Kultur : Büchse und Beute

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Christina Tilmann über

russische Sitten und Gebräuche

Wenn man sie öffnet, stinkt es mächtig. Und heraus kommen alle Plagen der Menschheit: Neid, Missgunst, Habgier, man könnte noch hinzufügen Nationalismus und Revanchismus. Als Russlands Kulturminister Michail Schwydkoi und der damalige Kulturstaatsminister Julian NidaRümelin die deutsch-russischen Kulturbegegnungen ins Leben riefen, lag ihnen nichts ferner, als die alte Pandora-Büchse Beutekunst wieder zu öffnen. Im Gegenteil: Der Kulturaustausch war gerade dazu gedacht, die durch stockende Beutekunstverhandlungen vergifteten Beziehungen wieder zu verbessern.

Umso peinlicher, dass pünktlich zum Start des deutsch-russischen Kulturjahrs Pandora wieder auf den Plan trat: Die russische Staatsanwaltschaft untersagte die Rückgabe der so genannten Baldin-Sammlung, mit der Schwydkoi in Deutschland seinen größten diplomatischen Triumph gefeiert hätte. Nun üben sich beide Seiten in Schadensbegrenzung – und betonter Einstimmigkeit. „Die Wahrheit wird siegen“, rief Schwydkoi gestern bei einem Treffen mit Kulturstaatsministerin Christina Weiss in Berlin und bekräftigte: „Die Sammlung muss zurückkommen.“ Und konnte doch nicht verhehlen, dass er sich mit seiner Politik in Russland keine Freunde gemacht hat. Von „russischen Sitten und Gebräuchen“, nicht von „Gesetzen“ sprach er in Hinblick auf die Duma-Entscheidung und zitierte Ibsen, dass, wer – wie er – zum Kampf mit dem Volke gehe, nicht seinen neuen Anzug anlegen solle. Das Ibsen-Stück hieß „Ein Volksfeind.“

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