Kultur : Bücher brauchen Häuser

Muntere Dinosaurier: Warum immer mehr Stararchitekten wieder Bibliotheken bauen

Jürgen Tietz

Von jeher gelten Bibliotheken als magische Orte, sind sie doch nicht nur Plätze, an denen Bücher gesammelt werden. In den Romanen von Jorge Luis Borges oder Umberto Eco birgt das in den Bibliotheken gespeicherte Wissen Gefahren und ist zugleich selbst der Gefährdung ausgesetzt. In Carlos Ruiz Zafóns Bestseller „Der Schatten des Windes“ eilen schattenhafte Gestalten durch einen Bienenstock aus Tunneln, Treppen, Plattformen und Brücken – Piranesi lässt grüßen. Und natürlich gibt es überquellende Regale mit Büchern, Büchern, Büchern.

Der Alltag der Bibliotheksnutzer hingegen sieht weniger magisch aus. Mit ausgestrecktem Zeigefinger wandern ihre Blicke an schlichten Metallregalen entlang, auf der Suche nach der richtigen Signatur. Und doch: Das Wissen der Menschheit, gepresst zwischen zwei Buchdeckel, verteilt über Millionen Bände birgt eine archaisch schöne, aber eben auch ziemlich altertümliche Vorstellung. Schließlich wurde das Buch im Zeitalter der neuen Speichermedien schon vielfach totgesagt. Books on demand, lautet die Zauberformel. Gedruckt wird auf Bestellung, wenn man sich die gewünschten Informationen nicht lieber gleich aus Datenbanken oder dem Internet holt.

Wie dem Buch wurde auch der Bibliothek ein baldiges Ende prophezeit. Doch wie das papierfreie Büro zu den Illusionen des Computerzeitalters gehört, so erleben die Bibliotheken zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen erstaunlichen Aufschwung. Galten vordem Museen als wichtigste Bauaufgabe, so sind es nun die Bibliotheken, die sich den Platz an der Spitze des architektonischen Geschehens erobert haben.

Ob Rem Koolhaas oder Zaha Hadid – fast alle bedeutenden Architekten haben sich in den letzten Jahren zumindest mit einem Entwurf dieser Bauaufgabe gewidmet. In den immer noch so genannten neuen Ländern war es der Nachholbedarf im Hochschulbau, der bemerkenswerte Universitätsbibliotheken mit sich brachte, ob in Halle, Magdeburg oder unlängst in Rostock. Und Berlin mischt eifrig mit in diesem Bibliothekswettstreit, der zugleich ein Wettstreit der Wissensgesellschaft und der Universitäten um die klugen Köpfe der Zukunft ist. Dabei halten sich architektonischer Erfolg und Misserfolg in der Hauptstadt die Waage. Dafür sorgen das gelungene Ernst-Schrödinger-Zentrum der Humboldt-Universität auf dem Wissenschaftscampus Adlershof, die – aus Gründen der Kosteneinsparung im Inneren wie eine Lagerhalle anmutende – gemeinsame Bibliothek von Technischer Universität und Universität der Künste an der Fasananstraße und nun das jüngst eröffnete FU-Highlight, die Bibliothek des vielfach preisgekrönten Briten Norman Foster inmitten der teilentkernten Rostlaube.

Doch nicht nur in Deutschland sorgt die Bauaufgabe in den letzten Jahren für Aufsehen, seitdem Dominique Perrault mit seiner legendären Pariser Nationalbibliothek Anfang der neunziger Jahre den Startschuss gab: ob Fosters gleichfalls bedeutende Bibliothek für die juristische Fakultät in Cambridge oder Wiel Arets’ jüngst fertig gestellte Universitätsbibliothek im niederländischen Utrecht. Beide Bauten sind weit mehr als bloße Bücherspeicher. Sie entfalten ihre Qualität durch die Wirkung des Raumes, eröffnen Blickachsen und begleiten so die Vernetzung des Wissens im Kopf der Nutzer durch eine optische Dimension.

