durchforscht. Mit großer Akribie zeigt Weber, dass Hitlers Schilderung der damaligen Ereignisse konstruiert ist und in vielen Punkten nicht der Realität entspricht.

Ende Oktober 1914 erlebte Hitler seine Feuertaufe bei der Eroberung des flandrischen Dorfes Gheluvelt. In einem Feldpostbrief schrieb er nach Hause: „Wir kommen blitzschnell über die Felder vor, und nach stellenweise blutigem Zweikampf werfen wir die Burschen aus einem Graben nach dem anderen heraus. Viele heben die Hände hoch. Was sich nicht ergibt, wird niedergemacht. Graben um Graben räumen wir so.“ Weber bemerkt dazu lakonisch: „Die Wirklichkeit war weniger heroisch. Die Bayern profitierten von der Tatsache, dass ihre Gegner nach wochenlangen Kämpfen kaum noch Munition hatten und erschöpft waren. Im Nahkampf waren die Männer des List-Regiments den müden, aber kampferprobten britischen Berufssoldaten trotzdem nicht gewachsen.“ Hitler behauptet auch, aus dem Trupp, in dem er gekämpft hatte, als Einziger überlebt zu haben. Doch auch diese Selbstheroisierung entbehrt jeder realen Grundlage, denn die Verluste hatten sich damals in Grenzen gehalten. Und Hitler hat keineswegs durch sein großes Kampfgeschick überlebt. Er war nur flüchtig ausgebildet und körperlich von so schwächlicher Verfassung, dass er in Österreich als untauglich für den Militärdienst eingestuft worden war. Weber geht deshalb davon aus, „dass Hitler während seiner ,Feuertaufe’ einfach zu überleben versuchte und sich im richtigen Augenblick wegzuducken verstand, anstatt sich mit einem kampferprobten Highlander auf einen Kampf Mann gegen Mann einzulassen“.

Der Kampf um Gheluvelt war Hitlers erster Fronteinsatz und zugleich auch sein einziger. Schon kurz darauf wurde er zum Stab des Regiments versetzt und war dort den ganzen Krieg hindurch als Meldegänger tätig. Meldegänger wurden einige Kilometer hinter der Front eingesetzt und hatten die Aufgabe, Befehle des Regimentsstabes den Bataillonsstäben zu überbringen. Auch ein Meldegänger konnte unter feindlichen Beschuss geraten, war aber viel geringeren Gefahren ausgesetzt als die Kameraden, die in den Schützengräben unmittelbar an der Front lagen und immer wieder zu Sturmangriffen ausrücken mussten, bei denen im Lauf des Krieges mehr als zwei Millionen deutsche Soldaten umkamen.

Im August 1918 wurde Adolf Hitler das Eiserne Kreuz I. Klasse verliehen. Das galt mehr als alles andere als Beweis dafür, dass er sich im Ersten Weltkrieg durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet habe. Und tatsächlich wurde die erste Klasse des Eisernen Kreuzes nur äußerst selten an einfache Soldaten verliehen. Und doch ist diese Auszeichnung für Hitler gerade kein Ausweis besonderer Tapferkeit, auch wenn er in „Mein Kampf“ schreibt, er habe täglich dem Tod ins Auge geschaut. Tatsächlich gingen die wenigen Eisernen Kreuze I. Klasse, die gemeine Soldaten erhielten, in der Regel nicht an Frontsoldaten, sondern an Mitglieder der Regimentsstäbe, die durch den engen Kontakt zu den Vorgesetzten im Hauptquartier alle Chancen hatten, sich dort beliebt zu machen.

Eine weitere Geschichtsklitterung ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Hitler erhielt den hohen Orden ausgerechnet auf Initiative des Regimentsadjutanten Hugo Gutmann, der ranghöchste jüdische Offizier in seinem Regiment. Adolf Hitler verschwieg in „Mein Kampf“ die Rolle, die Gutmann bei seiner Auszeichnung gespielt hatte, und behauptete stattdessen, der jüdische Offizier sei im ganzen Regiment verhasst gewesen – was in keiner Weise der Wahrheit entsprach, wie Weber sehr überzeugend zeigen kann. Im „Dritten Reich“ mussten die Schulkinder lernen, Hitler habe ganz alleine, nur mit einer Pistole bewaffnet, zwölf französische Soldaten gefangen genommen. Diese Geschichte wurde bisher für nationalsozialistische Propaganda gehalten, hat sich aber tatsächlich ereignet. Nur war der Held der Geschichte nicht Adolf Hitler, sondern Gutmann. Gutmann, der das Eiserne Kreuz I. Klasse längst besaß, wurde nach dieser Aktion von seinen Vorgesetzten für seine „außergewöhnliche Tatkraft und Umsicht“ belobigt.

Schritt für Schritt dekonstruiert Weber den Legendenwald, den die NS-Propaganda um Hitlers Kriegseinsatz hat wuchern lassen. Einen besonderen Stellenwert in dessen Selbstdarstellung hatte der Gasangriff, in den er kurz vor Kriegsende geraten war. Nach dem kläglich gescheiterten Putschversuch vom November 1923 erklärte Hitler dem Gericht, drei seiner Kameraden seien damals nach dem Gasangriff sofort gestorben, andere für immer erblindet. Das war frei erfunden. Die Gruppe war mit Senfgas in Berührung gekommen, ein chemischer Kampfstoff, der das Sehvermögen erst nach Stunden beeinträchtigt. Hitler selbst hatte nur eine geringe Dosis abbekommen. Während Millionen von Soldaten noch immer an den Fronten verbluteten, fuhr Hitler mit dem Sanitätszug in das Reservelazarett Pasewalk in Pommern. Dort kam er nicht in die Augenabteilung, sondern in die Psychiatrie. Seine vorübergehende Blindheit war nicht körperlich, sondern somatisch bedingt. Behandelt wurde er nicht aufgrund des Senfgasangriffs, sondern wegen „Kriegshysterie“.

Thomas Weber erforscht im ersten Teil seines bemerkenswerten Buches mit großer Sorgfalt die vier Kriegsjahre des Gefreiten Adolf Hitler und zeigt dann im zweiten Teil, der die Zeit von 1918 bis 1945 behandelt, wie die Nationalsozialisten mit großer Energie eine Propagandalegende schufen, die mit der Realität nur noch wenig zu tun hatte. Nebenbei liefert er interessante Erkenntnisse auch zu anderen Fragen, die in der Weltkriegsforschung seit langem diskutiert werden, zum Beispiel den deutschen Gräueltaten beim Einmarsch in Belgien oder den spontanen Waffenpausen Weihnachten 1914.

Andere Fragen bleiben offen, etwa die, wie stark Hitlers Weltbild nicht im Krieg, sondern schon in der Wiener Vorkriegszeit antisemitisch imprägniert worden ist. Und bei der Betonung der Reformwilligkeit des bayerischen Königshauses ist Weber, der heute in Aberdeen lehrt, vielleicht ein wenig vom monarchistischen Positivismus mancher britischer Historiker beeinflusst. Aber das sind nur Randbemerkungen zu dieser bedeutenden und wegweisenden Studie. „Hitlers erster Krieg“ gehört von nun an zur unverzichtbaren Lektüre für jeden, der sich ernsthaft mit der Person und dem Leben von Adolf Hitler auseinandersetzen will.




– Thomas Weber:

Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler

im Weltkrieg –

Mythos und Wahrheit. Propyläen Verlag, Berlin 2011. 585 Seiten, 24,99 Euro.


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