Kultur : Buddha in Not: Der Wahn der Gotteskrieger

Clemens Wergin

Als die islamische Streitmacht 664 n. Chr. Kabul erreichte, hatten die Gotteskämpfer auf dem Weg den buddhistischen Statuen in Bamian schon Teile des Gesichts zerstört. Gestern nun haben die Taliban, die islamischen Gotteskämpfer unserer Zeit, damit begonnen, das Zerstörungswerk ihrer Vorfahren zu vollenden. Zwischen dem 2. und dem 6. Jahrhundert wurden die 38 und 53 Meter hohen stehenden Buddhas aus dem Felsen gemeißelt. Und trotz des seit Jahrhunderten blinden Blicks scheinen sie dennoch mit großer Gelassenheit über das Hochtal von Bamian zu blicken. Dieselbe Gelassenheit, mit der sie jetzt die ersten Granatbeschüsse quittieren und Lastwagen-Ladungen mit Dynamit erwarten. Eine Tragödie. Und ein unschätzbarer Verlust nicht nur für die buddhistische Kultur, sondern für die ganze Welt. Dabei erweist sich an diesen größten Buddha-Statuen der Welt nur exemplarisch die Zerstörungswut, mit der die Taliban begonnen haben, alle nicht-islamischen Kulturgegenstände in Afghanistan zu zerstören.

Kultureller Endsieg im zerstörten Land

Die Unesco schickte gestern hastig einen Sonderbotschafter nach Kabul, das Metropolitan Museum of Art in New York bot an, die Statuen samt anderer bedrohter Kulturgüter zu kaufen. Doch wer glaubt schon, dass mit Geld und guten Worten eine kulturell-religiöse Säuberung gestoppt werden kann, bei der es ums Ganze geht. Um ewige Wahrheiten. Um Gott. Denn der Koran verbiete die Darstellung alles Lebendigen, sagt Afghanistans Herrscher, der Mullah Mohammed Omar. Und deswegen müssten diese Götzen eines fremden Kultes zerstört werden. Nichts soll übrig bleiben von dem, was die grandiose Berglandschaft an dieser Stelle über so viele Epochen geprägt hat.

Die Jahrhunderte schnurren zusammen. Und das Beiwort "mittelalterlich", mit dem man die afghanischen Fundamentalisten gerne bedachte, bekommt plötzlich einen anderen Klang: Ein Kreis schließt sich, der mit der Islamisierung Afghanistans begann und nun in einem verheerenden Autodafé endet. Hat Huntington mit seiner These vom "Kampf der Kulturen" doch Recht behalten? Ist das der kulturelle Endsieg der Taliban über ein am Boden zerstörtes Land?

Hintergrund:
Stichwort: Die Buddha-Statuen von Bamiyan Die Taliban begannen ihren Siegeszug 1994 mit Hilfe Pakistans

Vielleicht glauben die Taliban, sie erfüllten mit 13 Jahrhunderten Verspätung den Willen der omaijadischen Kalife, die ihren Machtbereich bis zum Hindukusch erweiterten. Und vergessen dabei, dass sich die große Ausdehnung des damaligen islamischen Weltreiches vor allem dem Umstand verdankte, dass sich die zahlenmäßig weit unterlegenen muslimischen Verbände mit der ansässigen Bevölkerung arrangierten. Es war die Toleranz der arabischen Stämme, die die byzantinische Herrschaft in Nahost zum Einsturz brachte. Versprachen sich doch andersgläubige Christen und Juden vom Islam größere Freiheit in der Religionsausübung. Denn mit einer Schutzsteuer, der dhimma, erkauften sich die Anhänger der Buch-Religionen den Schutz der islamischen Herrscher. Und lebten so bis zur Neuzeit weitaus besser als etwa die jüdische Minderheit in Europa.

