Kultur : Bücherschatz: Am Anfang war die Bibel

Bernhard Schulz

Ein Pulk von Mikrofonen erwartete den neuen Staatsminister für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt, Julian Nida-Rümelin, als er gestern erstmals in der Villa von der Heydt vor die Presse trat. Der Hausherr, Klaus-Dieter Lehmann, hatte namens der von ihm geleiteten Stiftung Preußischer Kulturbesitz geladen, um die Rückkehr einer Luther-Bibel nach Berlin zu vollziehen. Nida-Rümelin, der sich in seinem bisherigen Münchner Amt mit dem Thema "kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter" nicht hatte befassen müssen, wollte dazu über die Perspektiven in der Behandlung dieses überaus heiklen Problems sprechen.

Der neue Staatsminister äußerte sich in der Diktion überaus vorsichtig, in der Sache aber entschieden. Die Überreichung der wertvollen, aus zwei Drucken von 1522 und 1523 zusammengebundenen Bibel durch den polnischen Ministerpräsidenten Buzek an Bundeskanzler Schröder im Anschluss an dessen Rede im polnischen Parlament am 6. Dezember vergangenen Jahres markierte beinahe eine Sensation. Nicht, dass Polen die Aufbewahrung der Bücherschätze der einstigen Preußischen Staatsbibliothek in der Jagiellonen-Bibliothek zu Krakau irgend länger verheimlicht hätte: Aber die Rückgabe dieser Bestände - darunter 212 000 Manuskripte und 20 000 Notenautographen, ferner 1380 Rara der Frühzeit des Buchdrucks wie die Luther-Bibel - stand für Polen jahrzehntelang nicht zur Diskussion. Deutscherseits bilden die Bücherschätze hingegen den Kernpunkt bei den Verhandlungen über die Rückgabe der Kriegsverlagerungen, so wie umgekehrt Polen auf die Aushändigung von 73 Urkunden des Deutschen Ordens drängt, die den Beginn der Eigenstaatlichkeit Polens dokumentieren. Sie waren 1941 von deutschen Truppen 1941 aus Warschau entführt wurden und werden bis heute im Geheimen Staatsarchiv verwahrt, das wie die Staatsbibliothek zum Verbund der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zählt.

Das Bibel-"Geschenk", zumal es vom demonstrativen Beifall der Sejm-Abgeordneten begleitet wurde, weist nun den Weg zu einer Bereinigung der wechselseitigen Ansprüche. Nida-Rümelin äußerte den "Eindruck, dass die Bereitschaft dazu in letzter Zeit deutlich gewachsen" sei. Zugleich aber hob er die "gemeinsame Verantwortung für die kulturelle Überlieferung in Mitteleuropa" hervor. Was genau er unter dieser Formel verstanden wissen will, ließ Nida-Rümelin offen. Aber er betonte entschieden, es gehe "nicht primär darum, Rechtspositionen ins Licht zu rücken, auch nicht primär darum, Kulturgüter wieder in nationalen Besitz zu nehmen", sondern darum, die "gemeinsame politische Verantwortung" deutlich werden zu lassen.

Das Bewusstsein "um das, was Polen angetan worden ist, fehlt in Deutschland", sekundierte Lehmann. Während sich Nida-Rümelin keine Marschrichtung für die in Kürze wiederaufzunehmenden und mit Oprimismus begleiteten Verhandlungen mit Polen entlocken ließ, hatte Lehmann einen 3-Punkte-Plan parat: Erstens sei "die Stiftung bereit, ohne Auflagen zurückzugeben, was sich kriegsbedingt bei ihr befindet und treuhänderisch bewahrt wird". Es liege bei der Bundesregierung, einen "geeigneten Zeitpunkt" für die Rückgabe insbesondere der 73 Urkunden zu bestimmen, von denen ein besonders prachtvolles Exemplar - der Friedensvertrag von Melnosee aus dem Jahr 1422, schwer behängt mit nicht weniger als 115 Siegeln - gestern in der Villa von der Heydt gezeigt wurde.

Zweitens soll der Austausch von Archiven - besonders wichtig im deutsch-polnischen Verhältnis durch die Grenzverschiebungen des Zweiten Weltkriegs - so geregelt werden, dass beide Seiten "über den Vollbesitz dieser Informationen" verfügen könnten. Drittens aber - und da wurde Nida-Rümelins Anliegen plastisch - soll "durch langfristige Leihgaben aus den Staatlichen Museen attraktive Angebote in polnischen Museen" geschaffen werden, um die Zerstörungen des Krieges zu lindern. Die "enormen Verluste Polens" könnten "nicht kompensiert werden", spielte Lehmann auf die lange Zeit - insbesondere von der damaligen Sowjetunion - erhobene Forderung nach Kompensationen in Gestalt von gleichwertigen Kulturgütern an. Der völkerrechtlich verbindliche Anspruch auf die Rückgabe von Kulturgütern werde aufrecht erhalten, präzisierte der Staatsminister auf Nachfrage.

Die Luther-Bibel jedenfalls, durch entsprechende Stempel und Signaturen in ihrem ganzen Weg vom Erstbesitzer über die Königliche bis zur Preußischen Staatsbibliothek anschaulich zu verfolgen, wird nun wieder ins Stammhaus Unter den Linden zurückkehren. Bis 1977 hatte die polnische Regierung die Existenz der - gleichwohl als "Berlinka" getrennt ausgewiesenen - Bestände in Krakau verschwiegen.

Dann aber machte Staats- und Parteichef Gierek seinem DDR-Kollegen Honecker Handschriften von Mozart und Beethoven zum "Gastgeschenk": Sie stammten aus Berlin. Die Fachwelt war erleichtert zu wissen, dass die 1941/43 nach Schlesien ausgelagerten Schätze der Staatsbibliothek zumindest den Krieg überstanden hatten.

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