Kultur : Bühne frei

Es war nur ein Versuch: Christoph Hein zieht seine Kandidatur für die Intendanz des Deutschen Theaters Berlin zurück

Christina Tilmann

Den Blick niedergeschlagen, die Hände gefaltet, die Stirn zerfurcht und das Gesicht sehr blass. Blau das Hemd, grau das Jackett, auch der Himmel draußen ist grau, und drinnen im Büro des Berliner Kultursenators herrscht Katerstimmung von der schlimmsten Sorte. Es ist eine besondere, sehr kurzfristig angesetzte Lesung, an diesem Mittwoch um elf Uhr. Es liest der Schriftsteller Christoph Hein. Und er verliest seine Erklärung zum Rücktritt als Intendantenkandidat für Berlins Deutsches Theater. Der gerade für seinen letzten Roman „Landnahme“ gerühmte und mit dem Schiller-Gedächtnispreis ausgezeichnete 60-jährige Schriftsteller spart nicht an deutlichen Worten. Deutlich merkt man ihm an, wie tief ihn die Angelegenheit getroffen hat. Da haut einer um sich, weil er sich verletzt fühlt.

Er sei Opfer einer Kampagne „einiger Zeitungen“ geworden, die sich nicht scheuten, „zu lügen, zu diffamieren und zu denunzieren“, so der ex-designierte Intendant des Deutschen Theaters. Da war die Rede von „massiven Vorverurteilungen“, von der Befürchtung, dass Künstler denunziert werden, weil der Intendant abgestraft werden solle. Eine Arbeit, die erst in zwei Jahren sichtbar beginnen könne, solle „unter allen Umständen vernichtet werden“. Es herrsche ein „absichtsvoll vergiftetes, feindseliges Klima“ in der Stadt.

Harte Worte. Dazu noch Schriftstellerworte. Christoph Hein, kluger Meister der Sprache, muss wissen, was er sagt – und dass er es gerade so sagt, zeigt, wie gestört die Verhältnisse sind in Berlins Kulturpolitik. Er sei gescheitert am „geistigen Klima der Zeit“, so Hein. Diesen Intellektuellen verschlissen zu haben, ist Ergebnis von Thomas Flierls Berufungspolitik. Und Hein bestätigt noch mit seinem ersten, letzten öffentlichen Auftritt jene Stimmen, die zweifelten, ob der theaterpraktisch wenig erfahrene und als scheu und sensibel geltende Hein für diesen Posten geeignet war. Ein Kämpfer, ein Machtmensch, ein Dickhäuter, ein Integrator und Diplomat, wie es ein Intendant nun einmal auch sein muss, ist er einfach nicht. Schlechte Presse aushalten? Kritik die Stirn bieten? „Ich würde lieber nicht“, sagt Christoph Hein.

Was ist passiert? Am gestrigen Mittwoch hätte eigentlich der Vertrag unterzeichnet werden sollen, der Hein ab2006 zum Intendanten des Deutschen Theaters kürt, als Nachfolger von Bernd Wilms. Dass er nicht unterzeichnet werden würde, muss intern schon länger klar gewesen sein. Er habe in vielfältigen Gesprächen versucht, Hein davon abzuhalten, vorschnell aufzugeben, so Kultursenator Thomas Flierl. Aber ab einem gewissen Punkt sei dieser nicht mehr umzustimmen gewesen. Am 23. Dezember teilt Christoph Hein dem Senator mit, dass er „den erteilten Auftrag an den Senat zurückgebe“ und seine Kandidatur für den Intendantenposten zurückziehe.

Thomas Flierl, der gerade erst mit Michael Schindhelms Berufung zum Intendanten der Opernstiftung mit Müh und Not ein kulturpolitisches Desaster verhindert hat, steht vor einem neuen Scherbenhaufen. Eine Findungskommission, die Mitte Januar erstmals zusammentritt, soll ihn bei der Kandidatensuche beraten. Nicht jeder war bereit, den Posten zu übernehmen, gibt der Senator zu: Findungskommissionen in Berlin haben nicht den besten Ruf, seit für die Intendantenkür am Berliner Ensemble einst eine berufen wurde, obwohl der Intendantenvertrag mit Claus Peymann schon verhandelt wurde. Nun haben Ulrich Khuon, Intendant des sehr erfolgreichen Hamburger Thalia-Theaters, Wolfgang Engel, geschätzter Intendant des Leipziger Schauspiels und Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung, den Job fürs DT übernommen. Und Thomas Flierl täte gut daran, auf seinen neuen Beraterstab zu hören.

Denn wegen seiner Personalpolitik ist der gern als Einzelgänger agierende Senator in letzter Zeit regelmäßig ins Gerede gekommen. Von unsauberen Beratungsmethoden war in beiden Personalfragen, der Opernstiftung wie der Theater-Intendantensuche, die Rede. „Ich halte mich nach wie vor dazu legitimiert, Personalentscheidungen zu treffen“, so Flierl auf der Pressekonferenz. Rücktritt? Irrtum? Falsche Frage. Und der Fall Hein? Eine „Versuchsanordnung“, um auszutesten, was möglich ist in der Stadt.

