Bücher zur Finanzkrise : Dienstmädchen sind immer die anderen

Unter Spekulanten: Heike Faller und Niall Ferguson spenden Trost in der Wirtschaftskrise.

Andreas Schäfer

Das Zauberwort heißt „diversifizieren“, also: Sortiment ausweiten! „Du musst Deine Gewinne realisieren“, sagt Utta, eine Freundin der Autorin. Aber Utta, findet die Autorin, hat keine Ahnung. Sie setzt noch auf Standardaktien! „Du sagst ..., dass du aussteigst, wenn sich der Goldpreis verdoppelt hat. Ich mache dich darauf aufmerksam, dass es so weit ist, Zeit zu diversifizieren, Heike“, sagt Utta. Doch Heike will nicht hören. Stattdessen fragt sie einen Spezialisten, und als der ihr versichert, dass die Zeichen bei Gold „fundamental auf krassen Anstieg stehen“, belehrt sie Utta, dass und warum sich der Goldpreis vervielfältigen werde und sie „mithilfe von Optionsscheinen“ ihre Ersparnisse in „Fantastilliarden verwandeln könnten“.

Schön wär’s, möchte man der Autorin Heike Faller zurufen. Doch das braucht man nicht. Denn erstens taucht Utta als nüchternes Korrektiv innerhalb dieser Geschichte immer wieder auf. Und zweitens inszeniert sich die Autorin, im Hauptberuf Journalistin beim „Zeit Magazin“, bewusst als naiv und ein bisschen größenwahnsinnig. Das ist Strategie.

„Wie ich einmal versuchte, reich zu werden. Mein Jahr unter Spekulanten“ ist das etwas andere Wirtschaftsbuch. Es lässt unterhaltsam die Illusion platzen, die die meisten von uns Fachfremden kennen dürften: den Glauben nämlich, dass man, wenn man sich ein bisschen ins Metier vertiefen würde, das Spiel durchschauen und – Finanzkrise hin oder her – das große Geld machen könnte. Der Charme dieses Erfahrungsberichts besteht darin, dass er offensiv mit diesem von Insidern so genannten Dienstmädchentraum umgeht. Der Leser wird genötigt, mitzufiebern und mitzuleiden. Immerhin: Während der Krise macht Heike Faller bescheidene Gewinne, weil sie „long in Gold“ und „short in Aktien gegangen“ ist. Man sieht: ein paar hippe Redewendungen fallen auch ab.

Jedes Projekt braucht eine Initialzündung, und die gestaltete sich bei Faller so: Als Reporterin wurde sie vor Jahren in ein bayerisches Dorf geschickt, um zwei kauzige Banker zu porträtieren. Diese warnen damals schon vor einem Zusammenbruch und predigten den Erwerb von Edelmetallen. Davon angesteckt, legt sie den Großteil ihrer Ersparnisse in Gold an und stellt fest, dass der Preis einer Feinunze in kurzer Zeit von 380 auf über 800 Euro steigt. Wow, denkt Faller. So einfach geht das.

Sie lässt sich beurlauben und setzt sich zum Ziel, innerhalb eines Jahres 10 000 Euro zu verdoppeln. Aber zunächst muss sie Hausaufgaben machen, denn plötzlich ist die Finanzkrise da. Aus Artikeln bastelt sie die Genese der Immobilienkrise zusammen, versucht den Kreditvergabemodus in Amerika zu verstehen, bei dem Darlehen an Menschen vergeben wurden, die weder Eigenkapital noch Arbeit hatten. Aktienkurse fallen, der Goldpreis geht nach oben – so lautet die Gleichung, die Faller noch immer für das Wissen einer Eingeweihten hält. Dann bricht der Goldpreis plötzlich um 100 Dollar ein. „Nachdem wochenlang alles nach Plan lief, verstehe ich zum ersten Mal ... die Welt nicht mehr.“

Spezialisten müssen befragt werden. Faller fliegt nach London und schaut Bankern über die Schulter, von deren Ungerührtheit sie beeindruckt ist. Ein Däne empfiehlt ihr den Kauf von Aktien einer Papiermühle in Nordschweden. Sie kauft nicht, treibt sich stattdessen Wochen in der Berliner Kunstszene herum, aber es will sich partout kein „unterbewerteter“ Künstler finden lassen. Sie reist in den Irak, wo sie bei der Umstellung der irakischen Börse auf online von explodierenden Kursen profitieren will. Aber die Onlineschaltung verschiebt sich mehrmals. Falls ethische Fragen mal eine Rolle für sie gespielt haben sollten – jetzt tun sie es nicht mehr.

