Bücher von und über Brasch : „Ich bin aus Geschichte gemacht“

THOMAS BRASCH Zwei Romane und Tagebücher geben Einblicke in das Leben der Dichters und seiner Familie.

Thomas Wild
Leipzig 2010
Leipzig 2010

Das eine Buch beginnt im Kinderzimmer, das andere im Bordell, beide drehen sich um denselben Namen: Brasch. Jene Familie, deren bekanntester Vertreter der Dichter, Theaterautor, Filmemacher und Übersetzer Thomas Brasch ist. Eine Familienbiografie von besonderem Interesse, weil sie auch eine Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt. 23-jährig verteilte Brasch in der DDR Flugblätter gegen die militärische Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968. Sein eigener Vater, hoher SED-Funktionär und stellvertretender Minister, lieferte ihn daraufhin an die Polizei aus. Des Vaters Treue zu Partei, Staat und Ideologie bedeutete für den Sohn Haft und Folter. Das Buch, mit dem Brasch eine ganze Generation ansprach, nachdem er 1976 in den Westen gegangen war, trägt den sprichwörtlich gewordenen Titel „Vor den Vätern sterben die Söhne“.

Nun ist es die Tochter, Marion Brasch, die den „Roman meiner fabelhaften Familie“ aufgeschrieben hat. Die 51-jährige Journalistin und Radio-Eins-Moderatorin ist die Einzige, die noch lebt: Mutter Gerda und Vater Horst Brasch sowie der mittlere Sohn Klaus, Hauptdarsteller im DEFA-Klassiker „Solo Sunny“, sind seit über 20 Jahren tot. Thomas Brasch und der jüngste Sohn Peter, ebenfalls ein begnadeter Schriftsteller, starben 2001.

Will man die historische Tragweite des Buches ermessen, muss man diese Hintergründe kennen, denn im Buch heißen die Personen lediglich „Vater“ oder „ältester Bruder“. Die Familie sei mit dokumentarischer Wahrhaftigkeit dargestellt, nur bei anderen Figuren habe sie freier fabuliert, sagt Marion Brasch. Eine kluge Strategie: So bleibt die produktive Seite der Einbildungskraft beweglich, während die kritisch-reflexive Seite eine Art transparente Folie einzieht, durch die man die historischen Figuren sehen kann, ohne der Illusion eines direkten Zugriffs zu erliegen.

Neben der Icherzählerin, mit der das Buch über drei Jahrzehnte DDR hinweg erwachsen wird, stellt der Vater eine zweite Hauptfigur dar. Mit ihm, dem mächtigen Staatsfunktionär, der vom Judentum zum Katholizismus konvertiert war und während des Krieges im englischen Exil zum gläubigen Kommunisten wurde, fechten die drei Brüder erbitterte Kämpfe aus.

Die Tochter ist des Vaters letzte Hoffnung, sein sozialistisches Erziehungsmodell zu verwirklichen. Ihm zuliebe tritt sie in die Partei ein, ohne sich dort weiter zu engagieren. Er will ihr Gutes tun, besorgt eine Neubauwohnung und Telefon. Und eines Tages sagt er: „Dein sogenannter Freund hat einen Ausreiseantrag gestellt.“ Die Tochter hatte ihre Liebelei noch nicht einmal zu Hause erwähnt, da hatte Vater Brasch sie bereits staatlicherseits im Visier. Eine Härte, die mit dem Druck von Partei und Ideologie weder vor den Kindern noch vor sich selbst Halt machte. Daran sieht ihn die Tochter zugrunde gehen.

Der lakonische Ton, in dem Marion Brasch dies alles hält, macht die Ereignisse nicht kleiner. Im Gegenteil, er lässt sie klar hervortreten, denn in ihm kommt das Verhältnis zum Ausdruck, das die Autorin sich mit ihrem Buch erschrieben hat: zu ihrer Familie und ihrer Geschichte. Klug wählt Marion Brasch die Perspektive der scheinbar randständigen kleinen Schwester für ihre genauen Beobachtungen. Der gezielt beiläufige Erzählton macht zudem klar, dass sie nicht mit ihren Dichter-Brüdern in den großliterarischen Ring steigt, sondern unabhängig ihre eigene Geschichte formuliert.

Im selben lakonischen Tonfall registriert Marion Braschs Erzählerin, wie Gefühle von Liebe bei ihr immer wieder „verblassen“ – „einfach so“. Offen berichtet sie von den Heimsuchungen ihrer „fahlen Gefährtin“, einer Essstörung. Und alles, als sei dies kein großes Thema, fast nebenher. Inmitten ihrer von der Geschichte zerrissenen Familie in einer zerrissenen Zeit. So wird das Buch, wie nebenbei, zu einem großen Buch über die Liebe. Oder über die Abwesenheit von Liebe.

„Abwesend“, denkt die Erzählerin am Ende des Romans, als sie an einem Neujahrsmorgen auf drei Berliner Friedhöfen fünf Rosen für die Toten ihrer Familie niederlegt: „Jetzt seid ihr alle abwesend.“ Und dann: „Ab jetzt ist Ruhe.“ Diese vier Wörter sagten die Geschwister jeden Abend auf, bevor die Mutter das Licht löschte. Ein Ritual, um böse Geister zu vertreiben. Der Satz bündelt die Dringlichkeit, die man beim Lesen spürt: „Ab jetzt ist Ruhe“ musste geschrieben werden, damit die Autorin Ruhe finden konnte – und eine Sprache, mit der die Erinnerung nicht verstummt.