Als sich im 7. und 8. Jahrhundert der islamische Machtbereich bis nach Persien, Afghanistan und Indien ausweitete, wurden auch die Zorastrier, Buddhisten und Hindus zu den Buch-Religionen gezählt und unter Schutz gestellt. Und waren somit weitgehend sicher vor der Zerstörung ihrer Kultstätten. Dass die rauen Frontsoldaten der muslimischen Eroberung im 7. Jahrhundert die Gesichter der Buddhas zerstörten, musste damals als Versehen gelten. Ihre vollkommene Zerstörung durch die Taliban ist nach traditionellen muslimischen Kritereien ein Verbrechen. Denn auch wenn der Islam Bilder traditionell in die Nähe der Götzenverehrung rückte, so war dies doch eine Abwehr, die nur für Muslime galt. Geschützte Minderheiten hingegen konnten auch weiter Götter und Heilige in Bildform verehren.

Auf seinen ausgedehnten Reisen besuchte der chinesische Mönch Xuanzang um 632 Bamian. Er sah die Statuen noch in all ihrer Pracht: Sie waren mit Stuck und Goldplättchen bedeckt und bunt bemalt. Neben dem Gold galt das weithin leuchtende, aus Lapislazuli gewonnene Blau als große Kostbarkeit. Es war die China mit Europa verbindende Seidenstraße, die das Tal zu Reichtum brachte. Und so lebten hier 1000 Mönche in etwa einem Dutzend Klöstern. Ein Zentrum des Handels ebenso wie kontemplativer Gelehrsamkeit.

Die Region um Bamian lag in der Antike meist an der Schnittstelle der damaligen Weltreiche. Hier erreichten die Perserreiche ihre östlichste Ausdehnung. Nach der Einnahme des Achämenidenreiches durch Alexander den Großen kam auch diese Region unter den Einfluss der hellenistischen Kultur - die sich dann im Gräko-Baktrischen Reich noch weiter nach Indien hinein ausdehnte. Und so findet man in der buddhistischen Kunst des Hochtals eine Vermischung von indischen mit hellenistischen und persischen Formen: Beweis für die kulturelle Durchlässigkeit der antiken Welt. Und Ausdruck einer Vielfalt, die die provinziellen Taliban offensichtlich schwer ertragen können.

Es ist die Gleichzeitigkeit von Internet und einem von absoluten Wahrheitsansprüchen verzerrten Weltbild, die uns so verstört. Einem Weltbild, das selbst mäßigenden Einflüssen von Seiten berühmter muslimischer Gelehrter gegenüber taub bleibt. Es will uns nicht in den Kopf, dass hier ein Kunstwerk, das Generationen errichteten, das Epochen überdauerte und selbst den Krieg in Afghanistan überstand - dass solch von der Zeit verdichtete und geadelte Kultur nun der Verranntheit einer einzigen Generation geopfert wird.

Rache an einer versunkenen Kultur

Dabei kennt auch die europäische Kultur ihre Bilderstürmer. Über hundert Jahre dauerte der Bilderstreit in Byzanz, dem viele Kirchenbilder zum Opfer fielen. Und während der bilderfeindlichen Reformation wurde so mancher Kloster- und Kirchenschatz zerstört und Altäre mit Exkrementen beschmiert. Doch hier spielten auch immer Machtfragen und die Erregung einer aktuellen Auseinandersetzung eine Rolle: Der Streit in Byzanz beruhte weitgehend auf einem Machtkampf. Wollte der oströmische Kaiser doch mit dem Verbot der Bildverehrung seine religiöse Vormachtstellung gegenüber den Klöstern und gegenüber Westrom festigen. Und die Exzesse der Reformation waren Ausdruck eines hitzig geführten Kampfes um die politische wie kulturelle Macht in Europa und um seine Seele.

Mit den Taliban wird der Geschichte der Ikonoklasten ein Kapitel hinzugefügt: Ihnen geht es um die Zerstörung der buddhistischen Kultur in einem Gebiet, wo schon seit Jahrhunderten keine Buddhisten mehr leben. Weit und breit sind auch keine Andersgläubigen zu sehen, die den Taliban die Vorherrschaft streitig machen könnten. Es gibt sie dort schlicht nicht mehr. So sind die Taliban nicht eilfertige Gotteskämpfer, die in überschießendem Gehorsam die Gebote ihres Glaubens übererfüllen. Sondern sie sind bloß die Friedhofsschänder einer in Afghanistan längst ausgestorbenen Kultur, denen nichts heilig ist außer ihr eigener Wahn.

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