Kultur : Büchnerpreis 2001: Magische Schnipsel

Helmut Böttiger

Immer, wenn in den letzten zehn Jahren der Büchner-Preisträger bekanntgegeben wurde, fiel irgendwann der Satz: "Warum nicht Friederike Mayröcker?" Sogar einer der Preisträger selbst soll dies ausgerufen haben. Die mittlerweile 76-jährige Wiener Autorin schien einfach dran zu sein, und dass sie jedesmal übergangen wurde, war auch für einige jüngere Autoren ein Ärgernis. Es gibt von Thomas Kling oder von Marcel Beyer ausgesprochene Mayröcker-Bekenntnisse.

Friederike Mayröcker polarisiert, und das spiegelte lange Zeit auch die Büchner-Preis-Jury wider. Die Autorin verkörpert geradezu die Tradition des Wiener Sprachexperiments, der Sprachkritik, aber sie geht dabei äußerst eigenständige Wege, das mittlerweile entstandene Spannungsfeld zwischen "Experiment" und "Tradition" immer weiter ausdehnend. Ihre Lyrik entstehe "aus einer anderen Körperfassung" als ihre Prosa, sagte sie einmal, aber in all ihren Texten ist die Sprachbewegung dieselbe: "biographielos" - darauf legt sie großen Wert - aber montiert aus Moment- und Bestandsaufnahmen, aus Beobachtungs- und Wahrnehmungssplittern.

Mayröcker ist eine Sammlerin. Das erzählen auch alle, die einmal in ihrer mit den berühmten Schnipseln, mit Büchern und Blättern übersäten Wohnung waren: Sie ist eine Sammlerin von Augenblicken und Gedanken. Die Anzahl ihrer Werke ist fast unüberschaubar geworden, und dennoch handelt es sich um ein einziges, fortlaufendes Werk, so wie oft die Titelzeile eines Gedichts die letzte Zeile des vorangegangenen wieder aufnimmt. "Magische Blätter", der Titel eines ihrer Bücher mit Prosa und Bildgedichten, könnte auch der Titel dieses ihres Gesamtbuches sein.

Man sagt bei derartigen Anlässen immer schnell, dass sich die Autorin "konsequent den modischen literarischen Trends" verweigere - wie 1997, als Friederike Mayröcker mit dem Meersburger Droste-Preis ausgezeichnet wurde. Mayröckers minuziös aufgezeichnete Reisen durch das Bewusstsein sind mittlerweile allerdings nahezu klassisch geworden. Das beweist nicht nur der endlich erhaltene Büchner-Preis, das beweist vor allem die Tatsache, dass sich gerade die musikalischsten, sprachbewusstesten Autoren der nachfolgenden Generationen auf sie berufen.

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