Eine andere Art der literarisierten Erinnerung an Thomas Brasch hat der Schauspieler und Theaterautor Klaus Pohl geschrieben. Zwar folgen seine „Kinder der Preußischen Wüste“ ebenfalls eng der Biografie des rebellischen Funktionärssohns, der Ende der siebziger Jahre im Westen mit Stücken wie „Lovely Rita“ und „Rotter“ für Furore sorgte, dessen Filme „Engel aus Eisen“ (1981) und „Der Passagier“ (1988) international ausgezeichnet wurden und der sich nach 1989 einem gigantischen Prosaprojekt verschrieb. Doch Pohl webt seinem Schlüsselroman, dessen Personal trotz veränderter Namen kenntlich bleibt, einen zweiten Hauptstrang ein: die Lebensgeschichte der Sängerin Sanda Weigl. Sie kommt, wie Brasch, aus einer jüdischen Remigrantenfamilie, die zur DDR-Elite gehörte. Gemeinsam verteilten sie 1968 die Flugblätter gegen den Einmarsch in Prag, auch Weigl wurde verhaftet, kam ins Gefängnis und reiste später nach Westberlin aus. Die beiden waren früh ein Liebespaar und arbeiteten zusammen. Heute ist Weigl mit Klaus Pohl verheiratet, die beiden leben in New York. Kennengelernt hatten sie sich in den Westberliner Jahren, als Pohl in Braschs Filmen und Stücken auftrat und mit dem Autor ebenfalls heftig befreundet war. Geht das, ein Tatsachenroman über zwei Leben aus der Perspektive eines derart Involvierten?

Die Nahsicht birgt Möglichkeiten. Pohl ist selbst Zeitzeuge jener Biografien, er hat wie kaum jemand Zugang zu engsten Weggefährten um Weigl und Brasch und zudem im Nachlass des Autors recherchiert. Die Passagen im Buch zu Untersuchungshaft und Gerichtsprozess vom Sommer 1968 oder, auf ganz andere Weise, jene zur Künstlerszene Westberlins, beruhen auf einzigartigen Kenntnissen. Hier kann Literatur zu Geschichtsschreibung werden. Nur, Pohl kann es nicht schreiben. Er findet kein Verhältnis zu den Materialien, die ihm zur Verfügung stehen. Mal vermengt sein allwissender Erzähler alles in einfühlsam-klischierte Psychoporträts – der Kampf mit dem Vater, die Liebe zur Mutter. Mal liest man , wie die gerade 16-jährige Brasch-Figur überlegt: „Einen Roman will ich verfassen als Krönung meines Lebenswerks des Aufgebens. Aufgeben als Lebensaufgabe. Etwas beginnen, was von vornherein keine Chance hat auf Vollendung.“ Dem pubertären Poeten solche Reflexionen aus den letzten Jahren von Braschs Schaffen in den Kopf zu montieren, funktioniert weder als Dokumentation noch als Roman. Und die Nähe zur Komik unterläuft Pohl unfreiwillig.

Schon mehrfach wurde Thomas Brasch als mehr oder weniger fiktionalisierte Figur porträtiert. Etwa in Peter Schneiders „Mauerspringer“ (1982), in Barbara Honigmanns „Alles, alles Liebe“ (2000) und in Florian Havemanns „Havemann“ (2007). Alle drei waren, wie Pohl, eine Zeitlang enge Wegbegleiter Thomas Braschs. Wenige Autoren besitzen so eine Impulskraft für andere Künstler. Dies setzt sich fort bis in den Kinofilm „BRASCH“ (2011) von Christoph Rüter, der nicht zuletzt die Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden Filmemacher dokumentiert.

In Rüters Film sieht man, wie Brasch sich ständig selbst im Blick hat, wie er das Bild, das die Kamera von ihm aufzeichnet, im selben Moment mitdenkt und beeinflusst. „Deine Arbeit ist die Beobachtung und ihre Aufzeichnung“, notiert er in sein Arbeitsjournal. Ausgewählte Einträge jenes Tagebuches aus den frühen 1970er Jahren kann man nun erstmals lesen, ediert von Martina Hanf im aktuellen Heft von „Sinn und Form“. Das Tagebuch zeigt Brasch als obsessiven, zarten, schonungslosen Selbstbeobachter: „Du bist ein charakterloser Schauspieler, ein weißes Blatt, auf das du den Entwurf eines Lebens geschrieben hast“, und an anderer Stelle sagt er: „Ich bin aus Geschichte gemacht.“ In einem ebenso programmatischen wie tastenden Eintrag seines Journals spricht Thomas Brasch über „die beschäftigung mit der kunst“. Er begreift sie als Tätigkeit, welche die „am stärksten einsamen“, die Empfindlichen und Verletzlichen miteinander verbinde – „wie eine familie ohne verwandtschaft“.

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2012. 400 S., 19,99 €.

Klaus Pohl: Die Kinder der Preußischen Wüste. Arche Verlag, Hamburg 2011. 496 Seiten, 24,90 €.

Thomas Brasch: Aus den Tagebüchern 1972–74. In: Sinn und Form, Heft 2/2012,

9 €. Darin auch: Martina Hanfs Gespräch mit Lothar Trolle über Thomas Brasch.

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