Kultur : Büchner-Preis: Meine herrlichste Einbildung

Lutz Hagestedt

Das freudige Erschrecken, das den Laudator durchfuhr, als bekannt wurde, dass Volker Braun mit dem Georg-Büchner-Preis der Akademie für Dichtung und Sprache ausgezeichnet wird, war ganz auf unserer Seite: Er hat ihn noch nicht?!

Vielleicht war dieser Gedanke, dass er ihn schon haben müsse, so zwingend, dass man den Autor Jahr für Jahr überging. Und Volker Braun, dieser schmächtige und doch große und bedeutende Nachfahre Büchners und Brechts, würde es niemals über die Lippen bringen zu sagen: Ich habe ihn noch nicht. Aus tiefer Verbundenheit mit Büchner würde er den Preis gar nicht vermissen. Die große Nähe von Volker Braun und Georg Büchner - sie kam in seiner meisterhaften Dankesrede erneut zum Ausdruck. Gedichte wie "Das Eigentum", 1990 unter dem Eindruck der Wiedervereinigung entstanden, bezeugten diese Nähe aufs Eindrucksvollste. Doch wie das Eigentum ist inzwischen auch ein berühmtes Büchner-Wort überschrieben worden, das jetzt "Krieg den Hütten, Friede den Palästen" lautet. Das Wort, es scheint all jene zu begleiten, für die die Wiedervereinigung weder blühende Landschaften noch Befreiung gebracht hat, sondern Verlust: Verlust des Arbeitsplatzes, des Selbstwertgefühles, Verlust der Kraft, für eine Überzeugung zu kämpfen.

Die Körpersprache des kleinen großen Preisträgers sagt mehr als Worte und weiß sich doch mit ihnen im Einklang: Sie spricht von freundlicher Verbindlichkeit, von der Bereitschaft, sich in das Notwendige zu schicken und von brüsker Ablehnung dort, wo die Grenzen des Notwendigen sich auftun, wo die Welt der Zumutungen beginnt. Der hier nach einer eindrucksvollen, leicht resignativen Dankesrede auf der Bühne steht und sich verbeugen soll vor dem begeisterten Applaus, hat das Beugen nie gelernt. Das Senken des Kopfes gleicht mehr dem verlegenen Blick auf die Schuhe oder dem Ausweichen des Blicks vor einer Meute von Siegern oder Tätern der Geschichte.

So ist denn auch sein Kanzelwort kein bisschen Zugeständnis an die Ränge, sondern Bekenntnis und Lehrstück. "Die Verhältnisse zerbrechen" heißt sein Motiv. Es ist zweideutig, es kann die Beobachtung eines Prozesses wie auch die Forderung der Zeit bezeichnen: Lasst uns die Verhältnisse zerbrechen! In dieser Doppelsinnigkeit stellt Volker Braun auch seine Fragen: "Wozu sollen wir Menschen miteinander kämpfen?" und "Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand?"

Es sei "die Schärfe seiner Fragen", die Georg Büchner "von uns allen trennt", sowie "das entschlossene Zögern mit Antworten".

Brauns Laudator Gustav Seibt erzählt, wie der Autor den Untergang Dresdens erlebte, als den "entsetzlichen Widerspruch von Grauen und Schönheit", als "die Wirkung von Tod und Kunst". Doch weder Braun noch Brecht noch Büchner wollten sich in die Barbarei schicken. Sie wollten nach den Ursachen forschen, den Gründen für die Blutbäder. Sie wollten die Fehler verstehen lernen, und das Verstehen sollte Volkseigentum werden: "Volkseigentum und Demokratie", so Volker Braun, "das ist noch nicht probiert - das ist meine letzte Verblendung, die herrlichste Einbildung."

Doch der Menschenzug, der 1989 die Ordnung der DDR heruntergerissen hat, hat auch den inneren Besitz und utopischen Ort einer Gesellschaft mit zerstört. Am Tag seiner Auszeichnung bekannte Volker Braun seine Müdigkeit, seinen Unglauben und sein Unvermögen, weiter nach seinen Grundsätzen zu handeln. Und dennoch war seine Rede grundsätzlich, eine Fürsprache für eine Gesellschaftsform, für die er sein Werk geschrieben hat, in deren Namen und für deren Ideen Menschen und Leiber verbraucht wurden, die "rücksichtslos" war, wo sie "von Grund aus" hätte sein müssen.

Volker Braun also. Wenn er litt und leidet, dann weil manche seiner Utopien in den letzten zehn Jahren zerbrochen sind, und, wie es scheint, auf lange Zeit als Scherben liegen bleiben werden. Der Büchner-Preis ist einer der wenigen bedeutenden Literaturpreise in Deutschland, bei dem Namenspatron und Preisempfänger noch miteinander harmonieren. Andere Preise haben, aus guten Gründen, darauf verzichtet, ihre Preisträger auf das Werk des Patrons zu verpflichten. Der Büchner-Preis besteht, ebenfalls mit guten Gründen, auf dieser Tradition, und die Geschichte seiner bedeutenden Preisträger gibt ihm Recht. Im übrigen lebt die Preisgeschichte vom Wechselspiel des Erwartbaren und des Überraschenden, und umso schöner ist es, wenn das Erwartbare - wie hier - als Überraschendes in unseren Alltag tritt.

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