Innerhalb weniger Monate hat die Autorin sich in die Comicversion ihrer selbst verwandelt, eine junge Frau, der die Dollarzeichen aus den Augen knallen – umso greller, weil die Erfolge auf sich warten lassen. Wie geht, verdammt noch mal, das Spekulieren? Wo verläuft der Zen-Weg des Geldes? Vielleicht offenbart sich das Geheimnis, wenn man cool bleibt? Genau das kann Faller aber nicht. Ihr Problem: Sie will die Quadratur des Kreises, von den Fachleuten Wissen abzapfen und selbst als Fachfrau anerkannt werden. Anstatt sich aufs Lernen zu konzentrieren, will sie – Berufskrankheit des Journalisten – mit dem Gelernten sogleich beeindrucken und zuppelt angeberhaft an den De- oder Inflationstheorien ihrer Gesprächspartner herum. Dabei wird sie doch längst selbst als Anlageexpertin betrachtet, von ahnungslosen Bekannten und Verwandten!

Die Reportageteile sind packend geschrieben, Kompliziertes wird prägnant erklärt. Am meisten Spaß an diesem Buch aber macht der irrsinnige Tanz der Geister, die Faller rief. Es ist gespenstisch, wie schnell man von anderen als Autorität akzeptiert wird oder selbst an den Lippen eines Wildfremden hängt, nur weil der hinter einem Bildschirm in London sitzt. Wie sehr es – neben dem Geld – ums Dazugehören und, auch das immer mit Selbstironie vermerkt, um Abgrenzung nach unten geht. Die wirklich naiven Dienstmädchen sind immer die anderen. Glaubt Heike Faller. Bis das Spiel sie bei plus/minus null wieder ausspuckt. Jedes Tagesgeldkonto wäre ertragreicher gewesen.

Wenigstens ist sie wieder eine von uns. Demütig bittet sie ihren Kundenberater um die Zusammenstellung eines ausgewogenen Portfolios. Mit Erleichterung wirft sie sich in die tröstenden Arme der Normalität zurück. Wenig Risiko, bescheidene Rendite und am Horizont die Möglichkeit, sich irgendwann eine klitzekleine Eigentumswohnung leisten zu können.

Weniger aufregend, aber genauso tröstend gestaltet sich die Lektüre von Niall Fergusons großspurigem Buch „Der Aufstieg des Geldes. Die Währung der Geschichte“. Reichert Faller das Thema satt mit Emotionen an, bemüht sich Ferguson um Entdämonisierung. Geld, Banken, Finanzwesen – nichts, wovor man Angst haben sollte. Denn Geldgeschichte sei Weltgeschichte und hauptverantwortlich für den Fortschritt, „vom antiken Babylon bis zum Hongkong von heute“.

Auch wenn Ferguson dann zahlreiche Schauergeschichten erzählt: von der Entwicklung des Kredits, von der Weltfinanzkrise 1929, vom Wachsen und Platzen diverser Spekulationsblasen. Seine Haltung bleibt: Fürchtet euch nicht! Die Pracht der italienischen Renaissance beruhte auf dem Bankwesen und dem Rentenmarkt. „Hinter jeder großen historischen Erscheinung verbirgt sich ein finanzielles Geheimnis.“ Nur über ein offenes Geheimnis schweigt Ferguson sich aus. Dass – wie wir von Faller gelernt haben – in Finanzdingen niemals von der Vergangenheit auf die Zukunft geschlossen werden kann.

Heike Faller: Wie ich einmal versuchte, reich zu werden. Mein Jahr unter Spekulanten. DVA. München, 2009. 232 S., 19,95 €

Niall Ferguson: Der Aufstieg des Geldes. Die Währung der Geschichte. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Econ Verlag. Berlin, 2009. 370 S., 24,90 €.

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