Bühne : Improtheater: Allzeit bereit

Eine Bühne, ein paar Stichworte – und los geht das Spiel. Improtheatergruppen aus Berlin treten nun in einer eigenen Liga gegeneinander an.

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Niemals zu Null! Maja Mommert und Tobias Triebswetter beim Wettkampf um Publikumspunkte.
Niemals zu Null! Maja Mommert und Tobias Triebswetter beim Wettkampf um Publikumspunkte.Foto: Paul Zinken

Griechenland retten? Hm. Machen wir das? Nee, oder? Doch? Okay, wir machen es! Die Spieler der Berliner Gruppen Paternoster und frei.wild überlegen kurz – aber im Improtheater kann man sowieso auf nichts vorbereitet sein. Warum nicht gleich die ganz großen Themen verhandeln? Genau. Los geht’s also. Aber wo? Hat das Publikum noch einen Schauplatz für uns? Knast!, ruft einer. Okay, Knast.

Es ist eine Freude und eine kontinuierliche Überraschung für Zuschauer und Spieler, welche Kurven die Geschichte nimmt, die Tobias Triebswetter und S. Kjel Fiedler (Paternoster) und Roland Fauser und Maja Mommert (frei.wild) auf der Bühne der Alten Kantine der Kulturbrauerei aus dem Moment heraus entwickeln. Vom griechischen Gefängnisschornstein in ein New Yorker Bankbüro in eine polnische Holzfällerhütte und zurück, nicht wiederholbar, kaum nacherzählbar, aber voller Spielwitz und Pointen, voll mit Selbstironie und immer wieder mit Musik. Denn wenn der Moderator findet: „Das klingt nach einem Lied“ – dann wird gesungen.

Generalprobe, Premiere und letzte Aufführung zugleich

„Jede Show ist stets Generalprobe, Premiere und letzte Aufführung zugleich“, sagen frei.wild über sich, was die erstaunliche und höchst unterhaltsame Kunstform des Improtheaters auf den Punkt bringt. Aber an diesem Abend ist die Show noch etwas: ein Wettstreit. Eine Jurorin vergibt Punkte, das Publikum hält nach jeder Szene Stimmkarten in die Höhe, der Moderator zählt – und am Ende steht es 11:7 für Paternoster, die sich damit souverän an der Tabellenspitze der Improliga Berlin behaupten – zwei Matches, zwei Siege, frei.wild bleibt auf dem zweiten Platz.

Berlin ist die Hauptstadt der Freestyle- Mimen, mehr als 30 Gruppen stehen hier fast jeden Abend auf der Bühne, vom Laien bis zum Profi, vom Impro-Krimi über Comedy bis hin zur Langform. Um für die Zuschauer einen Überblick und ein „Qualitätssiegel“ zu schaffen und zugleich für die Szene „Austausch und Inspiration“, haben fünf der bekanntesten Gruppen die Improliga gegründet. Im Verlauf des Turniers trifft jede Gruppe einmal auf jede andere, das Finale findet am 20. Dezember im Frannz Club statt. In der kommenden Saison 2012 soll die Liga um ein sechstes Team erweitert werden, um welches, soll ein Qualifikationsturnier zeigen.

Die erste Theatersport-WM fand in Deutschland statt

Die Improliga ist die erste ihrer Art in Deutschland – und in Berlin mit seiner großen Szene sicher am besten Platz. Der Wettbewerbsgedanke ist dabei nichts Neues für die Freestyle-Mimen: Der von dem britischen Schauspieler und Regisseur Keith Johnstone erfundene „Theatersport“ lebt davon, dass Teams ihre Improvisationsfähigkeiten messen, gegen- und miteinander um die Gunst des Publikums ringen. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 fand schon die erste Theatersport-WM in Deutschland statt. 16 Teams nahmen damals teil, im Finale in Berlin spielte Kanada gegen Belgien 27:27 – beide Teams teilten sich schließlich den Weltmeistertitel.

