Kultur : Buddhisten lachen besser

Das Maulhelden-Festival versammelt Wortkünstler aller Sparten im Tempodrom. Der Auftakt war vielversprechend

Ralph Geisenhanslüke

„Keine Angst ich sprenge Euch nicht in die Luft“, sagt sie, als sie auf die Bühne kommt, ein schwarzes Tuch auf dem Kopf, das Mikrofon etwas steif vor der Brust gehalten. Schweigen im Saal. „Okay, das war mein erster Witz“, sagt sie – und macht tapfer weiter. Shazia Mirza hat es nicht leicht. Die bislang „einzige muslimische Komikerin“ wurde schon vor ihrem Auftritt von den Medien umarmt. In der Arena des Tempodrom kommt ihre Show nicht so recht über die Rampe. Der Grund dafür liegt nicht in mangelnder Qualität. Die Pointen der 26-jährigen Britin pakistanischer Herkunft zeigen durchaus Schärfe und Verstand. Doch die Schwelle zum Verstehen der englischen Sprache mit Londoner Akzent ist in Berlin offenbar noch höher als die zum Verstehen islamischer Kultur.

Nichts ist lähmender für humoristische Darbietungen, als gut gemeint zu sein und nicht zu zünden. In Dänemark kommt Mirza angeblich besser an. Skandinavier sprechen normalerweise auch besser Englisch als Deutsche. Anyway: Gibt es eine bessere Antwort auf die politische Entwicklung der letzten Jahre? Conférencier Arnulf Rating schüttelte in seiner Anmoderation für Shazia Mirza gleich ein halbes Dutzend exzellenter Papst-Witze („oben Onkel, unten Tante“) aus dem Ärmel und zeigte damit: Die anderen Weltreligionen kennen kein Tabu, manche, wie die Juden, nehmen sich selbst am besten hoch. Buddhisten ertragen es sogar kommentarlos, dass ihre Mönche für Pepsi- oder Eiskrem-Reklame benutzt werden. Der Islam hat in Sachen Humor dringenden Nachholbedarf. Respekt also für eine mutige Frau, der viele folgen mögen.

Das Festival der „Maulhelden“, zweite Ausgabe: ausverkauft bis unters Dach. Wie kommt es nur, dass ausgerechnet an diesem Wochenende Gerüchte von einer bevorstehenden Pleite des Tempodrom gestreut werden, ja schon von möglichen Investoren die Rede ist. Sollte in dieser Arena demnächst für 17 Jahre „Cats“ gespielt werden? Blühender Blödsinn. Nicht nur, weil das in Kreuzberg und den Anrainerbezirken zu offenem Aufruhr führen würde, sondern auch weil Stiftung und diverse GmbHs abgesichert sind. Und wenn schon – wo wir Gefahr laufen, uns zu amüsieren – mal wieder vom Geld die Rede sein muss: Auch die „Maulhelden“ sind mittlerweile eine autarke wirtschaftliche Einheit. Und das, um ein geflügeltes Wort zu benutzen, ist gut so. Denn die Stadt, so Arnulf Rating, hat mehr Schulden als die ganze DDR bei ihrem Untergang. Und weil Herr Landowsky nicht auf seine Bezüge verzichten mag, wird sicher noch manches Schwimmbad und manche Kita geschlossen.

Die Maulhelden aber werden bleiben. Dieses Festival hat sich mit seinem schlüssigen Konzept auf Anhieb etabliert: „Maulhelden“ ist eine Leistungsschau, eine Standortbestimmung dessen, was alles geht mit den menschlichen Artikulationsorganen und ihren vorgeschalteten Entscheidungsinstanzen. Schon im letzten Jahr kamen 3000 Zuschauer pro Abend, um zu hören, was Menschen mit Worten anrichten können. Ein Beweis dafür, dass der Comedy-Overkill im Fernsehen dem Publikum eher noch Appetit macht auf wirklich gute Komödianten.

Wie lang ist es her, dass eine berufene Instanz wie Peter Scholl-Latour das Ende der Spaßgesellschaft verkündete? Inzwischen hat sich in Deutschland das konsensfähige Ablachniveau bei dem angeblichen Kabarettisten Elmar Brandt eingepegelt, dessen „Steuersong“ auch den letzten Stammtischler und Korinthenkacker bedient. Zugegeben: Politiker müssen solche Dinge aushalten und diese Form der Verarsche wirkt noch immer neu in Deutschland. Aber „Spitting Image“, die legendäre britische Comedy-Serie, an der sich auch Brandts Puppenspiel orientiert, hat die Latte höher gelegt. In Großbritannien ist man traditionell klassenbewusst – und macht nicht gemeinsame Sache mit den Konservativen.

