Bühne : Theater für verwundete Seelen

Heute wird der Regisseur Thomas Langhoff 70.

Christoph Funke

Spät erst, mit vierzig Jahren, hat Thomas Langhoff zum ersten Mal erfolgreich im Theater Regie geführt. Er war sich nicht sicher, dafür begabt zu sein, dem Vorbild und der Lebensleistung seines Vaters Wolfgang Langhoff glaubte er nicht standhalten zu können. Zögernd erst, auf Umwegen, nahm er dann doch die große Herausforderung an. Das Deutsche Theater Berlin bestimmte das Leben der Langhoff-Familie, und mit und in diesem Theater, das der Vater 17 Jahre lang, von 1946 bis 1963 leitete, verbrachte Thomas Kindheit und Jugend. Er wusste früh um Glanz und Grausamkeit des Theaterbetriebs.

Während sich der um drei Jahre jüngere, sehr selbstbewusste Bruder Matthias Langhoff schnell von der Familie trennte und als Regisseur in enger Zusammenarbeit mit Manfred Karge ab 1961 am Berliner Ensemble eigene Wege ging, blieb Thomas unentschlossen. Schauspieler – ja, da konnte er sich nach dem Studium ausprobieren, große Rollen spielen. Regisseur aber, nach missglückten Versuchen in Potsdam und im Schatten des geliebten Vaters? Nein.

Albert Hetterle brach den Bann und holte den 1938 in Zürich geborenen, am Potsdamer Hans-Otto-Theater erfolgreichen Schauspieler als Regisseur ans Maxim-Gorki- Theater. Anlass dazu waren bildmächtige Arbeiten Langhoffs im Fernsehen, die für das noch junge Medium eine völlig neue Ästhetik erschlossen. 1978 kam im Gorki Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ auf die Bühne, als erste Regiearbeit Thomas Langhoffs. Plötzlich gab es einen neuen Ton. Schon hier tat sich auf, was den Regisseur von nun an beschäftigte: Menschen in ihrer Wahrhaftigkeit auf die Bühne zu bringen, vorurteilslos, ehrlich, ohne Besserwisserei. Langhoff inszeniert mit temperamentvoller Entdeckerfreude, und dabei gelassen, überlegen, weitsichtig.

Am Maxim-Gorki-Theater fand Thomas Langhoff zu seiner Bestimmung als Regisseur, 1980 arbeitete er zum ersten Mal auch am Deutschen Theater („Maria Stuart“). Es folgten Inszenierungen in München, Wien und Hamburg, in Frankfurt, Salzburg und wieder am Gorki. Nach Tschechows „Drei Schwestern“ brachte Langhoff dort 1988 Volker Brauns „Die Übergangsgesellschaft“ auf die Bühne, das mit einem reinigenden Feuer endende Stück über den geschichtsnotwendigen Abschied von der DDR.

Die Entscheidung zur Übernahme der Intendanz des Deutschen Theaters fiel 1991. Thomas Langhoff stellte sich der Aufgabe, weil er ein Ensemble bewahren wollte, eine Sozietät einzigartiger Schauspieler. Das Deutsche Theater hatte ja seit vielen Jahrzehnten ganz aus sich heraus gelebt, es war in der DDR ein Refugium, eine Insel, besonderer Ort künstlerischen Reichtums. Es musste sich nach der Wende neu finden, seine Besonderheit im plötzlich harten, nicht zuletzt auch ökonomischen Wettbewerb ungewohnt anders definieren. Langhoff verschloss sich neuen Ideen nicht – Heiner Müller, Frank Castorf, Einar Schleef arbeiteten kurze Zeit an der Schumannstraße, in der Baracke begann Thomas Ostermeier seinen Weg – aber die „Sozietät“ war nicht zu halten. Bedeutende Inszenierungen wie „Das Käthchen von Heilbronn“, „Der Turm“, „Kriemhilds Rache“ oder „Ithaka“ steuerte er bei, ohne den Produktivitätsverlust des Theaters aufhalten zu können. 2001 endete Langhoffs Vertrag, gegen seinen Willen, und doch, wie er bekannte, „es war eine schwierige, eine schöne Zeit“.

Seitdem arbeitet er wieder als freier Regisseur, auch an der Oper, in München, Wien und Berlin. Am Berliner Ensemble regelmäßig. „Solange ich selber einen Spaß habe, von dem ich verantwortungsbewusst meine, sein Resultat sei anderen Leuten zuzumuten, so lange werde ich inszenieren. Für verwirrte Köpfe und verwundete Seelen“. So steht’s in dem Gesprächsbuch „Spielzeit Lebenszeit“ von Hans-Dieter Schütt, das zum Geburtstag im Verlag Das Neue Berlin erschienen ist. Ein Menschenerkunder, freundlich, neugierig, humorvoll. Christoph Funke

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