Was Hans Scharoun vor einem Vierteljahrhundert mit der neuen Berliner Staatsbibliothek ins Leben gerufen hat, den offenen Raum des Wissens, der für eine unbegrenzte – und öffentliche – Wissensvermittlung stand, findet hier seine architektonische Fortsetzung. So wundert es nicht, dass die neuen Bibliotheken mit ihren farbigen Sesseln und den kleinen Tischchen in manchen Bereichen fast schon ein entspanntes Club-Ambiente besitzen. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die zur Kommunikation einlädt, damit dem Wissenserwerb der Wissensaustausch folgen kann. Dass sich übrigens die Cafeteria des liebevoll „Stabi“ genannten Bücherbuckels nahe der Potsdamer Brücke zu einem beliebten studentischen Kennenlern-Ort entwickelt hat, stand Scharoun gewiss nicht vor Augen – hätte ihn aber in seinem Konzept nur bestätigt.

Es müssen beileibe nicht nur die Metropolen sein, in denen Bibliotheken architektonische Zeichen setzen. Das haben die Schweizer Popstars der Architekturszene, Jacques Herzog und Pierre de Meuron, mit ihren Bibliotheken in der brandenburgischen Provinz mittlerweile bereits zweimal unter Beweis gestellt: vor einigen Jahren in Eberswalde, wo die Glasfassade der schuhkartonstrengen Fachhochschul-Bibliothek mit gerasterten Fotos von Thomas Ruff bedruckt wurde, und nun mit ihrer im Inneren quietschbunten Bibliotheks-„Amöbe“ in Cottbus. Am dortigen Campus gab es nichts zu reparieren. So entschied sich das Basler Duo für einen Solitär, den sie auf einen künstlichen Hügel – in dem sich technische Einrichtungen verbergen – quasi als „Wissenskrone“ gesetzt haben.

Ganz ähnlich wie Norman Foster, der seinen „Berlin Brain“ genannten Bibliotheks-Blob der Rostlaube eingepflanzt hat, so hat auch der Spanier Santiago Calatrava seine neue juristische Bibliothek in Zürich in den gebauten Bestand eingefügt. In Sichtweite der altehrwürdigen Eidgenössischen Technischen Hochschule von Gottfried Semper überragt eines der typischen Calatrava-Dächer die Altbauten. Ein bisschen erinnert diese Konstruktion an gotische Kirchen, ein bisschen an den Rücken einer urzeitlichen Echse. Im Inneren aber erweist sich Calatravas Zürcher Bibliothek als eine elegante hohe Halle, die um einen elliptischen Innenhof organisiert ist. Zu ihm hin sind die Arbeitsplätze orientiert. Damit funktioniert Calatravas Bibliothek ganz ähnlich wie Fosters kuppelartiger Berliner Bau – nur dass die Studierenden in Zürich in den lichten Innenhof blicken dürfen, statt, wie in Berlin, stets die weißschimmernde Innenhülle der Kuppel vor Augen zu haben.

Ob Berlin, Cottbus oder Utrecht, die Zeit der großen Lesesäle unter einem weiten Kuppelhimmel – Urbild aller Bibliotheken des 19. Jahrhunderts – ist vorbei. Ausnahmen bestätigen die Regel: so der Wiederaufbau des Stammhauses der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden, dessen völlig neu konzipierten Lesesaal der Stuttgarter H.G.Merz als strengen Kubus in die sorgsam zu restaurierende wilhelminische Hülle pflanzt.

Doch bei allen von historischer Rücksichtnahme freien Neubauten sind die Arbeitsplätze dezentral über die Bibliothek verteilt. Gleich hinter den Lesern schließen sich die Regale an. Kilometer um Kilometer reihen sich die Buchrücken aneinander. Dort wartet ihr gedrucktes Wissen auf die Leser, wartet darauf, wiederentdeckt und abgerufen zu werden, wie schon seit Jahrhunderten und gewiss noch weit in die Zukunft hinein.

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