Kultur : Bügelbretter, die die Welt bedeuten

Andersens Märchen und des Castorfs neue Klamotten: „Meine Schneekönigin“ an der Berliner Volksbühne

Rüdiger Schaper

Es war einmal ein altes, dunkles Theater mitten in der großen Stadt, das stand mutter- und vaterseelenallein auf einem großen düsteren Platz und war ganz still. Da kam, aus einer östlichen Provinz, wohin man ihn verbannt hatte, Prinz Frank und klopfte an das Tor. Der gute und weise Zauberer Ivan sagte: Mein lieber Prinz, die Burg sei dein. Du hast drei Jahre, danach bist du berühmt oder tot!

Mehr als zehn Jahre sind seitdem vergangen, und aus dem Prinzen ist ein großer König geworden, mit vielen Königinnen und Prinzessinnen. Überall auf der Welt kannte man den König Frank, und viele andere Burgherren beneideten ihn um seine herrlichen Gelage und seine Narrenschar, die weit und breit die lustigste war. Manchmal aber wurde der König von seinem Ruhm so müde, dass er sich die Bettdecke über den Kopf zog und von der guten alten Zeit träumte, als er noch ein sündhafter Prinz war und es keine Videokameras gab, die ihn in der großen Stadt auf Schritt und Tritt verfolgten. Da sagte sich der König, denn es weihnachtete schon sehr: Wie, wenn wir wieder Kinder wären? Und er erinnerte sich an die Weissagung des guten Zauberers Ivan, die er nun verstand. Denn er war ja nicht gestorben, sondern berühmt geworden, aber sein Herz war kalt wie die nördliche Winternacht, und heiß brannte ihn ihm die Sehnsucht nach den alten Spielen.

So, liebe Kinder, bis hierher durftet ihr heute auch einmal eine Theaterkritik lesen. Jetzt geht es unter der Bettdecke weiter, mit der Taschenlampe, oder, besser, ihr gebt das Euren Eltern, die euch dann leider nicht in die große Theaterburg von König Frank Castorf mitnehmen.

Denn es geschehen recht garstige Dinge in der Wohnstube, die Hofbaumeister Bert Neumann mit hässlichen Sitzmöbeln eingerichtet hat. Die Schauspieler Alexander Scheer und Herbert Fritsch ziehen sich nackt aus – und ziehen sich am Schniedel. Lebendige Ziegenböcke – und eine Krähe – werden herumgezogen, womit die Regie gegen das alte Theatergesetz verstößt, dass Tiere und Kinder nichts verloren haben auf der Bühne. Nun, es sind doch große Kinder, so wie es bei Hans Christian Andersen heißt, am Schluss seiner „Schneekönigin“: „Da saßen die beiden, Erwachsene und doch Kinder, Kinder im Herzen . . .“

Die Tiere sind dann auch schnell wieder verschwunden, und es sind die Menschen, die ihre ungemütliche, aber anfangs doch ordentliche Wohnung in ein glitschiges Chaos verwandeln. Märchen sind grausam, das wissen wir ja, aber die Märchen des Dänen Andersen sind besonders grausam und traurig. Weshalb Frank Castorf sie mal in die Nähe von Tarantinos „Pulp Fiction“ rückt (Fritsch und Scheer als Sonnenbrillen-Killer in schwarzen Anzügen), mal Coppolas „Apocalypse Now“ zitiert , mit Volker Spengler als Reinkarnation des dicken Marlon Brando, der das „Grauen“ beschwört, „das Grauen, das Grauen“.

Castorf entdeckt Andersen und in Andersen sich selbst: die Biografie des wundersamen, wunderbaren Poeten, der als mittelloser junger Mann in die große Welt zog, um Theaterkünstler zu werden. Theater als Befreiung, das ist immer schön und dazu auch noch wahr. Wo sonst, wenn nicht in der Volksbühne, spielt ein Volker Spengler eine Fee mit hauchzarten Flügeln, die brummig in der Ecke hockt und sich den Kunstmärchenfiguren als „Agent“ aufdrängt!