Eine Versuchsanordnung – und eines der größten und wichtigsten deutschen Theater als Versuchskaninchen? Das klingt zynisch – und meint vielleicht doch etwas mehr. Denn Senator Flierl hat durchaus Vorstellungen davon, welche Art von Theater er haben will an diesem Ort. Positiv gewendet: „Das Deutsche Theater soll wieder ein zentraler Ort der kulturellen Verständigung in Deutschland werden.“ Negativ gewendet: „Ich will kein Theater, das so vielfältig ist wie die Welt.“ Also klare Linien, klare Begriffe, Abgrenzung von den anderen Theatern und keine Vielfalt, sondern die Verständigung auf eine bestimmte Interpretation der Welt. Nennt man es einen Rückfall in „Dogmatismus und autoritäre Systeme“, wie prominente Schauspieler des Deutschen Theaters in einem offenen Brief an den Senator, fühlt sich dieser prompt diffamiert. Das Deutsche Theater, wie Bernd Wilms es führt, sei zwar beim Publikum beliebt und vom Programm her vielfältig, gibt er zu. Er selbst sei in letzter Zeit auch mehrfach dort gewesen, durchaus mit Interesse. Doch eine „Vision für das Deutsche Theater“ sieht er nicht.

Es geht also um inhaltliche Vorstellungen des Senators vom Theater, um Theaterästhetik – wie es auch schon in der Debatte um Christoph Hein um Theaterästhetik ging, und um Theaterpraxis. Darum, welche praktischen Erfahrungen jemand mitbringen müsse, um die Intendanz eines der größten und personell schwierigsten Theater der Republik zu übernehmen. Und darum, mit welchem Mitarbeiterstamm solches zu bewältigen sei. Er habe in den ersten zwei Monaten nach Flierls Angebot vielfältige Gespräche geführt, so Christoph Hein. Und erst, als er eine Mannschaft zusammen hatte, sei er auf das Angebot eingegangen. Nun gibt er als Grund für den Rückzug an, dass manche dieser Künstler aufgrund der „massiven Vorverurteilungen“ ihre Zusagen zurückgezogen hätten oder zumindest zögerten. „Und ich kann es ihnen nicht verdenken: Es ist schwierig, wenn man gegen Mauern arbeitet.“ Die Befürchtungen, aufgrund der Diskussion vorab denunziert oder abgestraft zu werden, nennt Hein „durchaus realistisch“.

Verfolgungswahn nennt man das gemeinhin. Mit der Frage nach Ost oder West ist offenbar ein besonders wunder Punkt berührt worden. Die „Heftigkeit, mit der die Entscheidung für Christoph Hein primär vor der Folie ostdeutscher Herkunft gespiegelt“ worden sei, habe ihn überrascht und „in ihren extremen Varianten entsetzt“, so Senator Flierl. Dabei hat er die Frage der Ostherkunft mit unglücklichen Äußerungen selbst ins Spiel gebracht. Und Hein sekundiert mit einer Anekdote: Direkt nach der Wende sei er von zwei größeren Häusern gefragt worden, ob er die Intendanz übernehmen wolle, und habe abgelehnt aus der Einsicht, dass es mit der deutsch-deutschen Geistes- und Theatereinheit wohl noch vierzig Jahre dauern werde. Damals sei er als Pessimist gescholten worden. Heute sehe er sich eher als Optimisten. Und muss sich nun nur eins vorwerfen: „Ich habe den großen Fehler gemacht, dass ich nicht auf mich gehört habe.“

Gewiss: Dass dieser Herbst 2004 eine späte und besonders heftige Wiederauflage der Ost-West-Debatte mit all ihrem Verletzungen und Ungerechtigkeiten erlebte, ist nicht zu bestreiten. Und müßig vielleicht, darüber zu sinnieren, wer damit angefangen hat, als Angriff oder als Vorausverteidigung. Ist es doch einer Berliner Zeitung immerhin einen ganzen Aufmacher Wert, Hein gegen das degradierende Attribut eines „ostdeutschen“ Schriftstellers zu verteidigen. Als ob hier von seinen Qualitäten als Schriftsteller überhaupt jemals die Rede gewesen wäre. Und als ob es in Berlin, Ost wie West, keine Theatererfolgsgeschichten gebe, von Schaubühne bis Volksbühne.

„Ich erlebe diese Absage auch persönlich als Schlag“, sagt der Senator noch zum Schluss, und erhofft sich einen „Moment des Nachdenkens, auch auf Seiten der Kritiker. „Dies ist kein Tag für triumphale Gesten.“ Das kann er laut sagen.

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