Kultur : Buddhas Grüße

Rolf Aeschlimann bebildert „Parsifal“ in Leipzig

Sybill Mahlke

Morgenweckruf am Fuß der Gralsburg. Knappen, darunter verkleidete Mädchen, die als Jünglinge Sopran singen, hocken sich um „Väterchen“ Gurnemanz. Er erzählt von der Unkeuschheit des Gralskönigs Amfortas, in dessen Leib und Psyche nun eine Wunde brennt, von dem frommen Titurel und dem bösen Klingsor. Die ganze Gralsgeschichte eben. Bei dieser Exposition erinnern „Parsifal“-Inszenierungen an andere „Parsifal“-Inszenierungen. So auch die des Schweizers Roland Aeschlimann in der Oper Leipzig. Mit einhelligem Jubel wird sein Konzept aufgenommen, auch von Besuchern aus Bayreuth. Es schmerzt nicht.

Aeschlimann ist von Herkunft Ausstatter. So blickt er auf Wagners „Bühnenweihfestspiel“ als ein Designer, der sein Kunsthandwerk versteht. Bildner-Regie. Zu dekorativen Ansichten aus Stangen und Kreisen, poetisch changierender Geometrie in erlesenem Licht (Lukas Kaltenbäck), kommen erbauliche Gedanken. Personenführung gehört allerdings kaum dazu. Ausgenommen das darstellerische Solo Stefan Vinkes, wenn er als Titelheld der listigen Sinnlichkeit Kundrys (Petra Lang) widersteht. In diesem Zuhören ist Mitleid, Begehren, ein von dem Zwang zum Erlöserdasein überraschter keuscher Joseph. Dem folgt gesteigerter Gesang. Die Präsenz im Schweigen aber erinnert an Placido Domingos Parsifal.

Als Hauptrequisit hat der heilige Speer, der einst das göttliche Blut Christi am Kreuz vergossen haben soll, eigene Tradition auf dem Theater. In den Bühnenboden gerammt, muss er aufrecht stehen, um am heiligen Karfreitag angebetet zu werden. Bleibt die bühnentechnische Aufgabe, dass im Trick die von Klingsor geschleuderte heilige Waffe schwebend über Parsifals Haupt verweilt.

Hier setzt Aeschlimanns Projektionskunst ein. Bühnenfüllend rotiert das Symbol, um dem Erlöser den Weg zu weisen. Die Ästhetik der Inszenierung gehorcht dem fantastischen Bild. Zudem hält sie sich an Wagners Äußerung, „Hauptgegenstand“ sei der Amfortas. So gehört ihm (Peter Weber) und Kundry am Ende das Zentrum: den erlösten Sündern.

Ulf Schirmer, der für den edlen Klang des Gewandhausorchesters einsteht, nimmt die Pausen des Vorspiels so ernst, dass die Musik zu zerfallen droht. Im Espressivo wiederum neigen seine gebundenen Noten zwingend zum Glissando. Schirmers Interpretation baut auf herrliche Chöre, das größte gesangliche Kapital der Aufführung. Die Gralschronik unter dem Arm wie ein Buch der Bücher, meistert Alfred Reiter als junger Gurnemanz die Partie mit tadelloser Textdeutlichkeit. Übertitel wären überflüssig.

Philosophisch schließt Wagners Religion den Buddhismus ein. Das heißt bei Aeschlimann Buddhabronzen auf der Karfreitagswiese, neben christlichen Mythen, Multikulti. Über allem eine Hieroglyphenscheibe nach Art des antiken Diskos von Festos. Selten geht durch die Gralsritterschaft ein kleines kollektives Rühren. Was dieser Regie entgegenkommt, ist die Affinität des Werks zum Tableau.

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