In der schönsten, gemeinsten, komischsten Szene dieses etwas anderen Weihnachtsmärchens (jetzt aber wirklich wegschauen, liebe Kinder!) ist Volker Spengler das Dampfbügeleisen, das den Kollegen Fritsch von hinten plättet. Das kommt aus der weniger bekannten Andersen-Geschichte vom „Kragen“, der den anderen altmodischen Bekleidungsstücken im Schrank unsittliche Avancen macht.

Eigentlich ist Herbert Fritsch (ein tolles Comeback!) nicht der Kragen, sondern der Gürtel, der die Menagerie zusammenhält. Wenn Fritsch auftritt – oder sogleich wieder im sumpfigen Sofa versinkt –, dann wird es sofort unwiderstehlich komisch: Aus seinen Augen schaut der kleine, abenteuerlustige Junge, in den er sich mit immer nur einem Wimpernschlag verwandelt. Sein Juniorpartner Scheer, der sich achtlos herumschleudert mit seinen schlackernden Gliedmaßen, als wäre er ein ausgedientes Spielzeug, mimt sich auf Alt.

So geht das: Regression, Progression. Die Älteren wollen mit aller Gewalt wieder jung sein, die Jungen können nicht schnell genug altern. Daran liegt es wohl, dass Castorfs Monster-Märchen gnadenlos von brillanten Momenten zu langatmigen Passagen wechselt.

Was mögen Henry Hübchen und Martin Wuttke, die erfahrenen Recken im Volksbühnen-Reich, gedacht haben, die bei der Premiere hübsch nebeneinander im Parkett saßen, auf trockenen Plätzen, wo sie der Schneesturm nicht erwischte, der jedes Mal mit ohrenbetäubendem Getöse losbricht, wenn einer die Tür aufreißt? Irgendwie scheint sich Alexander Scheer dem berühmten Kollegen Wuttke anzuverwandeln. Und nicht nur er.

Wiedergeburt! Kluge Menschen haben herausgefunden, dass Andersens Märchentode, auch wenn er viel mit christlichen Symbolen hantierte, fernöstlicher Spiritualität entspringen. Ist das Sophie Rois, die da mit dem Sofa kämpft und mit der riesigen Nacktschnecke, unter der Scheers Kopf hervorlugt? Nein, es ist Birgit Minichmayr. Auch eine stimmlich robuste, mit starker Naturaggressivität ausgestattete Österreicherin. Erinnert nicht die gestiefelte Katze Irina Kastrinidis mit ihren unglaublich großen Augen an andere Volksbühnen-Prinzessinnen? Allein Jeanette Spassova ist immer – Jeanette Spassova! Die leicht entrückte Dame mit blonder Perücke, die in jedem Text dieser Welt den märchenhaften Kern herausschält. Fritsch schleppt einen Reisekoffer an. „Des Kaisers neue Kleider“, na klar. Alte Klamotten. Aber nicht mit der Schneekönigin Spassova! Die küsst kleine Jungs auf den Mund, aber zieht sich nicht aus. Der Abend zieht sich. Weil sie ständig etwas Neues anfangen, nie ein Spiel zu Ende spielen, Andersens kleiner Kay und die kleine Gerda. Warum nur hetzen sie so durchs Märchenland, warum sind sie so ungeduldig, die großen Kinder?

So vieles erinnert an die Castorf-Expeditionen von früher. An die Zeit vor den Videos. An die seligen Zimmerschlachten. Wer kann noch Jimi Hendrix spielen? Wie viele Schauspieler passen in ein Sitzmöbel? Wer hat die meisten blauen Flecke? Was macht Volker Spengler mit zwei Frauen auf der Toilette? Wer holt den Staubsauger? Die ewigen Fragen.

Überall werden die Theatermacher seriös. Hier garantiert nicht. Hier ist der Kaiser gerne nackt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann bügeln sie noch heute. Bis uns der Kragen platzt.

Wieder heute, morgen, 25. und 26. 12.

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