Bühne : Falsche Fuffziger

Nierentische, Petticoats und Toast Hawaii: Die Berliner Schaubühne startet ein Projekt zur „Deutschen Identität“.

Andreas Schäfer

Seit einigen Jahren blüht an deutschsprachigen Theatern die Kultur des ornamentalen Beiwerks. Je schwerer es fällt, die großen Bühnen mit Spannung, Geist oder Witz zu beleben, desto stärker rücken die Nebenschauplätze in den Vordergrund: die kleinen Hinterbühnen für kleine Inszenierungsskizzen oder erste Versuche von Regieschulabsolventen; die Foyers für Podiumsdiskussionen über Globalisierung oder Dichterlesungen oder Kongresse über Liebeskummer; die Kantinen und Nebensäle für Partys und Tangobälle.

Jedes Theater, das wichtig sein will, unterhält neben dem normalen Vorstellungsbetrieb noch eine aufwendige Diskurs- und Unterhaltungsmaschinerie. Das ist im Prinzip eine tolle Sache, denn wenn diese Maschinerie gut läuft, wirft sie interessante Gedanken und eine Menge Spaß ab, die im Idealfall zusammen eine Art Theaterlebensgefühl bilden. Und ein Theaterlebensgefühl ist für ein Theater immer gut – weil es Zuschauer bindet.

Schwierig wird es freilich, wenn das Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie gar nicht mehr stimmt, wenn das Geschehen auf den großen Bühnen so dürftig ist, dass das Feuerwerk Drumherum als Hauptsache oder Alibi herhalten muss. Dann entpuppt sich das diskursive Gesumms als Pfeifen im Walde, mit dem die Intendanten und Theatermacher von ihrer Ratlosigkeit und der schlotternden Angst vor der Weite des leeren Raums ablenken.

An der Berliner Schaubühne, an der man sich seit Thomas Ostermeier aus gutem Grund mehr auf Fleiß als auf Inspiration verlässt, summt es jetzt wieder gewaltig. „60 Jahre Deutschland“ heißt das Riesenprojekt, das nun beginnt und sich bis in den April 2009 zieht, also bis in das Jahr, in dem sich die Gründung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten zum sechzigsten Mal jährt. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, will man sich im Vorfeld der Jubiläen „historisch, gesellschaftlich und politisch“ der deutschen als einer „unbehaglichen“ Identität nähern. Das Projektprogramm ist so umfangreich, dass es in drei Stufen unterteilt werden muss: „Zusammenbrechende Ideologien“, „Deutschlands missratene Kinder“, und den Anfang macht die sogenannte „Deutschlandsaga“, bei der innerhalb der nächsten fünf Monate zu jedem Nachkriegsjahrzehnt drei extra in Auftrag gegebene Minidramen in einem neu eröffneten Studio im Haus gegenüber vorgestellt werden.

Der Stückauftrag zu einem Thema ist eine undankbare Sache. Er rückt die schöpferische Arbeit in die Nähe der journalistischen Forschungsarbeit. Dass Ulrike Syha, Rebekka Kricheldorf und Johanna Kaptein bei ihren Recherchen für ihre Stücke über die fünfziger Jahre allerdings nur auf die naheliegendsten Assoziationen kommen, also auf Spießigkeit (Nierentische), Freiheit (Elvis Presley) und Verdrängung der Toten (Reinlichkeitswahn), zeugt von einer Unbedarftheit, bei der man sich verwundert die Augen reibt. Auch die jungen Regisseure Robert Borgmann und Jan-Christoph Gockel verlassen sich – wie bei einer Jahrzehnteshow auf RTL – aufs Vordergründigste, also auf Requisiten, und stecken die Schauspieler in kanariengelbe Pettycoats oder lassen sie in einen Toast Hawaii beißen, als offenbare sich der Geist einer Zeit einzig an ihren präsentierten Dingen. Statt gut gelaunter Nostalgie wie im Fernsehen herrscht hier freilich eine seltsame, verstiegen ernste Mischung aus übertriebener Empörungseinfühlung und arroganter Denunziation. „Rialto“ (Ulrike Syha) macht sich über Sekretärinnen und die angebliche Amüsierlust der Zeit lustig. „Backfischtod Bad Nauheim“ (Kricheldorf) leidet mit einem jungen Mädchen, das sich einbildet, von Elvis schwanger zu sein. Und das thesenhafte „Fräuleinwunder“ (Kaptein) handelt von einem im Krieg geborenen Mädchen, das sich den Geistern der Toten näher fühlt als der putzwütigen Mutter. Unbehaglich ist an diesem klischeereichen Eröffnungsabend nur eines: die Unreflektiertheit der Autoren und Regisseure, die sie so hochtrabend den armen fünfziger Jahren vor den Latz knallen.

Wieder am 1., 2., 6. und 13. 12.

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