Kultur : Buddha in Versailles

Hans Pleschinski entdeckt das geheime Tagebuch des französischen Herzogs Emmanuel von Croÿ

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Ich trenne mich schwer von meinen Figuren und töte sie auch ungern“, bekannte Hans Pleschinski in einem Interview zu seinem jüngsten Roman „Ludwigshöhe“. Und tatsächlich: Der schillernde Kreis von Lebensmüden, der sich hier am Starnberger See versammelt, findet sich am Schluss in wilder Lebensbejahung wieder. „Die Übersetzung und das Entdecken von Büchern ist die charmantere Arbeit“, sagt der Münchner Romancier über seinen Wechsel zwischen Gegenwartsfiktion und Frankreichs glorreicher Vergangenheit: „Da das Französische mir liegt, der Stoff unendlich reich ist, hat sich das immer wieder ergeben. Es ist für mich jedes Mal wie eine arbeitsame, aber große Urlaubsreise."

Als 15-Jähriger war Pleschinski bei einem Schüleraustausch dem Glanz von Versailles erlegen, das für ihn die „Festlichkeit des Lebens“ verkörpert. Auch von den Tagebüchern des Herzogs Emmanuel von Croÿ (1718-1784) konnte und wollte er sich nicht mehr trennen, seit er 1980 in einem Pariser Antiquariat auf sie aufmerksam geworden war. Fast 20 Jahre bewahrte er Kopien aus den 41 handschriftlichen Bänden auf, wobei der schreibwütige Chronist Croÿ seine Eindrücke sogar auf Spielkarten notierte, wenn kein Papier zur Hand war. Auszüge aus diesem riesigen Konvolut flossen in die Briefwechsel der Madame Pompadour sowie zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire ein, die Pleschinski als profunder Kenner des französischen Hofes ins Deutsche übertrug.

Er stieß bei seinen Recherchen aber auch auf sensationelle Trouvaillen wie Croÿs Briefwechsel mit den Gebrüdern Montgolfier. Kurz vor seinem Tod und damit seinem eigenen „Entschweben“ in höhere Sphären hatte der bereits schwerkranke Herzog noch den ersten Aufstieg eines Heißluftballons finanziell und logistisch befördert, was dem Schluss der Aufzeichnungen etwas so Anrührendes wie Visionäres verleiht. Zugleich deutet es auf einen Epochenwechsel hin – die Französische Revolution. Er sei zuversichtlich, schreibt Croÿ am 28. Oktober 1783 an Joseph Michel de Montgolfier, mit dem Apparat „bei günstigem Wind mittels Seil und Seilwinde“ Lebensmittel zu transportieren, Baukräne zu ersetzen oder bei Löscharbeiten dienlich zu sein. „Noch viele Ergebnisse werden zu Ihrer Bewunderung beitragen“, versichert er abschließend dem Himmelspionier – wie stets zugewandt, mitfühlend und vorurteilsfrei. Für Pleschinski ist der Herzog deshalb ein „hochadeliger, netter Kerl“.

Nicht weniger als zehn Titel führte der Herzog, Feldherr und Diplomat Croÿ, darunter Fürst des Heiligen Römischen Reiches, Erbgroßjägermeister von Hennegau und Kommandant Seiner Majestät in der Picardie, dem Calaisis und dem Boulonnais. In Frankfurt erlebte Croÿ die Kaiserkrönung Karl VII. mit, damals das größte gesellschaftliche Ereignis in Europa: „Einige Tage vor der Zeremonie sah ich den Ochsen, den die Stadt dem Kaiser schenken wird. Er war mit Girlanden geschmückt, und vierzig Kinder führten ihn durch die Straßen. Morgens am 11. Suchte mich der Reichsquartiermeister auf und lud mich als Reichsfürsten ein, der Krönung beizuwohnen.“ Beim Übersetzen habe ihn besonders gefreut, sagt Hans Pleschinski, „dass lange vor Madame de Staël, die das dichterische Deutschland entdeckte, ein kühlerer Franzose Deutschland keineswegs abtut als dumm oder rückständig. Es ist einfach der andere Nachbar am Rhein.“

Der Herzog, Verfasser einer 17-bändigen Naturgeschichte, erscheint als Kind seiner Zeit, des Jahrhunderts der Enzyklopädien. Er war ein so wendiger, aufgeschlossener Geist, dass er sich zu fast jedem aktuellen Thema äußerte, und zwar im Gegensatz zu manch anderen berühmten Tagebuchschreibern wie Giacomo Casanova oder Samuel Pepys grundehrlich, wie der Herausgeber und Übersetzer im Nachwort betont. Denn Croÿs Lebensbericht sollte im Familienbesitz bleiben und eigentlich nicht veröffentlicht werden.

Dass dieses erstmals für das deutsche Publikum nun doch geschah, ist Pleschinskis philologischer Kärrnerarbeit zu verdanken. Gut anderthalb Jahre recherchierte er in Archiven in Paris und Dülmen. Das Ergebnis ist ein wunderschön ausgestattetes Buch mit zeitgenössischen Illustrationen; den Umschlag ziert ein graziler Herrenschuh mit Schmuckschnalle und recht hohem Absatz. „Unselig die Menschen, die schon durch Geburt und Rang der schönen Dinge müde sind“, kritisierte der Herzog am Vorabend der Revolution das Herrscherhaus. Das tat er sonst nur selten, schließlich war er eher konservativ und bemerkte stets erfreut, dass Ruhe in Paris herrsche. Geplagt von Gichtanfällen kämpfte er sich im Machtsystem des Ancien Régime empor, stets um Omnipräsenz bemüht. Diese interne Versailler Atmosphäre erinnert frappant an Choderlos de Laclos’ „Gefährliche Liebschaften“. Dennoch bewahrte er stets eine beneidenswerte innere Ruhe, etwa wenn er 1764 nach dem frühen Tod der lungenkranken Madame Pompadour notierte: „Inmitten dieses Wirrwarrs blieb ich dank meiner Prinzipien gottlob ruhig und suchte den Hof nicht auf.“ Das Glück, war der Tagebuchschreiber auf beinahe buddhistische Weise überzeugt, könne man nur in sich selbst finden.

Hellsichtig erkannte Croÿ die Größen seiner Zeit, sei es Rousseau, an dessen Fersen er sich neugierig heftete, sei es der kaffeesüchtige, ketzerisch diesseitige Voltaire, die „überlastete Schönheit“ Madame Pompadour, der weltreisende Brite James Cook oder Ludwig XV., dessen qualvollen Pockentod er ergreifend schildert. Aber seine ungeteilte Aufmerksamkeit, die dieses Buch so zeitlos modern macht, galt ebenso der Schönheit deutscher Landschaften, einer Transvestitin aus Pflichtbewusstsein namens d’Eon oder der „Fülle vollendeter Sinnesorgane“, die sich in einem Elefantenrüssel vereinen. „Bequeme dich dem Heißen wie dem Kalten, Dir wird die Welt, du wirst ihr nicht veralten“, dichtete Goethe im „West-östlichen Diwan“. Er könnte damit den Herzog von Croÿ gemeint haben.

„Nie war es

herrlicher zu leben.“
Das geheime Tagebuch des Herzogs

von Croÿ. Aus dem Französischen und hg. von Hans Pleschinski. C.H. Beck, München 2011. 428 S., 24,95 €.

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