Kultur : Büchners Schwester

BRIGITTE LANDES

Am vergangenen Wochenende ist Sarah Kane in London gestorben.Gestorben? Woran? Durch Selbstmord.Gestorben in einem Londoner Krankenhaus.Warum?

Tröstlicher wäre die Vorstellung, die zarte, so humorvolle Autorin hätte diesen Tod nur inszeniert, um unter anderem Namen, mit ganz neuen Texten unbehelligt und ohne Etikettierung weiterschreiben zu können.Irgendwo in Cambridgeshire.Dahin hat sie sich nämlich schon hinphantasiert: Marie Kelvedon war das Pseudonym, unter dem Sarah Kane ihr letztes Stück "Crave" geschrieben hatte, das vergangenen Sommer in Edinburgh uraufgeführt und im September bei den Berliner Festwochen gezeigt wurde.Diese Marie K.war nach einer dadaistischen Performance im Speisesaal eines Colleges in Oxford relegiert worden und lebte mit ihrer Katze Grotowski in Cambridgeshire.So erfand sich Sarah Kane, die "hoffnungslose Romantikerin", wie sie sich nannte, noch einmal selbst.

"Dieser Schmerz.Immer.Bis jetzt.Alles Lügen.Geh.Komm.Bleib.Ja.Nein.Ich will nicht bleiben." Ein Textfragment aus "Crave" ("Flehen"), dem Stück, das im Titel auch an das Grab ("grave") erinnert.Es fiele nicht schwer, alles in ihren Texten nachzulesen: über Verzweiflung, Liebe, Wut, Hoffnungslosigkeit, das Grauen der Welt.Konnte man ihr Ende schon immer gewußt haben? Unsinn.Keine Legende.

Es ist einfach schockierend: die Nachricht, Sarah Kane ist tot.Mit Achtundzwanzig.Vier Theaterstücke gibt es von ihr und zwei Drehbücher.Es sollten doch mehr werden, viel mehr! Die deutsche Erstaufführung ihres vorletzten Stückes "Gesäubert" ("Cleansed"), an den Hamburger Kammerspielen inszeniert von Peter Zadek, wird nun im Mai beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein, mit Ulrich Mühe und Susanne Lothar.

Sarah Kane ist keinem Trend gefolgt, gehörte keiner Gruppe an, auch wenn es immer wieder so klang, als sei sie auch eine dieser jungen englischen Wilden, die die Zuschauer durch ihre Brutalitäten auf der Bühne bloß schockieren wollten.Sie gehörte nicht dazu.1995 wurde in London am Royal Court Theatre ein Stück mit dem Titel "Zerbombt" ("Blasted") aufgeführt.Schon der Titel saß.Und rief einen Skandal hervor, wie ihn das Theater seit Edward Bonds "Gerettet" - in Deutschland 1967, inszeniert von Peter Stein - nicht mehr erlebt hatte.Ein Jahr später wurde das Stück im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg aufgeführt.Erst wollte das Stück keiner wegen all dem Blut und Grauen - dann wurde es von vielen Theatern nachgespielt: Die Rückschritte der Zivilisierung auf engem Raum.In einem Hotelzimmer.Krieg im Hotelbett, in Bosnien.Noch niemand hat diesen täglichen Terror, diese Gewaltfluten, die via Kabel und Satellit in die Hotel- und Wohnzimmer schwappen und bereits von Zweijährigen im Vorüberhuschen wahrgenommen werden müssen, so genau beschrieben.

"Zerbombt" provoziert eigentlich das Theater, nicht den Zuschauer.Denn es verlangt nach Mitteln aus der Realität, die das Theater kaum erfüllen kann.Sarah Kanes Realismus ist die Herausforderung.Wie kann Grausamkeit und Sexualität auf der Bühne gezeigt werden? Daran scheiterten bisher die Inszenierungen.Da werden Bilder gebaut, und die Texte kommen zu kurz.Das, woraus diese Theaterstücke vor allem bestehen: aus Wörtern, die versuchen, eine Welt zu fassen, die unfaßbar geworden ist.

Georg Büchners "Woyzeck" hat Sarah Kane im letzten Jahr in London selbst inszeniert.Da ist Marie, Woyzecks Liebe, die er tötet.Kommt Sarahs Pseudonym Marie - nicht englisch: Mary! - von dort? Büchner ist nur 23 Jahre alt geworden und stellt in "Dantons Tod" die Frage, die Kane ohne Unterlaß in ihren Stücken stellt: "Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?" Während sie an "Gesäubert" gearbeitet hat, hat sie Kafkas "Prozeß" gelesen.Sie selbst stammt aus dem Land Shakespeares, nicht Stephen Kings oder der Videoclips.

