Bücherschau im Museum für Islamische Kunst : Blumen erblühen in den Bänden

Bücherschau im Museum für Islamische Kunst.

Stella Marie Hombach
Der Schah liest. Albumblatt mit einer Darstellung des Regenten Alam II. (1728 – 1806), in einer Miniatur von Mihr Tschand (Indien, Moghulreich). Foto: Staatliche Museen
Der Schah liest. Albumblatt mit einer Darstellung des Regenten Alam II. (1728 – 1806), in einer Miniatur von Mihr Tschand (Indien,...

Kaiser Aurangzeb sitzt auf seinem Thron. Doch seine Haltung ist weder erhaben noch majestätisch. Seine Schultern hängen müde nach unten, der Rücken ist stark vorgebeugt. Der Kaiser wirkt in sich zusammengefallen. Seine greise Haltung hat jedoch nichts mit dem Alter zu tun, in den Händen hält er ein Buch. Aurangzeb ist vielmehr in die Lektüre versunken. Er liest eine Geschichte, die seinen ganzen Körper gefangen nimmt. Die Illustration des Aurangzeb stammt aus einer Sammlung indischer Albumblätter des 18. Jahrhunderts, die nun im Rahmen der in der Sonderausstellung „Zierrat und Zunge“ im Museum für Islamische Kunst näher vorgestellt wird.

Die islamische Bedeutung des Buches ergibt sich auch aus dem Koran – übersetzt „Der Vorleser“. Er übermittelt das Wort Gottes, ist Träger der Offenbarung. Zudem galt es, bildliche Illustrationen zu vermeiden. Die Kalligrafie gewann an Bedeutung, die Kunst des Schreibens wurde zur Herrschertugend. Die Buchkunst gehört in der islamischen Welt seit jeher zu den angesehensten Bereichen künstlerischer Betätigung. Seit der Zeit der Seldschuken, einer türkischen Dynastie des 10. Jahrhunderts, wuchs die Bedeutung von Schrift und Ornament, die Miniatur spielte eine immer prominentere Rolle. Buchrücken und -deckel galten in der islamischen Gesellschaft deshalb nicht nur als Dekor.

Auf den syrisch-ägyptischen Ledereinbänden des 14./15. Jahrhunderts verselbständigen sich die Ornamente. Flechtwerk erblüht in der Symmetrie eines zehnstrahligen Sterns. Die Augen verlieren sich in floralen Endlosmustern. Die Verzierungen scheinen eine eigene Welt jenseits des Wortes zu bebildern.

Eine Besonderheit der islamischen Bücher ist auch die sogenannte „Zunge“, die es in Europa nicht gibt: eine Schutzklappe für den Schnitt der Blätter. Auch sie ist ins Ornament eingebunden. In der Darstellung von Kaiser Aurangzeb scheint sie nur darauf zu warten, dass sie von ihm in die Hand genommen wird, er das Buch öffnet und sein Körper nach vorne sinkt. Stella Marie Hombach

Museum für Islamische Kunst, Museumsinsel, bis 16. 3.; Mo bis So 10 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr.

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