Keine Angst vor Revolverschnauzen

In genau dieser Ecke steht Brandt zur Zeit. Die wahre Leistung, die befreiende Kraft des Humors – sie erschöpft sich nicht in jenem mehrfachverwerteten, mehrwertorientierten Genörgel, das Brandt mit seiner „Gerd Show“ produziert. Wie gelassen und souverän man unser aller Kanzler und gleich noch ein paar weitere Mediennasen parodiert zeigt der aus dem Hunsrück stammende Reiner Kröhnert. Wenn man bei ihm die Augen schließt, hört man wirklich Schröder im Interview mit Erich Böhme. Kröhnert hat genau beobachtet und nicht nur artikulatorische Eigenheiten sondern auch Denkmuster und Gesprächstrategien abgetastet. Im Vergleich zu seinem sprachlichen und gedanklichen Sensorium wirkt der „Steuersong“ wie pubertäres Nachäffen. Trotz all der Suppenkasper, die auf den Comedy-Frequenzen senden, ist auch das klassische Gesinnungskabarett nicht aus der Mode gekommen. Erwin Pelzig kommt als fränkischer Landsmann mit Hütchen, Kniebundhose und Herrenhandtasche auf die Bühne. Er fordert die Leute auf Aktien zu kaufen und für Unterhaltung bei den Aktionärsversammlungen zu sorgen. Eine nicht ganz neue Idee, aber so kauzig ausgestaltet, dass die Shareholder davon auch mental profitieren könnten.

Denn die Kunstfigur Pelzig führt mit leichter Hand philosophische Exkursionen durch, fasst globale Zusammenhänge und lokalen Schmarrn zusammen, dass es seine erhellende und zugleich erdverbundene Art hat, wie sie nur aus Bayern kommen kann. Jeder kommt ja irgendwo wech: Funny van Dannen, der Troubadour und lokale Held, der am zweiten Abend allein mit seiner Gitarre und seinen kunstvoll gedrechselten Versen die Leute verzückt, stammt aus dem Selfkant, jener Gegend am Niederrhein, die mal zu Holland gehörte. Aus Berlin, genauer gesagt aus South Central Neukölln, hat es Kurt Krömer, 29, auf die Bühne geweht, das momentan vielversprechendste Komiktalent der Stadt. Krömer ist eigentlich gebürtiger Weddinger, aber Neukölln, das Synonym für Berliner Bodenständigkeit, ist im Grunde überall. Zwei Sätze – und das Publikum steht mit Krömer im U-Bahnhof Hermannplatz. Dort wo Finanzsenator Sarrazin die Heimat der Jogginghose vermutet (Hör’ ma uff, ey!). Jedenfalls sollte er sich dort vor Krömers Revolverschnauze in Acht nehmen, der nicht nur eine vielversprechende Zukunft als Einzelhandelskaufmann ausschlug, um seiner Berufung auf die Bühne zu folgen, sondern auch um zeitlos schöne Sätze zu sagen wie „Aus Hackepeter wird Kacke später“.

Philosophen in Kniebundhosen

Es muss nicht alles politisch sein in dieser Arena. Aber es muss auch nicht unbedingt witzig sein. Der Journalist Hans-Ulrich Jörges kommt und liest einen seiner Texte. „Die Lüge ist der Normalfall“ heißt der Titel. Auch dieser Text ist Wortkunst, weil er in präziser Sprache die Parteienlandschaft durchmisst. Es wirkt nicht besonders sexy, wenn ein Autor einfach sein Mauskript verliest - seine intellektuelle Klarheit dagegen schon. Manchmal auch ohne Worte. Der Franzose Fabien Kachev etwa kennt keine Sprachbarriere. Er benutzt seine Artikulationsorgane vorwiegend, um Geräusche zu produzieren. Ganze Filme, vorwiegend Slapstick, gern an Jaques Tati erinnernd, produziert er einfach nur kraft seiner mimischen und mimetischen Fähigkeiten. Und richtig handgreiflich wird es bei „Auto Auto“: Die beiden Crashkünstler Christian von Richthofen und Stefan Gwildis sehen mit weißem Hemd und Fliege noch aus wie seriöse Sänger, als sie im Duett Bachs Toccata und Fuge anstimmen. Doch schon bald wird der tapfere Opel Kadett, 1,6 LS, den sie mitgebracht haben, zum Musikinstrument, auf dem sie Samba, Bossa, Swing, trommeln. Die Tonabnehmer im Fahrzeug übertragen Schläge und Tritte getreulich. Auch als der Werkzeugkasten auf die Motorhaube knallt, der erste Faustschlag die Windschutzscheibe trifft, die beiden schließlich einen Pas de deux mit Vorschlaghämmern tanzen, ja sogar auf einem Stück herausgetrennten Dachblechs singende Säge spielen. Eine dramatische Opelette, rituelle Schlachtung, Vandalismus nach Noten. Auf jeden Fall: der Höhepunkt des ersten Wochenendes. Da braucht es nicht mehr viele Worte

Das Maulhelden-Festival geht weiter am kommenden Wochenende: Fr und Sa ab 20 Uhr, u. a. mit Axel Hacke, Frank Lüdecke, Theatersport und Ringsgwandl.

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