Sarah Kane fragte nicht, wie das Theater ihre Stücke realisieren kann.Sie hat sie geschrieben.Sie hat "Phädras Liebe" selbst inszeniert, bei "Gesäubert" am Bühnenbild mitgearbeitet, sie war genuin Dramatikerin.Sie wollte das Theater, auch wenn es nicht konnte, was sie wollte.

Sie schilderte ihre Wahrnehmung und redete nicht über sich.Aber an ihren Figuren, wie in "Zerbombt", dem Mann, dem Mädchen und einem Soldaten, hängt die ganze Welt.Dabei beginnt alles normal.Ein Mann und ein Mädchen in einem Hotelzimmer.Der Mann ist krank, das Mädchen jung und im Kopf, im Herzen gestört.Eine Liebesgeschichte? Ein Mißbrauch? Sex, nur um etwas zu spüren.Es ist kalt, und draußen herrscht Krieg.Als ein Soldat kommt, bricht Krieg aus im Zimmer.Mord und Vergewaltigung, bis zur Menschenfresserei.Alles Leben scheint erloschen.

Eigentlich muß Theater auch so sein.Wie die Welt.Sarah Kane beschrieb sie heute.Die Zerstörung von Seelen durch Krieg und Gewalt.Der entsetzte Blick eines Kindes auf eine Welt, die Angst macht, auf die es gebannt starrt, angewidert und fasziniert die Frage stellt, warum es so ist.Warum Menschen so sind.In "Phädras Liebe" wird auf Wahrheit beharrt, auch wenn es das Leben kostet.In "Gesäubert" ("Cleansed") wird die Liebe gesucht in einer ganz und gar entmenschten Umgebung - im Heute.Einem Heute, das ohne Auschwitz nicht denkbar wäre.In "Crave" wird sich um Kopf und Kragen geredet, als verlören die Gestalten ihre Existenz, wenn sie aufhörten zu sprechen.Wenn schon nicht mehr gehandelt wird, wird gesprochen.

"Wahrscheinlich sind alle meine Figuren auf die eine oder andere Weise hemmungslos romantisch.Ich glaube, daß Nihilismus die extremste Form von Romantik ist.Und wahrscheinlich ist es dieser Punkt, an dem meine Stücke mißverstanden werden.Ich fürchte, ich bin eine hoffnungslose Romantikerin", sagte Sarah Kane in einem Gespräch.

In ihren Dramen schrieb sie nicht von sich.Sie bewahrte immer diese unverwechselbare, persönliche Perspektive, ihren Blick.Sarah Kane hat die Welt so gesehen, wie sie sie beschrieben hat.Und das sind keine "Horrorvisionen", keine "Gewaltszenarien", das sind Stücke der Realität.Auch bleiben sie nicht stecken im Naturalismus, wie manch anderes Stück der neuen englischen Dramatik, sie überschreiten, sie transzendieren den realen Horror.

So wenig ihre dramatischen Texte von persönlichem Befinden reden, so offen gab Sarah Kane Auskunft über sich in Gesprächen.Da spricht sie von Depressionen, die sie beim Schreiben von "Phädra" hatte, von ihrer bedingungslosen Suche nach Wahrheit, daß sie die ständige Heuchelei im Leben deprimiere."Ich halte Depressionen nicht zwangsläufig für ungesund.Für mich äußert sich darin eine vollkommen realistische Wahrnehmung der Umwelt.(lacht) Wahrscheinlich muß man sein Empfindungsvermögen bis zu einem gewissen Grad abstumpfen.Andernfalls ist man chronisch gesund in einer kranken Gesellschaft.Antonin Artaud ist ein solches Beispiel: Entweder man dreht durch und stirbt, oder man funktioniert und ist dabei krank.Was der eigentliche Wahnsinn ist."

Edward Bond, ihr Vorbild und Mentor, sagt, daß ihr Tod etwas Emblematisches habe.Auch, daß es sich bei ihr um eine Frau handelt, spielt eine Rolle, denn sie wußte genau, was noch vor ihr lag, und noch immer ist das ein Unterschied: kein Mann zu sein.Nein, in bestimmter Weise, sagt Bond heute morgen in einem Telefongespräch, hat sie sich nicht umgebracht.Sie ist getötet worden.Sie, die kopfhoch alle zeitgenössischen Dramatiker überragte.

Man sollte sie ernst nehmen, die Dichter, bei ihrem Wort.Was bleibt, ist ein Satz: Sarah Kane lebte in London.

Die Autorin lebt als Regisseurin und Übersetzerin in Hamburg

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