Die 1995 gegründete Gruppe Theatersport Berlin war damals Mitveranstalter – und ist auch bei der Improliga dabei. An diesem Dienstag hat die Gruppe die Chance, im Match gegen den aktuellen Tabellenletzten Foxy Freestyle von der 4. Position auf Platz 2 aufzurücken. Das fünfte Team heißt: Turbine William wie die Birne. Wie die anderen hat auch diese Gruppe regelmäßige Auftritte außerhalb der Liga, man kennt sich, besucht sich mitunter für Gastauftritte, viele Spieler sind mehreren Gruppen aktiv. Zu den Liga-Begegnungen entsenden die Teams, die zwischen vier und 15 Mitglieder haben, immer jeweils nur zwei Spieler – sonst würde die Bühne schlicht zu voll werden.

Stört der Wettbewerb? "Mich macht das geil!"

Bei einer Ligabegegnung treten die Teams gegeneinander an, etwa indem beide eine Szene zum gleichen Thema spielen, und sie entwickeln gemeinsame Szenen, bei denen das Publikum die Gruppe wählt, die das Spiel besser vorangebracht hat. Aber stört der Wettbewerb nicht die Kreativität? Oder spornt er an? „Mich macht das geil“, sagt Paternoster- Spieler S. Kjel Fiedler lachend. Auch Maja Mommert von frei.wild, die zwischenzeitlich 6:0 zurücklag, sagt: „Wenn wir zu Null verloren hätten, wäre ich mit sooo einer Fresse hier rausgegangen“ – sie zeigt, wie weit sie die Mundwinkel herunterziehen kann. Da lege man dann doch noch eine Schippe drauf.

Für den Ligabetrieb haben alle Gruppen eigens Wappen kreiert, die auf die jeweiligen farbigen Trikots genäht sind: ein Schriftzug, ein Küken, eine Birne. Das übergreifende Logo der Improliga ist ein goldener Bär, mit Krone auf dem Kopf und Lyra sowie Totenschädel in den Händen. Ein hübsches Bild: ein bisschen Hamlet, ein bisschen Berlinale – und garantiert nie die alte Leier.

Auch Schlagfertigkeit lässt sich üben

Denn die wichtigste Regel beim Improtheater lautet: „Don’t be prepared“, so schreibt es Stegreif-Guru Keith Johnstone: Sei nicht vorbereitet. Es wäre auch unmöglich: Ein paar Stichworte aus dem Publikum, ein Schauplatz etwa, eine geschichtliche Epoche, eine Tätigkeit – die Spieler holen sich spontane Impulse und reagieren darauf. „Man betritt eine neue Welt“, sagt S. Kjel Fiedler. „Man begibt sich auf die Suche. Vielleicht findet man was. Eigentlich genau wie im Leben.“ Es gehe darum, wachsam zu sein, offen, den inneren Zensor auszuschalten und einfach zu spielen – wie ein Kind. Genau das trainieren die Impro-Spieler bei ihren Proben. Auch Schlagfertigkeit lässt sich üben. Zudem hilft es, dass viele Gruppenmitglieder ausgebildete Schauspieler sind, die über zusätzliches Handwerkszeug verfügen: Tanzen, Singen, Deklamieren – wer weiß, wann es nützlich sein kann.

Doch dass plötzlich, nach einer halben Stunde Spiel, die Verbindung zwischen griechischem Gefängniswärter und polnischem Holzfäller einen Sinn ergibt, dass kleine Witze von vor zehn Minuten plötzlich eine ganz andere Szene pointieren, dass mit etwas Glück und der richtigen Saalstimmung kein Zuschauer mehr auf die Idee kommen würde, dass die da oben auf der Bühne am Anfang des Abends das tolle Stück, das sie da spielen, noch nicht kannten – das ist letztlich einfach unerklärlich. Und lustig. Und schön.

Improliga Berlin, jeden Dienstag im Frannz Club in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg. Beginn: 20 Uhr, Tickets 14/10 €.

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