Kultur : Budderhörnla und trocken Brot

Von Denis Scheck,

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch.

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
 Service Online bestellen: "Die Heimkehr"
10) Bernhard Schlink: Die Heimkehr (Diogenes Verlag, 384 Seiten, 19,90 €)

Bernhard Schlink adressiert in seiner Geschichte einer Vatersuche für das deutsche Selbstverständnis zentrale moralische Fragen über die Relativität von Wahrheit, Schuld und Sühne. An einer Stelle ist von der „spielerischen Leichtigkeit“ die Rede, mit der ein inzwischen als Rechtsprofessor in den USA lebender Nazi „mit der Wirklichkeit und ihrer Darstellung, mit den Rollen von Autor, Leser, Täter, Opfer und Zeitgenosse, mit der Verantwortung“ jongliert. Leider jongliert Schlink in seinem überkonstruierten Buch nie. Er predigt.

 Service Online bestellen: "Glennkill"
9) Leonie Swann: Glenkill (Goldmann Verlag, 371 Seiten, 17, 90 €)

Eines Morgens entdecken irische Schafe auf der Weide die Leiche ihres Schäfers. Mindestens so vergnüglich wie die Suche der Schafe nach dem Mörder gestaltet Leonie Swann die philosophischen Bemühungen der Schafe, sich die Welt zu erklären. Nicht immer, und genau das bewahrt diesen Roman vor Kitsch, fallen diese Erklärungen wirklich tröstlich aus – etwa wenn ein Schaf darüber spekuliert, ob „Gott den Metzger hasste.“

 Service Online bestellen: "Hectors Reise"
8) François Lelord: Hectors Reise (Aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch, Piper Verlag, 187 Seiten, 16, 90 €)

Ein französischer Psychiater namens Hector unternimmt eine Weltreise auf der Suche nach dem Glück. Nach Abstechern bei chinesischen Huren und tibetanischen Mönchen wird er in der Mitte des Buchs von afrikanischen Gangstern entführt. Der Bandenchef überlegt, ihn umzubringen. Als Hector ihm seine bis dahin gesammelten Weisheiten zum Thema Glück zeigt, läßt er sich umstimmen und erklärt: „O.k., lasst ihn laufen.“ Der Leser würde anders entscheiden.

 Service Online bestellen: "Resturlaub"
7) Tommy Jaud: Resturlaub (S. Fischer, 253 Seiten, 12, 90 €)

Ein Mann Mitte 30 versucht, aus dem Desaster einer Reihenhausexistenz in Bamberg mit einer Freundin, die ihn „Mausbär“ nennt, nach Argentinien auszubrechen, nur um wie in jeder Hollywoodschnulze am Ende reumütig zum Lebensmodell Kleinfamilie zurückzukehren. Auch wenn Jaud durchaus amüsant fränkische Dialekt-Einsprengsel („Budderhörnla“) in seinen Roman einbindet, beweist diese männliche Antwort auf Zillionen Frauenbücher nur, dass Männer genauso dümmlich schreiben können.

 Service Online bestellen: "Sakrileg"
6) Dan Brown: Sakrileg (Deutsch von Piet van Poll, Lübbe Verlag, 605 S., 19, 90 €)

Ein kruder Thriller, der die Idee einer bis heute andauernden Jesus-Dynastie mit Motiven aus 2000 Jahren christlich-abendländischer Kultur als Medley serviert. Absurd, aber nicht langweilig.

 Service Online bestellen: "Das Vermächtnis der Wanderhure"
5) Iny Lorentz: Das Vermächtnis der Wanderhure (Knaur Verlag, 608 S., 16, 90 €)

Vertauschte Kinder, entführte Edelfräulein, wechselndes Schlachtenglück, Sklaverei und die Geschichte einer mühseligen Heimkehr – die Mittelalterversion von „So weit die Füße tragen“, randvoll mit Sätzen, wie man sie mit dem Landser-Heftroman ausgestorben wähnte: „Dennoch löste sich an anderen Stellen die Formation der Deutschen auf, und ihre Schlachtreihe bröckelte wie ein hart gewordener Laib Brot, den man mit den Händen zerreibt, um ihn an die Schweine zu verfüttern.“

 Service Online bestellen: "Diabolus"
4) Dan Brown: Diabolus (Aus dem Amerikanischen von Peter A. Schmidt, Lübbe Verlag, 524 Seiten, 19, 90 €)

Das Debüt von Dan Brown ist mittlerweile acht Jahre alt und krankt daran, dass die unter Programmierern spielende Handlung deshalb extrem angestaubt wirkt. Vollends den Rest gibt diesem Roman, dass Brown seine hochintelligenten Kryptographie-Experten mit psychologischen Motivationen ausstattet, die allesamt dem Strickmuster 2 + 2 = 5 unterliegen.

 Service Online bestellen: "Das Wunder eines Augenblicks"
3) Nicholas Sparks: Das Wunder eines Augenblicks (Deutsch von Adelheid Zöfel, Heyne Verlag, 399 Seiten, 19,95 €)

Nicholas Sparks, der schlimmste Kitschier der amerikanischen Gegenwartsliteratur, killt in dieser Fortsetzung von „Die Nähe des Himmels“ die Ehefrau seines schmuseweichen Journalisten Jeremy und lässt diesen als allein erziehenden Vater das Experiment anstellen, ob man den Schlussdialog aus „Die Waltons“ noch etwas entintellektualiseren kann. Das liest sich dann so: „Ich liebe dich“, sagte Jeremy leise. „Ich dich auch, Daddy.“

 Service Online bestellen: "Die Vermessung der Welt"
2) Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (Rowohlt Verlag, 304 Seiten, 19, 90 €)

Welche Geistfunken sprühen und Gedankenblitze aufzucken, wenn zwei Weltbilder zusammenstoßen, erzählt Daniel Kehlmann in diesem intelligent konstruierten Roman über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Kehlmanns biografische Schlaglichter aus der deutschen Aufklärung überzeugen durch überraschenden Witz.

 Service Online bestellen: "Blutige Steine"
1) Donna Leon: Blutige Steine (Diogenes Verlag, 336 Seiten, 19, 90 €)

Brunettis 14. Fall handelt an der Oberfläche von Ausländerfeindlichkeit und vom Mord an einem schwarzafrikanischen Straßenhändler in Venedig. Tiefgang erhält dieser atmosphärereiche Krimi zum einen durch das hellwache politische Bewusstsein der ausgefuchsten Erzählerin Leon, zum anderen durch die Spiegelungen des Verbrechens in der Familie des wohltuend behäbigen Commissario: ein überdurchschnittlicher Serienkrimi.

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